Marcel Fratzscher (Präsident DIW Berlin)Foto: Stephan Röhl

Marcel Fratzscher – Gestatten, Hofastrologe

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Bevor General Wallenstein im Dreißigjährigen Krieg in die Schlacht zog, konsultierte er seinen Hofastrologen Giovanni Seni. Dieser konnte zwar nicht in die Zukunft blicken und wusste auch nicht, welchen Einfluss der Mars auf die Schlagkraft eines Gevierthaufens haben würde. Aber wenn Zweifel an seinen deuterischen Fähigkeiten aufkamen, konnte er seine politischen Vorstellungen und Ratschläge im Zweifelsfall immer damit begründen, dass er schließlich Astrologe sei und schon wisse, was richtig und was falsch sei.

Charles II. von England gründete 1675 sogar ein eigenes Observatorium, um die Konstellationen von Sonne und Planeten besser erforschen zu können. Ob eine günstige Sternenkonstellation das Attentat auf sein Leben vereitelte, ist nicht bekannt. Bekannter ist das heute noch existierende Observatorium Greenwich in England, das für eine Reihe von astronomischen Errungenschaften berühmt ist, – auch wenn keiner der Astronomen jemals die Zukunft richtig vorhergesehen hat.

Doch wer Hofastrologen für ein Relikt vergangener Zeiten hält, irrt. Auch Olaf Scholz hält sich einen eigenen Hofastrologen. Er heißt Prof. Marcel Fratzscher. Fratzscher studierte in Kiel, Oxford und Harvard. Im Jahr 2002 habilitierte er sich für Ökonomie in Florenz, arbeitete für die Weltbank, beriet die indonesische Regierung und war gern gesehener Mitarbeiter bei allerlei Banken, Stiftungen und Instituten. Von 2001 bis 2012 war Fratzscher in verschiedenen Funktionen bei der EZB tätig und genießt unter Top-Ökonomen zweifellos ein gewisses Ansehen.

Umso erstaunlicher ist es, wie ein Mann mit diesem Intellekt im Jahr 2016 zu dem Schluss kommen kann, dass die Migranten der Flüchtlingswelle maßgeblich zum Wohlstand unseres Landes beitragen und eines Tages unsere Renten bezahlen werden. Fratzscher prophezeite, dass ein Flüchtling schon nach sieben Jahren mehr erwirtschaften soll, als er den Staat kostet.

Die Wissenschaft irrt sich empor. Es ist sogar unvermeidlich, dass sich Forscher irren. Aber Fratzschers Theorien liegen so oft außerhalb der Empirie und fern jeder bürgerlichen Vernunft, dass man sich fragen muss, ob das Irren nicht System hat. Selbst der FAZ ist aufgefallen, dass Fratzscher auffällig oft SPD-Themen wie etwa die „Ungleichheit in Deutschland“ bedient, die dann gerne von SPD-Größen, wie Martin Schulz aufgesogen und skandalisiert werden können. Zum Dank dafür ernannte Sigmar Gabriel Herrn Fratzscher 2014 zum Vorsitzenden einer eigenen Kommission zur Stärkung von Investitionen in Deutschland.

Damit ist Fratzscher endgültig im Heerlager unserer Anführer angekommen. Spätestens seit diesem Zeitpunkt ist davon auszugehen, dass es Herrn Fratzscher mehr darum geht, den eigenen politischen Einfluss auszubauen und die astrologischen bzw. ökonomischen Grundlagen für die eigenen politischen Ansichten zu liefern. Viel Gegenwind dürften seine Prognosen nicht erfahren. Ein paar weggelassene Daten und ein wenig Hokuspokus sollten schon ausreichen, um einem Kinderbuchautoren etwas aufzuschwatzen. Letzterem sprang Fratzscher sogar sofort zur Seite, als Habeck seine legendären Äußerungen über Unternehmen tätigte, die aufhören zu produzieren, aber nicht insolvent gehen. Ein Hotel, das im Winter vorübergehend schließen muss, würde nicht pleitegehen, wenn der Staat nur genügend Subventionen bereitstellen würde.



2021 begrüßte Fratzscher noch Inflationsraten von 3% und prophezeite „keine Probleme“ für 2022. Jetzt, wo wir zweistellige Inflationsraten haben, ist das für Fratzscher natürlich kein Widerspruch. Schließlich ist nur so die Transformation zu einer grünen Wirtschaft zu organisieren, und überhaupt müsste Rindfleisch eigentlich fünfmal teurer sein. Der Umwelt zuliebe.

Seit 2013 ist Fratzscher Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, (DIW). Das DIW vertritt vor allem alte keynesianische Theorien in neuer Verpackung. Geht es nach Fratzscher, sollen sich zum Beispiel finanzstarke Bundesländer besser für Länder wie Berlin engagieren, die das Geld dann in Form von kostenlosen Kitas und Sozialabgaben für genau die Klientel verschwenden, von der Herr Fratzscher 2015 noch prognostizierte, dass sie eines Tages unsere Renten zahlen würde.

Der Haussegen beim DIW soll schiefer hängen als in Wallensteins Heerlager nach der Schlacht um Stralsund. Vorstandsmitglied Stefan Liebig warf 2022 das Handtuch und kritisierte Fratzscher für “fehlendes Vertrauen, beständige Auseinandersetzungen, Eingriffe in die wissenschaftliche Arbeit sowie letztlich auch ein Klima der Einschüchterung,”. Dennoch genießt das DIW einen Nimbus, der Fratzscher zu einem willkommenen Gast in allen möglichen deutschen Talkshows macht.

Und so kommt es, dass Herr Fratzscher regelmäßig bei Markus Lanz vor 1,7 Millionen Zuschauern seine Weisheiten zum Besten geben darf. Zum Vergleich: Auf jeden gut informierten Abonnenten der KRAUTZONE kommen also 1700 Boomer, die mit dem Glauben ins Bett gehen, dass das mit der Inflation nichts mit der astronomischen Geldmengenausweitung der EZB zu tun hat, sondern mit einer ganz schlechten Sternenkonstellation, für die niemand verantwortlich gemacht werden kann. Na dann, gute Nacht.

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