Von Wolfgang Thurmann
โDulce et decorum est pro patria mori!โ, hieร es bereits bei Horaz. Mit dem Satz wurden seinerzeit die Primaner, Handwerker, Lehrlinge, Kรผnstler und Studenten entlassen und an die Front geschickt. Dort erwartete sie das Grauen, unsagbare Grรคuel, Tod oder das zufรคllige รberleben, das sie aber ihr ganzes Leben nicht mehr froh machen sollte. Traumatisierung war damals noch ein Fremdwort, aber die โKriegszittererโ sind immerhin gut dokumentiert, ebenso die, welche im Traum immer wieder aufgeschrien haben.
Daher hat man seit dem 19. Jahrhundert โ frรผhestens seit dem Krimkrieg 1853/56 โ drastische Fotos Verstรผmmelter und Verfaulter vermieden, auch im Sezessionskrieg 1861/65 und in der Schlacht bei Kรถniggrรคtz 1866. Im Deutsch-Franzรถsischen Krieg 1870/71 gings noch halbwegs heroisch ab, etwas drastischere Bilder gab es aber dann bereits vom Russisch-Japanischen Krieg 1904/05.
Ganz anders im 1. Weltkrieg. Gab es anfangs darรผber noch eine Art Postkarten-Romantik stรผrmender Mรคnner oder geschmรผckter Heldengrรคber, wurde schon bald die grausige Realitรคt per Film eingefangen, oftmals aber nur nachgestellt, doch die zerfetzen Leiber und umherliegenden Gliedmaรen konnten genauso wenig verborgen werden wie die vierfach Amputierten oder die vรถllig entstellten Gesichter der รberlebenden. Im 2. Weltkrieg waren hรผben wie drรผben beflissene Propaganda-Kompanien tรคtig, doch wurde der heroische Schein durch viele eindrucksvolle Privatfotos konterkariert, wiewohl aus gutem Grund das Fotografieren auch fรผr die Landser naturgemรคร verboten war.
Was dann von Korea, Vietnam bis Irak aus USA-Sicht nicht aufgenommen werden durfte oder hรถchstens als menschenleere Schlachtkulisse dargestellt wurde, soll hier nicht weiter erwรคhnt werden. Bekannt ist immerhin, dass die US-Army regelmรครig patriotische Kriegsfilme mit finanziellen Mitteln unterstรผtzt. Dies taten sie natรผrlich schon einmal nicht bei Terrence Malicks grandiosem Antikriegs-Film โDer schmale Gratโ (1998).
Der eigentliche Skandal liegt also stets im Verschweigen, Verschleiern und Wegschauen von der Wirklichkeit des Krieges, ja der Entfachung von Aggression durch Propaganda und Desinformation! Der Ukraine-Krieg bietet uns dazu das beste Beispiel. Den einstmals pazifistischen Grรผnen kรถnnen plรถtzlich nie genug Panzer aufrollen, die Schnapsnase Jean-Claude Juncker bekennt lauthals, das Freiheit vor dem Frieden kรคme, allerhand brรคsige Ex-Generรคle, deren Kriegserfahrung hรถchstens aus Scharmรผtzeln am Hindukusch herstammt, gefallen sich in strategischen Geschwurbel und so manches TV-Studio wird unversehens zu einem militรคrischen โLagezentrumโ, wo รผber die Vorzรผge von Kriegsgerรคt und diversen taktischen Manรถvern endlos geschwรคtzt wird.

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Besonders widerlich geht dabei die โBildโ-Zeitung vor. Hier wird meistens das Gefechtsfeld von oben gezeigt (nicht ohne stets die Authentizitรคt zu betonen), um dann Panzer, Stellungen oder Hubschrauber wie in einem Art Video-Spiel auszuknipsen. โPanzer lรถscht Nazi-Sรถldner ausโ, so ein einschlรคgiger Kommentar dazu. โAuslรถschenโ, โAusschaltenโ โNeutralisierenโ oder โErledigenโ sind dabei die gรคngigen Vokabeln unserer linken, groรmรคuligen Meisterstrategen. Dass in so einem beinahe malerisch explodierenden Gefรคhrt gerade etliche an die Front gezwungene junge Menschen zerrissen und verbrannt werden oder schwer verwundet nach ihren Mรผttern rufen, ficht diese moralisch gewendeten Kriegstreiber natรผrlich nicht an. Ebenso wenig, wie die empfindungslos gemachten amerikanischen โSoldatenโ vor ihren Video-Schirmen in Stuttgart oder Ramstein, wenn sie ihre todbringende Drohnen-Last tausende Kilometer (Achtung Frau Baerbock!) weiter auf Zivilisten abladen. Ja, auch dies ist in einem immer noch okkupierten Deutschland tรคgliche Realitรคt!
Die zunehmende Entmenschlichung erschlieรt sich im Gesprรคch mit manchen Zeitgenossen erst so richtig, wenn oft spรผrbar entgeistert auf die Schilderung รผber einen traumatisierten รberlebenden, der im Afrika-Feldzug aus einem brennenden Panzer ausbootete, reagiert wird. Der Verfasser dieser Zeilen hat solches spontane Erinnern in seiner Jugend unter sehr dramatischen Umstรคnden selber miterlebt und nie mehr vergessen. Ja, immerhin รผberlebt, aber was ist mit den gegenwรคrtig abgeschlachteten โHeldenโ in der Ukraine, den โFreiwilligenโ und den Zwangsrekrutierten auf beiden Seiten? Sie sind lediglich bedauernswerte Opfer eines falschen Patriotismus, der sich aus Grรถรenwahn, Groรmachtstreben und waffenindustriellen Interessen zusammensetzt.
Befeuert von ethisch heruntergekommenen Hetzern, denen ein paar Wochen an der realen Front in Blut und Schlamm von ganzem Herzen zu gรถnnen wรคre! Bizarr รผberdies, dass man offenbar nun auch nur ein paar (begrenzte?) Atomschlรคge in Kauf nehmen mรถchte, so als ob allen davon Betroffenen damit auch noch der letzte Rest an Vernunft und Phantasie ausgetrieben werden sollte.
Der groรe deutsche Lyriker Gรผnter Eich schrieb im 2. Weltkrieg sein berรผhmtes Gedicht โLatrineโ, das auf Hรถlderlins Hymne โAndenkenโ (1803) Bezug nimmt. Eich paraphrasiert es bitter, indem er Schlamm, Blut und Verwesung thematisiert, mit den Verszeilen Irr mir im Ohre schallen/Verse von Hรถlderlin. Die durch und durch verlogene Kriegspropaganda, die sich allermeist mit den bzw. dem โIdealenโ tarnt, geht nicht mit der Wirklichkeit zusammen. Wer das noch immer nicht begriffen hat, dem wird auch nicht mehr zu helfen sein. In vรถlliger satanischer Verkehrung aller Werte, die uns noch geblieben sind, kรถnnte die รถsterreichische Friedensnobel-Preistrรคgerin Bertha von Suttner, deren Todestag sich 2024 zum 110. Mal jรคhrt, mit ihrem hรถchst aktuellen Appell โDie Waffen nieder!โ schlieรlich ja auch noch als Vorkรคmpferin fรผr die Unfreiheit bezeichnet werden, wer weiร?

