Es ist nur eine Rolle

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Auszug aus dem 1. Kapitel von Odin, Nietzsche und der Pfad zur linken Hand

So wie die Sonne sich selbst erleuchtet, ist Bewusstsein sich selbst bewusst. Die Sonne strahlt aus sich heraus und erhellt so die Erde und den Mond. Wir Menschen nehmen die Sonne auf der Erde als Tageslicht wahr und sehen nachts, wie der Mond Sonnenstrahlung reflektiert. Die Sonne illuminiert Erde und Mond von außen – sich selbst hingegen von innen.

Und so illuminiert sich auch Bewusstsein von innen, erfährt sich selbst, kennt sich selbst, ist sich selbst bewusst. Das ist unsere innerste essentielle unveränderliche Natur: Sich selbst illuminierendes Bewusstsein.

Einmal König sein

Aus all dem folgt: Wir sind Bewusstsein und wir haben ein Selbst. Dieses Selbst ist das Knäuel unserer psychischen und körperlichen Strukturen samt all ihrer Aktivitäten, wie Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Träume, Triebe und Impulse. Wir alle identifizieren uns mit uns selbst – und das im Regelfall so gründlich, dass wir vergessen, wer wir eigentlich sind. Rupert Spira, ein britischer Non-Duality-Teacher, erläutert das gerne mit folgender Analogie:

Der Schauspieler John Smith spielt König Lear, den Hauptcharakter der gleichnamigen Tragödie von William Shakespeare. John Smith identifiziert sich so stark mit König Lear und geht so in seiner Rolle auf, dass er seine wahre Identität vergisst. Er hält sich für König Lear.

Entsprechend heftig leidet John Smith an den Intrigen gegen den König und der französischen Invasion Englands. Er geht nicht einfach nur auf die Bühne und spielt König Lear, sondern er wird zu König Lear – er identifiziert sich mit ihm und übernimmt dadurch auch dessen Sorgen und Nöte.

In der Rolle

Nach der Aufführung sitzt John Smith tief bekümmert in der Garderobe. Ein anderer Schauspieler sieht ihn und fragt ihn, was los ist. John Smith antwortet, dass er der König von England ist, das gerade von Frankreich angegriffen wird und dass zwei seiner drei Töchter ihn verraten haben und er deswegen sehr unglücklich ist. Sein Kollege erinnert ihn daran, dass er nicht König Lear sondern John Smith ist.

Nach einem kurzen Moment der Verwunderung lacht John Smith erleichtert auf. Die Identifikation mit seiner Rolle löst sich auf und damit auch all seine Sorgen und Nöte. All sein Leid endet in dem Moment, in dem er sich seiner wahren Identität erinnert.

Und so endet unser Leid sobald wir die Identifikation mit unseren Gedanken und Gefühlen aufgeben und wir uns unser wahren Natur erinnern. Nicht du leidest, sondern dieses Knäuel aus Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen mit dem du dich identifizierst. Alle diese internalen Bewusstseinsobjekte sind lediglich Aktivitäten deines Geistes, Funktionen deiner psychischen Strukturen.

Sein und Bewusstsein

Dass du diesen Geist mit seinen Strukturen und Aktivitäten hast, ist völlig richtig, gesund und gut – so wie es auch gut und richtig ist, wenn sich John Smith für die Dauer der Vorstellung mit König Lear identifiziert, um ihn gut zu spielen. Lediglich das Vergessen der wahren Identität hinter der Rolle ist problematisch.

Und genauso sind unsere Gedanken und Gefühle kein Problem, nur die Überidentifikation mit ihnen, wenn wir vergessen, wer wir wirklich sind. Denn letztendlich bist du nicht deine Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Träume, Triebe und Impulse – sondern das Bewusstsein, dass deine Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Träume, Triebe und Impulse wahrnimmt.

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