Sechs Freunde sprengen Nord Stream

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Wisst Ihr noch, wie in den Medien vor einem halben Jahr schnell die Rede davon war, nur ein staatlicher Akteur wäre in der Lage gewesen, die Nord-Stream-Pipelines zu sprengen? Tja, offenbar tun‘s auch sechs mit niemandem von Bedeutung verknüpfte Leute auf ‘ner kleinen Segeljacht. Was man nicht alles als Normalsterblicher so schaffen kann, und das ohne irgendwelche strafrechtlichen Konsequenzen! Wahrlich inspirierend. Ich spreng am Wochenende dann mal eben den dicken fetten Damm von den Chinesen. Hat zufällig jemand noch was von Silvester übrig? Das Tischfeuerwerk langt, legt mir einfach mal ein paar Knallerbsen und einen Ladyknaller zur Seite, und schwupps kriegen die blöden Hundefresser nasse Füße. Oder kennt ihr noch diese knisternden grünen „Power Balls“, das wahrscheinlich Beste aus dem „Ab 14“-Feuerwerk? Eine Google-Suche verrät mir aber, dass die Firma Keller, die sie herstellte, leider bereits Pleite gemacht hat.

Sechs Freunde auf einem Bötchen sind also verantwortlich dafür, die betonummantelten Pipelines im Wert von an die 20 Milliarden Euro unbemerkt in 70 bis 80 Metern Tiefe gesprengt zu haben, um anschließend ein halbes Jahr lang damit davonzukommen. Ob Timmy der Hund auch seine Pfoten mit im Spiel hatte, bleibt ungewiss. Die Nationalität der Täter ist unbekannt. Die einzige nähere Information zu ihnen, abgesehen von ihren Rollen in der Crew (bestehend aus zwei Tauchern, zwei Tauchassistenten, einem Kapitän und einer Ärztin), ist, dass sie zwar pro-ukrainisch gesinnt, aber nicht in Kontakt mit ukrainischen Regierungsvertretern sein sollen.

Verhaftet wurde, eigenartigerweise, noch niemand. Anderthalb Tonnen Sprengstoff haben die Lausbuben dafür stibitzt und durch Polen und Deutschland gefahren, bevor sie von Rostock aus auf der „Andromeda“ damit in See stachen. Der Rest ist Geschichte, so die US-Geheimdienste, die vergangene Woche, also genau einen Monat nach Seymour Hershs Enthüllungsstory, ihre eigene Version der Geschehnisse veröffentlichten. Ob ein Zusammenhang damit besteht, dass gerade erst einer der bekanntesten Investigativjournalisten der Welt ihre Regierung bezichtigte, in Zusammenarbeit mit Norwegen diesen Terroranschlag auf die zivile Infrastruktur ihrer eigenen Verbündeten durchgeführt zu haben, ist natürlich unklar. Sagen wir so: Der beste Look ist diese zeitliche Abfolge nicht.


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Im „Focus“ debunkt man unterdessen eine Beteiligung Amerikas wie auch der Ukraine an den Sprengungen mit demselben Argument: Eine solche Aggression hätte die Zusammenarbeit mit Deutschland zu sehr gefährdet. Zack, Akte geschlossen, die Russen waren es: „Denn nun ist klar: Wenn [s]ie in der Lage sind, ihre eigene Pipeline in die Luft zu jagen, dann können sie das auch mit anderen Pipelines machen – beispielsweise mit der ‚Baltic Pipe‘, die norwegisches Gas nach Polen transportiert.”

Wir halten es also auch sechs Monate später immer noch mit der These: „Schieß dir selbst ins Bein, damit der Feind weiß, dass du des Schießens fähig bist.“ Dabei sehen wir hier recht anschaulich genau das Szenario, welches Leute wie ich für den Fall einer amerikanischen Täterschaft damals schon vorgezeichnet haben: An der harmonisch geeinten Front gegen den Iwan dürfen bei der Allgemeinheit keinerlei Zweifel aufkommen, also belassen wir es bei stümperhaften Scheinversuchen, den Täter zu ermitteln (wie vor fünf Monaten, als die Bundespolizei bei ihrer Untersuchung des Tatorts geeignetes Tauchequipment vergaß und einfach wieder nach Hause schipperte), einer Menge Rumgedruckse und Mahnungen, keine Mutmaßungen anzustellen, und letztlich dann eigenen Mutmaßungen darüber, dass die Russen es waren, größtenteils basierend darauf, dass die Amis dafür viel zu nett sind.

Daher will ich zuletzt noch einmal folgende Frage in den Raum stellen: Was ist wahrscheinlicher: dass der brisanteste Sabotageakt seit dem Zweiten Weltkrieg westlichen Militärs und Sicherheitsbehörden einfach so durchgeflutscht ist und für sämtliche Geheimdienste daraufhin ein halbes Jahr lang nicht zu lösen war, bis man auf die sechs Freunde und ihre Jacht stieß (obwohl es in Wirklichkeit aber dann doch wieder die Russen waren), oder dass man intern sehr wohl schon lange Bescheid weiß, wer hinter dem Anschlag steckt, man es uns aber nicht sagen will, weil die Antwort, mit de Maizière, „die Bevölkerung verunsichern“ könnte?

2 Comments

  1. Ich sehe den Wert davon nicht die absichtlich gestreuten Gerüchte und Irreführungen der New York Times, die eine Geschichte darin hat von Geheimdiensten platzierte Desinformationen zu veröffentlichen, in süffisantem Ton zu kopieren nur das man selbst etwas zum veröffentlichen hat. Deutschland als Akteur der Geopolitik ist eine ernste Angelegenheit und nichts für Quotenjäger mit TikTok Videos. Welche Konsequenzen lassen sich schon, egal welcher Staat beteiligt war, daraus ziehen, von einem Haufen Internet Clowns. Alles andere ist Seifenoper Drama über wer mit wem.

  2. Europas 9/11, nur kauft wirklich keiner die Story vom Unschuldigen Amerikaner oder die Ausflüchte der Gauleiter Parteien. Da hilft es auch nicht das equivalent vom Taliban in der Höhle der einen koordinierten Angrif aufs wtc durchführte zum besten zu geben, nein es braucht tote Amerikaner, am besten den gesamten Kontinent von der Pest säubern, ach was die ganze Welt kann auf den Ami verzichten

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