TMI – Too much Intimity

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Von Katharina Michel

Wenn der Progressive freizügig ist, muss dann der Konservative prüde sein? Jein, denn Erotik lebt vom Reiz des Verborgenen. Wie aber soll man jemanden noch reizend finden angesichts allgegenwärtiger Geschlechtsteile?

Ich komme aus einer Familie, die viel Wert auf weibliche Tugenden legt, allen voran die Keuschheit. Darum blieben mir als Pubertierchen seinerzeit nur die Dr. Sommer-Seiten oder gar auf schülerVZ mit ortsfremden Kerlen anzubandeln. Trotz (oder vielleicht doch wegen?) meines offensiven Gebarens wurde ich zu keinem Zeitpunkt mit dick pics überschüttet.

Selbstverständlich liegt es mir fern, mich über ausgebliebene sexuelle Belästigung zu beklagen! Vielmehr möchte ich die Aufmerksamkeit des geneigten Lesers auf den real existierenden Sexualismus lenken. Diese Ausgeburt der Hölle begegnet einem beim Evangelischen Kirchentag, beim Ausstellungsbesuch und, wenig überraschend, beim Waffelessen. Doch der Reihe nach!

Im Sommer 2019 wagte sich die sonst so unparteiische EKD an die Enttabuisierung der weiblichen Intimsphäre. “Vulven malen” hieß ein Workshop beim Evangelischen Kirchentag und hat aus meiner Sicht nur dafür Tadel verdient, dass nicht mit eigenem Menstruationsblut gemalt werden durfte. Wer nicht glaubt, dass der Feminismus auch zur modernen Kunst Brücken aus erneuerbaren Ressourcen schlägt, lese bitte den einschlägigen Vice-Artikel.

Apropos Kunst. Seit 2021 befindet sich in Graz das Vulvarium, eine Galerie voller Vulven-Gips-Abdrücke. Betreiberin ist Viktoria Krug (she/her), eine vegane Studentin für Biologie und Englisch auf Lehramt (!) mit –  man mag es kaum glauben – einem Problem-Pony. Warum sie das weibliche Pendant zu dick pics produziert? Damit die Leute sich selbst und der Welt beweisen können, wie normal sie in Wahrheit sind… 5 weitere Gründe, gleich heute einen Termin bei ihr zu vereinbaren, gibt es auf der Vulvariums-Website.

Wer sich an den Scham(losen)lippen noch nicht sattgesehen hat, kann sich in Berlin-Kreuzberg buchstäblich an ihnen sättigen! Bei Adam & Eve Waffles, das ursprünglich Papii Waffles hieß und vermutlich keine patriarchal-repressiven “Who’s your daddy?”-Sprüche ermutigen wollte, gibt es vegane Waffeln in Pullermann- und Mumu-Form. Diese Babysprache ist ausnahmsweise angebracht, werden die Gemächtswaffeln doch in einem rosafarbenen Etablissement und zudem mehrheitlich mit rosafarbenem Essdekor verkauft.

Nun könnte man monieren, dass die Verfasserin eine spaßbefreite alte Jungfer ist. Doch ist es nicht vielmehr so, geneigte Leserschaft, dass die Intimsphären anderer Menschen noch reizvoller waren, als sie einem nicht in isolierter Form allerorten entgegenschlugen?

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