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Wettbewerb der Ideen? Fehlanzeige!

21. Juli 2022

„Worauf es ankommt, sind nicht die Jahre in deinem Leben, sondern es ist das Leben in deinen Jahren“. Denkt man über diesen vordergründig ermutigenden Spruch etwas genauer nach, gerät man schnell in Konflikt mit dem eigenen Weltbild. Zu leicht vergisst man am Abend in geselliger Runde die Konsequenzen, die der genau genommen schon dritte über den Durst genossene Schoppen Wein am nächsten Morgen zeitigen wird, wenn die Pflicht wieder ruft. 

So ist das eben mit diesen Sprüchen. Ihre Interpretation ist situationsbedingt. Grundsätzlich ist das kein Problem, denn es liegt in der Natur des Menschen, sich Dinge schön zu reden und Entscheidungen vor sich selbst zu rechtfertigen. Gefährlich wird es erst dann, wenn man beginnt, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, weil man die meisten seiner Handlungen von solchen Bonmots abhängig macht – nicht selten, ohne es zu bemerken. Um das etwas genauer darzulegen, sei ein Beispiel erlaubt: der Alltag. Wie läuft er in der Regel ab? Aufstehen, Frühstücken, Geld verdienen, Feierabend. Während dieses Ablaufs werden wir permanent mit Werbesprüchen bombardiert und verwenden Gegenstände, die wir käuflich erworben haben. Sei es die Zahnpastatube, das T-Shirt, das wir tragen, das Auto und nicht zuletzt das Mobiltelefon, unser liebster ständiger Begleiter. Irgendetwas hat uns bei jeder der Anschaffungen dazu veranlasst, genau dieses Produkt zu kaufen.

Halten wir kurz inne und überlegen, was der genaue Auslöser war: Preis, Qualität, Lage im Supermarktregal, Verfügbarkeit? Wahrscheinlich spielt all das eine gewisse Rolle. Ist man jedoch ehrlich zu sich selbst, muss man sich eingestehen, dass sehr sehr häufig irgendein Werbespruch uns die Entscheidung aufgedrängt hat. „Es gibt sie noch, die guten Dinge“ – wer damit wirbt, hat in mir zum Beispiel einen potenziellen Kunden gefunden. „Power to You“ verführt vielleicht einen anderen, genau diesen Internetanbieter zu wählen. „Weils Spaß macht und schmeckt“ lässt einem Dritten das Wasser im Mund zusammenlaufen. 

Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Sie durchzuziehen unser Leben, seit Menschen Handel treiben, ja, wahrscheinlich schon viel länger, denn es geht um nichts anderes als uns davon zu überzeugen, wir hätten einen Vorteil davon, wenn wir uns für das Angebot eines bestimmten Anbieters entscheiden und nicht für das eines anderen. Jede persönliche Entscheidung wird davon geleitet: Partnerwahl, der Beruf, bei welcher politischen Partei wir unser Kreuzchen machen. Wir sind manipulativ und lassen uns manipulieren. 

Aber, wir wissen es, die Zeiten haben sich geändert. Es fand ein Wandel statt – auch in der Art und Weise, wie man uns manipuliert. Ging es bis vor wenigen Jahren noch darum, mögliche Interessenten für ein Produkt zu gewinnen oder zu einer bestimmten Entscheidung zu überreden, werden heute in der alle Lebensbereiche umfassenden Werbung Narrative bedient, die geschickt miteinander verwoben und hochgradig politisiert sind. Dabei geht es nicht mehr darum, jemanden vom Vorteil zu überzeugen, sondern vielmehr darum, die eigene Grundeinstellung und das Weltbild zu formen. Dabei spielen Kriterien wie Langlebigkeit oder die Verbesserung der eigenen Lebensqualität eine bestenfalls untergeordnete Rolle. „Kaufe mein Produkt, dann bist du ein besserer Mensch“ oder „Wähle diese Partei, und die Welt wird bunter“ steht heute hinter all den Phrasen, die uns bewegen sollen, eine Entscheidung zu treffen. Der Ursprung des Gegenstands der Wahl ist dabei vollkommen zweitrangig, die Waren, Parteien, Universitäten, Firmen, Stromanbieter sind austauschbar. Wenigstens solange sie dem vorgegebenen Mantra folgen. Wagt es doch einmal ein Dissident auszuscheren, wird er schnell in seine Schranken verwiesen. Ein Hollywoodfilm ohne Diversity? Viel Glück. Ein Computerspiel, das im Mittelalter angesiedelt ist und ganz ohne LGBTQ+ auskommt? Ein Teufelswerk. Eine wissenschaftliche Masterarbeit, die den Menschen gemachten Klimawandel hinterfragt? Abgelehnt. 

Nein, es geht heute nicht mehr darum, sich als der beste zur Wahl stehende Kandidat zu präsentieren, um den Wählenden für sich zu gewinnen. Wir haben schlicht und ergreifend keine Wahl mehr. Man versucht, uns gleichzuschalten, Konkurrenz war gestern. Da hilft es auch nichts, wenn wir uns später versuchen, einzureden, wir hätten uns richtig entschieden, indem wir uns eines netten Kalenderspruchs bedienen. Es mag am Ende das Leben in unseren Jahren und nicht die Jahre unseres Lebens zählen, aber nur dann, wenn es auch unser Leben war, in dem wir wählen konnten und das wir selbst bestimmt haben. 

Autor

Gastautor

Hier schreiben unsere Gastautoren, bis sie sich in unserer klebrigen Mischung aus Hass und Hetze verfangen, und schließlich als regelmäßige Autoren ein eigenes Profil bekommen.


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