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exc-5fdd23c35fd78a1387940a50 Amrei-Marie, CC BY-SA 4.0, Wikicommons)

Die Weiße Rose und die Linken

19. Dezember 2020

Nachdem sich vor ein paar Wochen eine gewisse Jana aus Kassel auf einer Querdenken-Demo mit Sophie scholl verglich, erntete sie einen Sturm des Spotts und der Empörung. Dieser zog auch aus unserem Lager über sie her (zumindest was den Teil mit dem Spott angeht), aber vor allem echauffierten sich die Linken über diesen dämlichen Vergleich.

Jana aus Kassel verharmlose die Verbrechen der Nationalsozialisten heißt es, sie schmücke sich mit fremden Federn noch dazu: denn schließlich habe Sophie Scholl ihren Widerstandsakt mit dem Leben bezahlen müssen, während Jana ihren Schwachsinn von der Polizei geschützt vortragen kann. Soweit ist die Empörung noch berechtigt.

Die Dreistigkeit beginnt dann, wenn die Weiße Rose in den heutigen antifaschistischen Kampf hineingezogen wird, wenn sich die Linken in dieselbe Tradition wie die Scholl-Geschwister stellen, im Kampf gegen „Nazis“ und „Faschismus“. Sobald man sich jedoch näher mit der ideologischen Traditionslinie der Weißen Rose und den Ideen der Mitglieder beschäftigt, wird einem klar, wie perfide die historischen Tatsachen verklärt und verdreht wurden.

Wie lassen sich die Mitglieder der Weißen Rose nun weltanschaulich einordnen? Vielleicht sollte man sich dazu den Werdegang der vielleicht wichtigsten Figur der Gruppe, Hans Scholl, zu betrachten. Obwohl von seinen Eltern mit christlichen Idealen erzogen, trat er 1933 mit 15 Jahren der HJ bei. Gegen den Willen seines liberalen Vaters engagierte er sich mit Begeisterung für die Ulmer Ortsgruppe des Jungvolks.

Aufgebaut wurde diese Gruppe von Max von Neubeck, welcher in der Weimarer Republik Mitglied der bündischen Jugend war und deren Ideale und Stil in die Gruppe übernahm; so wurden dort u. a. bündische Lieder gepflegt. Die Bündische Jugend entstand in der Weimarer Zeit aus der Wandervogel-Bewegung, die vor dem Ersten Weltkrieg eine der wichtigsten Jugendbewegungen in Deutschland war. Sie vertraten christlich-konservative Werte, hatten als Gegengewicht zur Moderne eine mystisch-romantische Ästhetik; Vorbilder waren vor allem mittelalterliche Ritterorden, wodurch Ritterlichkeit insbesondere für die männlichen Mitglieder ein hohes Ideal war.

Verpflichtet war man den Werten und Zielen an sich, nicht dem Gruppenführer oder anderen menschlichen Autoritäten. Hinzu kommt auch ein elitärer Anspruch der Mitglieder: Man konnte nicht so einfach Mitglied werden, vielmehr suchten sich die Verbände Jungen oder Jugendliche und fragten diese, ob diese nicht Lust hätten; ebenso wurden viele Anfänger ausgesondert.

Von diesen Idealen stark geprägt, wandte sich Scholl immer mehr vom Nationalsozialismus ab. Der Fanatismus und die brutale Autorität, die er in der HJ kennenlernte (sein Gruppenführer von Neubeck hatte sich 1935, gegen den Willen Scholls, der Parteilinie unterworfen), widerten ihn immer mehr an. 1937 wurde er wegen „bündischer Betätigung“ zusammen mit Teilen seiner Geschwister (darunter seine Schwester Sophie) kurzzeitig verhaftet.

Später wurde er in die Wehrmacht eingezogen, er erlebte den Krieg in Frankreich und später an der Ostfront. Auf dem Rückweg in die Heimat sah er das Elend im Warschauer Ghetto. Zu dieser Zeit hatte er längst Kontakt zu anderen Mitgliedern der Weißen Rose aufgenommen, die ersten Flugblätter waren schon verteilt. Mit dem Kriegseinsatz fand Hans Scholl, ebenso wie seine Mitstreiter, endgültig zum christlichen Glauben. Kurz vor seiner Hinrichtung bat er einen Seelsorger, ihm das Hohelied der Liebe aus dem Korintherbrief sowie den 90. Psalm vorzulesen.

Und nun? Wir wissen also, dass diese Leute gewiss keine Progressiven waren, keine Sozialisten, keine Linken. Als „Antifaschisten“ gelten sie eben nur, weil sie den Nationalsozialismus aktiv bekämpften, nicht wegen ihrer Ideologie. Würden Hans und Sophie Scholl heute ihre Ideen verbreiten, man würde sie definitiv als Konservative, wenn nicht gar als Rechte, Reaktionäre oder gar „Faschisten“ (mal ganz im Ernst, hat dieser Begriff für einen von euch überhaupt noch eine wirkliche Bedeutung, oder ist er nur noch zur inhaltsleeren, aber dafür schwerwiegenden Worthülse verkommen?) brandmarken.

Also gehen wir jetzt zu den Linken und sagen ihnen: „Haha, Hans Scholl hatte mehr mit uns gemeinsam als mit euch, ha!“? Natürlich nicht. Es würde nichts bringen, sie würden es müde weglächeln und mit den Schultern zucken. Dass Linke entweder elendige Heuchler und Lügner sind oder einfach dumm wie Scheiße wissen wir ja, wir wollen diese Leute auch nicht überzeugen, sondern besiegen. Folgendes sollte da getan werden: Das rechte Lager darf zwar nicht das gleiche wie die Linken machen und sich in die Traditionslinie der Weißen Rose stellen (es sei denn, man hat, wie es in den Teilen der Neurechten der Fall sein könnte, wirklich sehr große ideologische Übereinstimmungen), gleichzeitig darf es aber auch nicht zulassen, dass wir unseren Gegnern in dieser Hinsicht das Feld überlassen.

Manchen Normies, insbesondere der Millenial- oder Z-Generation, könnte man die wahren Gedanken der Scholl-Geschwister und der Weißen Rose durchaus näherbringen, gerade dann, wenn Linke versuchen, diese wieder für sich selbst zu vereinnahmen und sie der Welt als tapfere „Antifaschisten“ (was ja nichts anderes als ein Euphemismus für Linke aller Couleur ist) zu verkaufen. Der stete Tropfen höhlt den Stein, und vielleicht kann man es tatsächlich schaffen und einige Normies dazu bringen, gerade solche für die Identität der Bundesrepublik so wichtigen Figuren wie die Weiße Rose vom linken Zeitgeist zu entkoppeln und als konservative, wenn nicht gar rechte Figuren darzustellen und somit die Dominanz der Linken über die Wahrnehmung des Widerstands im Nationalsozialismus nach und nach zu brechen.

Fridericus Vesargo

Aufgewachsen in der heilen Welt der ostdeutschen Provinz, studiert Vesargo jetzt irgendwas mit Musik in einer der schönsten und kulturträchtigsten Städte des zu Asche verfallenen Reiches. Da er als Bewahrer einer traditionsreichen, aber in der Moderne brotlos gewordenen Kunst am finanziellen Hungertuch nagen muss, sieht er sich gezwungen, jede Woche Texte für die Ausbeuter von der Krautzone zu schreiben. Immerhin bleiben ihm noch die Liebesgrüße linker Mitstudenten erspart…


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