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Die Lubitel 166B

28. August 2020

In der Reihe Warenfetischismus stellen unsere Autoren irgendein Ding vor. Vielleicht Gerümpel aus Kindertagen oder eine kürzliche Entdeckung auf dem Flohmarkt. Diese Sache war vielleicht teuer oder ein Schnäppchen. Ein Geschenk oder Diebesgut. Man weiß es nicht. Jetzt steht es jedenfalls im Regal und wird betrachtet. Seine Geschichte will erzählt werden.

Die Lubitel 166B ist die etwas räudige, etwas abgeranzte Ostblockfreundin der Rolleiflex. Zweitere wollte ich immer haben, erstere ist dann bei mir gelandet. Das ist nicht gerade charmant, aber so ist das im Leben. Mit dem Ebay-Verkäufer habe ich gefeilscht, wie mit einem Zuhälter. Er wollte sie loswerden, diese schwarze Plastikkiste mit den großen, traurigen Augen. 50€ oder so hatte er ursprünglich verlangt, 30 oder so hat er dann von mir bekommen. Für eine Rolleiflex hätte ich locker 200 hinblättern müssen und auch wenn ich damals wirklich viel fotografierte, Ahnung hatte ich nur sehr wenig.

Nein, es war schon gut so. Damals war ich regelrecht vernarrt in die Idee mit möglichst spartanischer Aussstattung das Beste zu machen. Naja, und dann war die Lubitel auch noch sowjetisch. Ich erwarb damit also auch ein Stückchen Ostblock. Das fand ich irgendwie cool. In der Sowjetunion waren alle gleich, aber auf einer ganz miesen Stufe. Deswegen bekamen auch alle den gleichen, miesen Apparat zu kaufen und machten die gleichen, miesen Bilder. Alle waren gleich mies drauf. Alle anderen kauften sich etwas vernünftiges.

Das Teil kam dann also bei mir an. Man war ich aufgeregt, als ich es aus dem Karton rausholte. Hatte mich der Verkäufer auch nicht verarscht? Klappte wirklich alles? Ich hatte vorher noch nie eine TLR-Kamera in der Hand. Verschluss? Klappte! Zeiten? Keine Ahnung, klang vernünftig. Es konnte also losgehen! Die Ergebnisse waren…

Blick durch den Sucher.

Blick durch den Sucher.

… blyat. Ja, was hatte ich denn erwartet? Der Unterschied zwischen der BRD und meiner Geduld ist, das letzteres klare Grenzen hat. Deswegen landete das Ding erstmal in der Ecke. Jahre später bastelte ich mir einen Adapter, mit dem ich Kleinformatfilme in die Kamera einsetzen konnte. Das war immerhin billiger, als die teuren Mittelformate zu versauen. Fühlte sich irgendwie sowjetisch an. Überzeugte mich aber nicht. Die Kamera wanderte ins Regal und fing Staub.

Kennen Sie das, lieber Leser, wenn Sie etwas erst so richtig exzessiv betreiben, jedem Menschen in ihrer Umgebung damit auf den Sack gehen und plötzlich, wie auf Knopfdruck, haben Sie keine Lust mehr darauf? So war das bei mir mit der Fotografie. Ich habe ein paar Jahre keine Bilder mehr gemacht. Meine Kameras haben Staub gefangen.

Jetzt hole ich die Lubitel wieder aus dem Regal. Achja, die gute Lubitel, diese AK-47 unter den Kameras. Ein hässliches Teil. Schwarzer Plastik, industrielle Massenware. Billig, simpel, mies. Aber auch wesentlich. Was sie können muss, kann sie ja. Man darf nicht zu viel von ihr erwarten. Aber von wem darf man das schon. Im Kühlschrank liegt noch ein Mittelformatfilm. Was meinen Sie, lieber Leser – laden wir die Kiste nochmal durch?

Friedrich Fechter

Fechter studiert im Herzen Deutschlands und muss sich an seiner linksversifften Universität den typischen Gängelungen aussetzen. Er interessiert sich für Kunst, Geschichte und ist Meister der Halbsätze. Als Fechter das erste Mal ein Cover der Krautzone sah, hielt er das pixelige Layout für eine durchtriebene Werbestrategie. "Bestimmt", dachte er sich beim Durchblättern, "hier sind verschlagene Profis am Werk."


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