Filmkritik: Master and Commander (2003)

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Es soll einst eine Zeit gegeben haben, in der die Vorstellung, Filme zu jeder Zeit und von jedem Ort aus schauen zu können, wie Science-Fiction anmutete. Stattdessen ging man ins Kino beziehungsweise wartete sehnsüchtig auf die Veröffentlichung der DVD – Sie wissen schon: Das waren diese runden, glänzenden Scheiben, die man niemals in eine Mikrowelle legen sollte.

Wie das immer so ist: In der Ahnung des eigenen Untergangs schwingt sich eine Kunstform zu ungeahnten Höhen empor – man denke an die Malerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die sich mit der jungen Fotografie messen lassen musste. So ähnlich war das mit den Kinoproduktionen in den frühen 2000ern.

Aus einem mir unerfindlichen Grund (es wird mit dem Algorithmus zu tun haben) wurden mir in letzter Zeit viele nostalgische Reminiszenzen von „Master and Commander“ in die Timeline gespült. Und da ich nicht an Zufälle glaube, musste ich mir diesen großartigen Film noch einmal (zum zehnten oder elften Mal) ansehen. Ich kann nur sagen: Sie, lieber Leser, sollten das auch tun…

Aber worum geht es? 1805 kreuzt die britische Fregatte „Surprise“ vor der brasilianischen Küste. Ihr Kapitän Jack Aubrey (Russell Crowe) hat den Auftrag, das französische Kaperschiff „Acheron“ aufzubringen, das seinerseits die Handelsrouten des Commonwealth bedroht. Doch nach dem ersten Zusammentreffen der beiden hölzernen Leviathane stellt sich rasch heraus, dass die „Acheron“ der „Surprise“ an Größe, Besatzung und Bewaffnung haushoch überlegen ist. Der Jäger wird nun zunächst zum Gejagten. Kapitän Aubrey allerdings gedenkt die unrühmliche Verdrehung der Rollen nicht lange hinzunehmen…

Ich will es bei dieser kurzen Zusammenfassung belassen und mich stattdessen auf jene Facetten konzentrieren, die den Film eigentlich und gerade jetzt so unbedingt empfehlenswert machen: Da wäre einmal das Setting selbst. Ein Schiff mit knapp 200 Mann Besatzung auf hoher See. Ein Kampf eben nicht nur gegen den Feind, sondern auch und vor allem gegen die Elemente. „Elemente“ ist ein gutes Stichwort, denn wir sehen hier, wie Männer in ihrem natürlichen Habitat und eingebunden in eine strenge Hierarchie ihren Aufgaben nachgehen. Auf einem Schiff hat alles seinen Platz, jeder Handgriff muss sitzen, alle müssen sich aufeinander verlassen können. Es ist ein miniaturisierter Kriegerstaat, ein nahtlos ineinandergreifendes Getriebe, über das Kapitän Aubrey wacht.

Was treibt diesen Mann an? Die Pflicht, oder um es zeitgenössisch auszudrücken: „Was immer ihre Majestät verlangt.“ Das geschieht nicht unhinterfragt, denn dem Heroen Aubrey steht der scharfsinnige und gleichfalls feinfühlige Schiffsarzt Stephen Maturin (Paul Bettany) zur Seite. Aubrey und Maturin teilen die Liebe zur Musik, und in der Tat schöpft „Master and Commander“ einen erheblichen Teil seines Charmes aus der musikalischen Untermalung – etwa wenn der schwere Seegang und die harte Arbeit auf Deck mit dem feinen Violinenspiel der beiden kontrastiert wird.

Maturin ist im Gegenteil zu Aubrey der Wissenschaft zugeneigt, er hat für die rauen Witze, die bei den abendlichen Trinkgelagen in der Offiziersmesse fallen, wenig Verständnis. Das muss er aber auch nicht – denn hier kommt sie wieder zum Tragen, die Pflicht –, in den Momenten, in denen es auf seine Fähigkeiten ankommt, können sich Aubrey und jeder andere Mann an Bord auf den Arzt verlassen.

Die Notwendigkeit der eisernen Führung von Menschen auf engstem Raum, ohne Möglichkeit zum Ausweichen, ohne die Chance auf Kompromisse oder offene Enden, ist eine Eigenart der Seefahrt und Marinetradition. Schon beim deutschen Kinoklassiker „Das Boot“ macht die Szene des Konvoiangriffs nicht nur aufgrund ihrer verdichteten Spannung großen Eindruck, sondern auch, weil der Zuschauer hier sieht, was möglich ist, wenn unterschiedlichste Charaktere – Sympathen und Unsympathen gleichermaßen – Hand in Hand zusammenarbeiten. Nicht anders ist das auf der „Surprise“. Neben der hohen historischen Akkuratesse in Sachen Ausstattung ist es der ganz große Wurf des Films, die Demografie der Besatzung eines Segelschiffs in der napoleonischen Ära zur Geltung zu bringen: Neben hartgesottenen Besatzungsmitgliedern, von denen die meisten um die 20 Jahre alt sein dürften, sehen wir Offizierskadetten und Schiffsjungen im späten Kindes- und Jugendalter. Auf den ein oder anderen Zuschauer mag das befremdlich wirken, zumal wir hier von einem Kriegsschiff sprechen. Mir hat dieser Aspekt aber gerade damals, als ich den Film mit 12 oder 13 Jahren das erste Mal gesehen habe, sehr gut gefallen.

Es ließe sich jetzt noch einiges über den Film, die Ausstattung und Handlung sagen. Da ist etwa der sensible Fähnrich Hollom, dessen Eignung als Offizier infrage steht und der aufgrund einiger Vorkommnisse bei der abergläubischen Besatzung rasch als Unglücksbringer gilt. Er ist eine tragische Gestalt – einer, der nicht in Aubreys Kriegsmaschine hineinpasst, obwohl sich dieser redlich Mühe gibt. Dann ist da William Blakeney, ein vielleicht erst 12- oder 13-jähriger Fähnrich, der in seinem ersten Gefecht einen Arm verliert, aber als Krüppel dennoch seinen Wert unter Beweis stellt…

Wie gesagt, ich muss es hierbei belassen. Schauen Sie den Film, den es hier übrigens im englischen Original zu sehen gibt:

Und wenn Sie dann Ihre Seekrankheit auskuriert und Ihren Armstumpf ausgebrannt haben, na, dann lesen Sie doch die literarische Vorlage von Patrick O’Brian!