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Die Kriegsgedenkmünze von 1871

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Von Anna Huber

In der Reihe Warenfetischismus stellen unsere Autoren irgendein Ding vor. Vielleicht Gerümpel aus Kindertagen oder eine kürzliche Entdeckung auf dem Flohmarkt. Diese Sache war vielleicht teuer oder ein Schnäppchen. Ein Geschenk oder Diebesgut. Man weiß es nicht. Jetzt steht es jedenfalls im Regal und wird betrachtet. Seine Geschichte will erzählt werden.

Seit Kurzem hängt eine die bronzene Kriegsdenkmünze um meinen Hals. An der Stelle, wo manche das Jesuskreuz tragen, trage ich die Medaille; ebenfalls als Glaubensbekenntnis. Sie gedenkt, erinnert, macht die Geschichte, das Vergangene, die Welt von gestern tastbar – und ist vor allem ein patriotisches Zeichen.

Eigentlich habe ich mich immer dagegen gesträubt, meine Krimskrams-Militaria-Sammlung durch Orden zu ergänzen, denn ich wusste, wie groß das Verlangen, diese Auszeichnungen selbst zu tragen, sein würde – und ich wollte mich nie mit fremden Dekorationen schmücken.

Doch die Versuchung, mir dieses kleine Erinnerungsstück an den deutsch-französischen Krieg 1870/71 zu holen, war größer als der Wille, es eben nicht zu tun, und so erwarb ich die Medaille über Ebay.

Das kleine runde Ding aus Bronze erbeuteter Geschütze wurde zu meinem treuen Begleiter, es hängt als Kette um meinen Hals, zusammen mit zwei (Heil-) Steinen, die für mich vor allem die Fähigkeit zur Transzendenz symbolisieren. Diese Kombination ist nicht zufällig gewählt, denn auch diese Münze verkörpert für mich die Verbindung ins Jenseits, also in eine nicht (mehr) erfassbare Welt; sie macht für mich ein Stück unserer Geschichte tastbar. Sie ermöglich es mir, durch Berührung mit der Welt von damals in Verbindung zu treten. Natürlich nicht wortwörtlich, aber die Idee gefällt mir.

Dass die Kriegsdenkmünze nicht perfekt erhalten ist, macht sie gerade so lebendig. Die etwas plump angeschweißte Öse und die dunklen Flecken entstellen sie keineswegs, sie stufen sie auch nicht zu einem weniger sehenswerten Objekt herab. Im Gegenteil – die kleinen Makel sprechen für ihre martialische Vergangenheit und das hohe Alter. Außerdem ist diese Gedenkmünze kein Vitrinenstück, sie wurde getragen und wird es immer noch, wenn auch nicht am Band.

Ich weiß leider nicht, wem sie ursprünglich gehörte, und ich werde nie dahinter kommen. Derjenige, dem sie verliehen wurde, weiß aber, dass ich sie trage – das bilde ich mir zumindest ein und bekomme Gewissensbisse. Darf man sich mit fremden Orden schmücken?

Nein. Aber ich schmücke mich auch nicht damit, sondern ich trage die Gedenkmünze, wie ein gläubiger Christ sein Kreuz um den Hals trägt. Es ist eine andere Art des Tragens; eine, die voller Demut ist.

Außerdem spendet sie mir – der Leser mag mir den Hang zu latent esoterisch anmutenden Vorstellungen verzeihen – Kraft, denn viele meiner Sorgen erscheinen plötzlich völlig nichtig, wenn ich mich auf ihren weniger schönen Stiftungsgrund besinne: Krieg. Dieser ist zwangsläufig mit Leid verbunden, und was sind meine Leiden im Vergleich zu den Leiden derer, die im Feld standen – brüllend umwölkt von Dampf der Geschütze, sprühend umzuckt von rasselnden Blitzen? Das bizarre Pathos werde ich mir wohl nie abgewöhnen; dieses hier habe ich zugegebenermaßen sogar geklaut, und mache den Leser gerne auf das Gedicht von Theodor Körner »Gebet während der Schlacht« aufmerksam.

Da der Stiftungsgrund ein überaus leidvoller ist, finde ich es außerdem höchst verwerflich, Orden zu bloßen Blechen zu degradieren. Sie sind kein Stück Blech, wenn auch das Rohmaterial, aus dem sie bestehen, kein besonders wertvolles ist. Sie sind eine Auszeichnung, eine Auszeichnung, die dem ausgezeichneten, meist dem Frontkämpfer, verliehen wurde. Er trug kein Stück Blech auf der Brust, sondern die Würdigung für seinen Einsatz.

Manchmal frage ich mich, was der unbekannte Frontkämpfer wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass seine Auszeichnung von einem getragen wird, der nie im Felde stand. Ein Freund meinte einmal zu mir, der unbekannte Frontkämpfer wäre stolz, dass jemand die Erinnerung an ihn wachhält bzw. trägt. Bestimmt, oder? Die Gewissensbisse habe ich jedenfalls bis heute.

Eigentlich halte ich nicht nur die Erinnerung an ihn wach, sondern an alle Soldaten. Der Schriftzug der Kriegsdenkmünze »dem deutschen Heere« ist eine zeitlose Widmung.

Außerdem interpretiere ich selbst noch einige Bedeutungen hinein; so erinnert das Datum 1870/ 1871 beispielsweise an die Gründung des deutschen Kaiserreiches. Damit wird die Kriegsdenkmünze zu einem Bekenntnis zu unserer Vergangenheit, zu unserer geschichtlichen Identität, zu unseren Wurzeln. Zugleich würdigt sie unsere Ahnen, gedenkt aller gefallenen und stärkt die Bindung an die Heimat, indem sie – zumindest von mir – so nah am Herzen getragen wird.

In der Reihe Warenfetischismus erschienen bisher:
Der Pelikan M150 Kolbenfüller
Die Lomo Lubitel 166B

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