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Vom alten Eisen

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Den 1. Mai verbrachte ich auf traditionelle Art und Weise, aber nicht im Sinne des Traditionsbegriffes der Tagesschau. Nein, während in den bundesrepublikanischen Favelas das arbeitsscheue Gesindel in alter Manier etwas aufmucken durfte, während die Staatsmedien dieses Theater routinemäßig relativierten, während sich die Einen fragten, weshalb der “Tag der nationalen Arbeit“ überhaupt noch zelebriert werden darf und während die Anderen auf die berechtigte Frage auch diesmal keine Antwort gaben, währenddessen wanderte ich in bester Gesellschaft durch die heimischen Wälder.

In den Rucksäcken klirrten die Bierflaschen, bei unseren zahlreichen Rasten wurden Brotdosen herumgereicht. Das zarte Frühlingsgrün hatte sich noch nicht in seiner ganzen Pracht entfaltet, denn das Frühjahr war bisher nass und kalt – ein untrügliches Zeichen für die 2 Grad-Klimaerwärmung. Oder so ähnlich.

Jedenfalls war dieser 1. Mai seit langem ein Tag, von dem ich sagen würde, dass er rundherum schön war. Keiner trug Maske, keiner hielt Abstand, das Bier schmeckte. Im Wald war keine Polizei, kein Blockwart, kein “Halte Abstand, bleib gesund“-Trällerer. Man hörte nur die Vögel und uns.

Etwas alkoholisiert stolperte ich irgendwann über einen Gegenstand, der im festgestampften Dreck des Feldwegs kaum auffiel. Es war ein etwa 20 Zentimeter langes Eisenband mit einer Bohrung. Beide Enden schienen abgebrochen, wobei das eine noch die Ansätze zweier geschwungener Ausläufer erahnen ließ. Obwohl stark korrodiert, schloss ich auf eine schmiedeeiserne Bearbeitung.

Natürlich nötigte ich eine Trägerin der Gruppe zur unbedingten Mitnahme dieses rätselhaften Gegenstandes, über den ich in einer Mischung aus Rausch und kindlicher Neugier allerhand Vermutungen aufstellte.

Ein Schwert vielleicht? Nein. Der Ausläufer eines Türscharniers? Ja, vielleicht. Es könnte sich auch um den Teil eines Pfluges gehandelt haben. Vielleicht stammt es auch von einem Anhänger. Wieso lag es da herum?

Jedenfalls klang der Tag bei Grillgut und Hochprozentigem aus. Das Rätsel wurde nicht mehr gelöst und ich vergaß den rätselhaften Gegenstand in den tiefen des Rucksacks.

Einige Tage später händigte mir die Trägerin das in Taschentücher eingewickelte Eisenstück (“Wickel es ein, damit es nicht kaputt geht! Und wehe Du wirfst das weg! Wickel es ein! Hallo!“) wortlos aus. Die Art, wie sie das tat, verriet mir ihre Ignoranz und mangelnde Neugierde ob der rätselhaften Dinge, die man auf Wanderwegen entdecken kann.

Wahrscheinlich erwartete sie von mir, dass ich “den alten Schrott“ entsorge, aber ich denke nicht daran. Ich habe ihn ins Regal gelegt – zu den anderen Sachen. Wenn ich in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten also wieder nur beim obligatorischen Gang zum Bäcker vor die Tür komme, wenn mein einziges Rätsel in der Rückverfolgung eines DHL-Pakets liegt, dann muss ich nur das alte Eisen betrachten und weiß: Das echte Abenteuer wartet irgendwo da draußen.

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