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Der Niedergang des Eurovision Songcontests

28. Mai 2021

Habt ihr am Wochenende das Finale des Eurovision Songcontests gesehen? Nein? Ich auch nicht! Nur durch Zufall, als ich nämlich am Samstag Twitter öffnete, bekam ich mit, dass dieses Gebaren dieses Jahr überhaupt stattfand.

Keine Sorge, viel verpasst habt ihr nicht: Wie seit mehreren Jahrzehnten üblich, bestanden die diesjährigen Beiträge aus meist mittelmäßigen englischsprachigen Popsongs, ab und zu waren die Lieder auch mit Texten anderer Sprachen ausgestattet. So war das Gewinnerlied, ein Rocksong der italienischen Band „Måneskin“, in der Muttersprache der Musiker gehalten.

So weit, so langweilig. Der Eurovision Songcontest, der eigentlich mal „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ hieß – was, bei aller Frankophobie, tausendmal besser klingt als der englische „Globohomo“-Name –, beruhte ja ursprünglich auf einer recht guten Idee: Im Jahre 1956 auf Anregung des Schweizer Journalisten Marcel Bezençon, Mitglied sowohl des Schweizer Rundfunkgesellschaft und der Europäischen Rundfunkkommission (EBU), das erste Mal veranstaltet, sollten bei diesem Musikwettbewerb Vertreter der europäischen Nationen um den Sieg ringen.

Die Europäer wollten nach den verheerenden Kriegsjahren nicht mehr viel von Säbelrasseln wissen, weshalb sie sich nun auf musikalischer Ebene stritten – häufig in Form simpler (aber dafür auch guter!) Schlager. Von 1966 bis 1972 und von 1977 bis 1998 war es verpflichtend, die Lieder in der jeweiligen Muttersprache der Sänger vorzutragen: ein Aspekt, der diesen Wettbewerb in meinen Augen tatsächlich interessant machte, schließlich konnten so die vielen Sprachen des Abendlandes kennengelernt und verglichen werden.

Seitdem diese Regel entfernt wurde, und dazu die Mittelmäßigkeit der Popmusik (ich merke hier nochmal an: Die Mittelmäßigkeit des Schlagers ist dieser bei weitem überlegen) immer mehr Überhand nahm, wurde auch der Wettbewerb immer weiter anglisiert, immer weiter homogenisiert: 2021 waren 20 der 26 im Finale vertretenden Lieder entweder ganz oder teilweise auf Englisch.

Als wäre das nicht schlimm genug, kommt noch hinzu, dass die von Nicht-Muttersprachlern gedichteten Texte allzu häufig qualitativ minderwertig sind. Während die Anzahl der Teilnehmerstaaten kontinuierlich stieg – mittlerweile partizipierten schon Israel und Australien (dank der Engländer und ihres Empires tatsächlich mehr europäisch als „australisch“) am ESC – verkümmerte die Sprachvielfalt von Jahr zu Jahr.

Wo wir gerade bei Thema „Vielfalt“ sind: Politische Botschaften sind beim Wettbewerb verboten – oder zumindest unerwünscht. Dass diese Regel in den letzten zur Farce geworden ist, steht außer Frage. Dieses Jahr z. B. wurden die Teilnehmer aus Weißrussland wegen der eindeutig politischen Botschaften in ihrem Lied zugunsten des dortigen Regimes disqualifiziert, andere politische Inhalte werden, sofern sie die richtigen sind, jedoch gern gesehen – womit wir beim deutschen Teilnehmer des diesjährigen ESC sind.

Wer eine masochistische Veranlagung hat und sich am eigenen Schmerz und Fremdscham ergötzt, der mag sich auf YouTube das Lied „I don’t feel hate“ des Sängers Jendrik (Wer zur Hölle ist das?!) anhören – ich schwöre bei Gott und dem Leben meiner Mutter, ich habe nicht zu viel versprochen.

Dieses Lied samt der Performance dieser jeden Sinn für guten Geschmack missenden Feel-Good-Prediger strotzt nur vor politisch korrekter Einfältigkeit, die auf peinlichste und schamloseste Art und Weise jeden Zuhörer und -schauer mit einem IQ von über 70 beleidigt.

Das androgyne Auftreten des Sängers sei geschenkt, daran stört mich ehrlich gesagt wenig, aber was um alles in der Welt sollte die Dame im Kostüm eines Peace-Zeichens, welches, je nachdem ob ihr linker Arm gestreckt ist oder nicht, sich zum tanzenden Mittelfinger verwandelt, dort auf der Bühne?! Warum musste der Zuschauer so zum Narren gehalten werden?

Natürlich – der Titel verrät es schon – steckt hier hinter die simple Botschaft, dass der Bürger der Schönen Neuen Welt nicht hassen dürfe und alles und jeden zu akzeptieren habe. Den bösen Haidern wird dabei der ausgestreckte Mittelfinger gezeigt – stunning and brave! Nichts neues also, was uns neulinke Medien und Politik nicht sowieso schon rund um die Uhr um die Ohren hauen.

Dass die Globohomo-Moral beim ESC überhand gewonnen hat, ist, soweit ich das mitbekommen habe, das erste Mal 2014 besonders deutlich geworden. Da gewann nämlich der österreichische Transvestit „Conchita Wurst“ den Wettbewerb, was so gut wie überall in Westeuropa als Sieg der „Vielfalt“ und Toleranz gefeiert wurde – im gleichen Jahr übrigens wurden die Teilnehmerinnen aus Russland, die Tolmatschowa-Schwestern, stellvertretend für ihr Staatsoberhaupt Wladimir Putin vom Publikum ausgebuht.

Ein merkwürdiger Kontrast dazu bildet ein „Skandal“, der dieses Jahr den Wettbewerb erschütterten sollte: Scheinbar soll ein Mitglied der italienischen Gewinner-Rockband vor laufender Kamera Kokain geschnupft haben. Es wurde seitens der Band beteuert, dass dies nicht der Fall sei, sogar ein Drogentest wolle man machen.

Da stellt sich mir die Frage, warum angesichts der anderen, viel schlimmeren Degeneration ausgerechnet ein koksender Rockmusiker – ja, wer hätte es gedacht, solche Leute nehmen Drogen! – so skandalisiert wird. Scheinbar hat dieser Wettbewerb keinen anderen Höhepunkt mehr zu bieten.

Zurück zu unserem bundesrepublikanischen Cringefest: Auf musikalischer Ebene bietet der Song, wer hätte es gedacht, nichts Besonderes. Ein paar Akkorde werden auf der Ukulele dahingeschrammelt, darüber ertönt ein bisschen Gepfeife; das sind eben die perfekten Zutaten für einen sinnentleerten Feel-Good-Song – als wäre unsere Ohren nicht schon die letzten zehn, zwanzig Jahre lang im Radio damit belästigt worden.

Immerhin kam das Lied verdienterweise auf den vorletzten Platz. Der Gewinner des ESC wird per Punktesystem ermittelt, jedes Land darf sowohl Jury- als auch Publikumspunkte verteilen; Deutschland bekam von den europäischen Zuschauern keinen einzigen Punkt – anscheinend wollen unsere Nachbarn kein politisch korrektes Erziehungsgeblubber aus der BRD hören. Welch Genugtuung!

Übrigens, einsichtig waren sowohl der Sänger als auch der für die Vorauswahl zuständige NDR nicht – sie wollen keinen Fehler gemacht haben. Natürlich nicht.

Am ESC lässt sich der Niedergang Nachkriegseuropas ablesen wie das Alter eines Baumes an seinen Jahresringen. Ich kann jedem nur empfehlen, sich die Lieder der ersten zwanzig bis dreißig Jahre des Grand Prix Eurovision de la Chanson mal anzuhören. Höhepunkt dürfte da wohl ABBAs Waterloo aus dem Jahre 1974 sein.

Aber welche Worte soll ich zum Eurovision Songcontests der letzten Jahre, insbesondere was die Rolle Deutschlands angeht, finden? Nun, „entartet“ darf ich ja nicht mehr sagen… Aber verkommen ist es allemal.

Fridericus Vesargo

Aufgewachsen in der heilen Welt der ostdeutschen Provinz, studiert Vesargo jetzt irgendwas mit Musik in einer der schönsten und kulturträchtigsten Städte des zu Asche verfallenen Reiches. Da er als Bewahrer einer traditionsreichen, aber in der Moderne brotlos gewordenen Kunst am finanziellen Hungertuch nagen muss, sieht er sich gezwungen, jede Woche Texte für die Ausbeuter von der Krautzone zu schreiben. Immerhin bleiben ihm noch die Liebesgrüße linker Mitstudenten erspart…


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