„Immer weniger junge Menschen essen Sauerkraut…โ Ich drehe das Radio lauter, um zu prรผfen, ob ich das gerade wirklich richtig verstanden habe. Der Reporter spricht weiter und berichtet von einer Straรenumfrage, in der die Befragte angaben, Sauerkraut sei โmatschigโ oder gar โekligโ. Zur Einordnung โ es lief ein Sender des รRR, befragt wurden Berliner. Dass diese Kulturbanausen das Sauerkraut nicht zu schรคtzen wissen, wundert mich nun weniger. Ich stelle das Radio aus und fahre zurรผck und mache mich auf den Heimweg. Raus aus der Stadt, zurรผck in mein Dorf. Dort habe ich nur eines zu erledigen โ Sauerkraut machen! Denn anders, als die dem natรผrlichen Geschmack entfremdete Stadtbevรถlkerung, kenne ich den Wert eines leckeren, frisch zubereiteten Krauts.
Die Sauerkraut-Herstellung hat bei uns eine lange Tradition. Einmal jรคhrlich wird sich getroffen, mitten im Walde auf einem alten Hof, um dann ab dem frรผhen Nachmittag bis spรคt in die Nacht Krautkรถpfe zu reiben, einzustampfen und den ein oder anderen Schnaps zu trinken. Jeder der Anwesenden hat Folgendes im Schlepptau: Weiรkrautkรถpfe (mindestens 20 Kilo), Gewรผrze, Wannen zum Rรผhren, Tonkrรผge mitsamt Steinen und einen Holzstampfer.
Dann geht es auch schon los: Die Kรถpfe werden von den รคuรeren Blรคttern befreit, der Strunk wird herausgeschnitten und die halbierten Krautkรถpfe landen in der Wanne. Danach wird alles gewogen, um die genaue Menge an Salz zu bestimmen, die spรคter hinzugegeben werden muss. Es folgt einer der Hauptarbeitsschritte: das Reiben. Man kann das alles per Hand reiben, das geht aber auf Dauer und bei mehr als zwei Kilo ganz schรถn in die Arme und macht einen nicht froh. Daher wird beim Sauerkrautfest immer eine grรถรere Standreibe verwendet. Einer kurbelt und der Andere schiebt die Krautkopfhรคlften gegen die Schneide. Das geschnittene Kraut fรคllt in die Mengenwanne.

Im Nebenraum brutzeln derweil selbstgemachte Kartoffelpuffer in Leinรถl auf dem Herd. Dazu wird Apfelmus, sowie Butter und Zucker gereicht. Wahrlich ein Gedicht.

Nachdem ich mich mit vier, fรผnf Kartoffelpuffern gestรคrkt habe, geht es wieder zurรผck zum geraspelten Kraut. Dieses wird nun mit Salz, Piment, Lorbeerblรคtter, Kรผmmel und Senfkรถrner gewรผrzt. Nach Belieben kรถnnen auch fein geraspelte Mรถhren hinzugegeben und das ein oder andere Gewรผrz (auรer Salz) weggelassen werden.
Nun heiรt es รrmel hochkrempeln, Hรคnde waschen und alles in der Wanne gut miteinander vermengen. Ist dies erledigt, folgt ein weiterer bedeutender Schritt, wenn nicht sogar der Wichtigste. Man nimmt sich einen Tonkrug, stellt diesen auf einen gepolsterten Untergrund, greift sich aus der Wanne etwas Kraut. Dieses fรผgt man in den Krug und stampft es behutsam, aber dennoch mit Kraft. Dieser Vorgang dauert so lange, bis jedes rohe Stรผckchen angedrรผckt wurde. Das wiederholt man bei jeder Schicht Sauerkraut, die man neu hinzufรผgt. Wichtig dabei ist, dass das Kraut gut verdichtet wird und der ausdringende Saft im Tonkrug aufsteigt. Es ist von Vorteil, wenn man zwischendurch das Kraut immer wieder mit der Faust fest in den Krug drรผckt.

Sind alle Krรผge gefรผllt, wird der รberlaufrand gereinigt, Beschwerungssteine werden auf die oberste Krautschicht gelegt, der Deckel wird aufgesetzt und Wasser wird in den Rand eingefรผllt. Dies verhindert das Eindringen der Luft von auรen nach innen, ermรถglicht aber das Entweichen der Luft aus dem Krug – zu hรถren als leises blupp. Dieses Gerรคusch tritt meist nach ein paar Stunden bis Tagen auf und ist ein Zeichen dafรผr, dass die Fermentation, besser gesagt die Milchsรคuregรคrung, begonnen hat. Die Tonkrรผge mรผssen anfangs an einem wรคrmeren Ort, etwa in der Kรผche, gelagert werden. Spรคter werden sie in den kรผhlen Keller getragen. Wichtig ist es darauf zu achten, dass das Wasser im รberlaufrand stets frisch ist, sprich regelmรครig gewechselt wird. Die Sauerkraut -Entnahme aus dem Topf am besten mit groรem Holzbesteck durchfรผhren und niemals direkt hineingreifen, da dies zum Umschlagen des Krauts fรผhrt.

Aber bis dahin mรผssen wir uns noch gedulden. Ein erfolgreicher Tag neigt sich dem Ende entgegen. Sauerkraut machen kann in meinen Augen jeder, wenn er es nur will. Lasst Euch das von der KRAUTZONE gesagt sein: Vergesst diverse Superfoods aus aller Welt und besinnt euch wieder auf unsere einheimischen Kรถstlichkeiten!
Und hier nun das beste Rezept fรผr DEN Sauerkrautsalat schlechthin. Stifte raus und mitgeschrieben:
Man nehme frisches, rohes Sauerkraut, einen knackigen Apfel, eine feine Porreestange, eine Mรถhre, Salz, Pfeffer und Leinรถl.
Die Mรถhre wird geraspelt, der Apfel in kleine Stรผcke und der Porree in Ringe geschnitten. Diese Zutaten werden unter das Sauerkraut gehoben, im Verhรคltnis von 2:1. Abschlieรend Salz, Pfeffer und einen ordentlichen Schluck Leinรถl hinzugeben und alles miteinander vermischen. Fertig.
Fantastisch schmeckt Sauerkraut auch gekocht zu Grรผtzwurst und Kartoffeln. Ganz egal, wie Ihr euer Kraut esst, die Hauptsache ist, dass ihr es esst.
Guten Appetit!


Auf Arte lief neulich ein toller Film rund ums Fermetieren (ausnahmsweise mal was echt Gutes im รRR) und eine Solawi: „Zu Tisch – Mittelfranken, Deutschland“.
https: //www. arte. tv/de/videos/109007-014-A/zu-tisch/
(Habe mal Leerzeichen in den Link gesetzt, falls Algo oder so)
Ist total spannend, was man noch Allwa fermentieren kann und wie.