Ich bin ein bisschen naiv. Ich komme aus einem Bundesland, in dem die Welt tolerant ist. Tolerant gegenรผber denjenigen, die im Rest von Deutschland als bรถse gelten. Dort braucht man kaum Angst zu haben, wenn man zu Veranstaltungen geht, die keinen Gefallen bei Linken finden. Ich wรผrde sogar so weit gehen, mich manchmal als gratismutig zu bezeichnen, weil ich wegen meiner politischen Einstellung wenig Repressionen erlebe. Ein paar Leute mรถgen mich vielleicht nicht, aber damit kann ich eigentlich ganz gut leben. Dementsprechend naiv meldete ich mich bei einer Sellner-Lesung in Berlin als Teilnehmerin an.
Martin Sellner gilt bekanntermaรen im linken Mainstream als der Antichrist persรถnlich. Mit Demos โGegen Rechtsโ und Einreiseverbot dรผrfte er sich bestens auskennen. Trotz bekannter Schwierigkeiten finden mancherorts trotzdem Lesungen statt โ in diesem Fall auch hier, in Berlin. Beinahe wรคre sie abgesagt worden, aber in den letzten Stunden vor Beginn fand sich noch eine geeignete Location. Relativ spontan fahre ich mit der Bahn zum Treffpunkt. Weil ich doch ein bisschen aufgeregt bin, spreche ich mich mit einer Freundin ab, damit wir zusammen am Veranstaltungsort ankommen. Allein wรผrde ich mich dann doch etwas unwohl fรผhlen.
Meine Aufregung gilt in erster Linie Sellner und in zweiter Linie den Antifa-Fotografen. Sie sind dafรผr bekannt, Teilnehmer solcher Veranstaltungen ohne ihre Erlaubnis abzulichten. Wir wollen nicht fotografiert werden โ und falls doch, bitte wenigstens gut aussehen. So weit, so naiv. Ich erwarte zwei bis drei Fotografen, die auf der anderen Straรenseite lauern, um unsere Gesichter fรผr die Nachwelt festzuhalten. Als wir ankommen, ist nichts los. Die Helfer sind noch dabei, die Fenster abzukleben, damit wir wรคhrend des Vortrags nicht auf dem Prรคsentierteller sitzen. Die Straรen liegen friedlich da โ wie es eben in Berlin mรถglich ist. Ich denke mir: Wenn die Location so spontan gefunden war, was sollte sich denn eine linke Bedrohung so schnell organisieren? Vielleicht wรผrden sie es ja gar nicht mitbekommen.
Wir betreten den Veranstaltungsraum und werden von Martin Sellner mit einem freundlichen Hรคndeschรผtteln begrรผรt. Sellner verhรคlt sich nicht wie der gefรผrchtete Neonazi, sondern eher wie ein netter Typ von nebenan. Er ist wohl etwas รผberrascht, dass auch junge Frauen anwesend sind, und sagt uns, dass es mutig von uns sei, dass wir hergekommen sind. Ich lache und winke ab. Ich habe tatsรคchlich gedacht, er wollte uns nur ein nettes Kompliment machen.
Der Moment der Vorfreude dauert nicht lang an. Inzwischen sind noch einige andere eingetroffen, als plรถtzlich Tumult an der Tรผr losbricht. Ich fahre mit dem Kopf zur Seite und sehe, dass ein oder zwei Personen versuchen, sich Zugang zu verschaffen. Irgendetwas wird gerufen, was ich nicht verstehe. Zum Glรผck blockieren einige mutige Mรคnner die Tรผr. Doch bevor sie zufรคllt, sprรผht jemand eine groรe Ladung Pfefferspray in den Raum.
Es fรผhlte sich an, als hรคtte ab jetzt eine Simulation begonnen. Martin Sellner fordert uns auf, dass irgendjemand die Polizei alarmiert, damit sie uns vor den Linksextremen schรผtzt. Die Fenster der Toiletten auf der hinteren Seite des Gebรคudes werden aufgerissen, damit wir wieder atmen kรถnnen, und die verschiedenen Eingรคnge werden gesichert, bis die 23. Hundertschaft der Berliner Polizei eintrifft, die beim Anblick Sellners ein wenig verwundert aussieht.
Auch wenn wir durch die abgeklebten Fenster nicht sehen kรถnnen, was drauรen tatsรคchlich vor sich geht, so kรถnnen wir die Antifa inklusive der Omas gegen Rechts sehr gut hรถren. Aufgrund der Tatsache, dass die lauten Rufe, Ansagen und die Musik wรคhrend Sellners Vortrag irgendwann zu einem stรถrenden Hintergrundgerรคusch werden, kann ich sie nicht deutlich verstehen.
Obwohl die Situation schon recht beรคngstigend ist, die Veranstaltung zweimal von der Polizei unterbrochen wird und der Wirt zur Eile mahnt, ist die Stimmung gar nicht so schlecht. So ein Schockmoment scheint zusammenzuschweiรen und uns zu einer unfreiwilligen Schicksalsgemeinschaft zu machen. Ich habe zwar ein unschรถnes Bauchgefรผhl, als ich an den Rรผckweg denke, aber ich versuche mich zu beruhigen. Es wird schon alles gut gehen. Immer wieder dringt Blitzlicht durch die oberen Fenster, wenn von drauรen versucht wird, hereinzufotografieren. Sellner warnt uns, nicht zu Fuร zu laufen oder รถffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Die Antifa kรถnnte uns auflauern.
Nach der Veranstaltung ist zum Glรผck noch genug Zeit, mit Sellner Fotos zu machen und von ihm Bรผcher signieren zu lassen. Wir verlassen das Gebรคude vorsichtshalber รผber den Hinterausgang.
Ich bin froh, als unser Taxifahrer in den Hof fรคhrt, um uns abzuholen. Als wir an den Antifa-Anhรคngern vorbeifahren, versuchen sie, durch die Scheiben zu fotografieren, wir drehen uns weg. Ich fรผhle mich wie ein unbeliebter Promi, der gerade einen Skandal ausgelรถst hat. Der Groรteil der Antifa ist vermummt und blickt uns aus bรถsen und kalten Augen an. Ich habe noch nie so viel Hass gesehen.
Als der Taxifahrer mich absetzt, bedanke ich mich noch einmal รผberschwรคnglich bei ihm, dass er sich den Stress angetan hat. Er lacht: โIch habe euch gerettet!โ Ja, das hat er wirklich.

Sehr eindrรผckliche Schilderung. Man fragt sich ernsthaft, wie die verblendeten Antifanten nicht merken kรถnnen, auf welcher Seite der Geschichte sie stehen. Ein kultivierter รถsterreichischer Patriot und junge Frauen, die einer Lesung beiwohnen versus ein gewalttรคtiger Mob vermummter Extremisten. So hat es damals auch angefangen, nur genau anders die Rotfaschisten es sich einbilden.