Die Bundestagswahl 2025 ist Geschichte โ und schon jetzt ist eindeutig, dass sie sich deutlich von den vorangegangenen Bundestagswahlen unterscheidet. Mit einer Wahlbeteiligung von 82,5 Prozent fand die stรคrkste Wรคhlermobilisierung seit 1987 statt. Die Bรผrger hatten das Gefรผhl: es geht um was. Auf Seiten der patriotischen Opposition wollte man den Ausverkauf Deutschlands stoppen โ aus Sicht der linken Parteien den Beginn des Dritten Reiches verhindern. Auch die Polarisierung durch die Unterstรผtzung der AfD durch Donald Trump und Elon Musk sorgten fรผr erzรผrnte Linke โ ebenso wie das abrupte Ende der katastrophalen Ampel-Regierung in den drei vergangenen Jahren. Zugleich konnte Friedrich Merz nicht wirklich รผberzeugen, auch wenn er einen erneuten Totalabsturz der CDU verhindern konnte. Denn auch wenn die CDU (ohne CSU) von 19,0 auf 22,6 Prozent anwuchs, ist sie noch immer ein Schatten ihrer selbst. Das gleiche gilt natรผrlich auf fรผr SPD und FDP.
Gute Vorzeichen also fรผr ein starkes Abschneiden der Alternative fรผr Deutschland. Und tatsรคchlich: Sie konnte ihr Wahlergebnis von vormals 10,4 auf nunmehr 20,8 Prozent verdoppeln: Ein Zuwachs, der in der Geschichte der BRD einmalig ist. Nichtsdestotrotz schwang bei vielen AfD-Wรคhlern eine leichte Enttรคuschung mit. Im Vorfeld der Wahl hatten die meisten Umfrageinstitute die AfD auf 21 oder gar 22 Prozent notiert โ und auch der โMusk-Trainโ hatte auf ein hรถheres Abschneiden hoffen lassen. Parteiintern beginnen (hoffentlich) die groรen Analysen, wenn der Schampus schal geworden ist: Woran hat es gelegen? Warum erkennen nicht noch mehr Menschen der schwรคchelnden Bundesrepublik den Betrug der Altparteien am Volk โ und setzen ihr Kreuz hinter der AfD?
Eine Annahme lautet: Die AfD mรผsse sich eher am โKleinen Mannโ orientieren. Das wirtschaftsliberale Parteiprogramm, dass in Teilen sogar liberaler als das der FDP ist, schreckt den einfachen Wรคhler ab โ dazu rechneten in den vergangenen Tagen die Institute und Medien rauf und runter, warum die รคrmeren AfD-Wรคhler sich finanziell selbst schaden wรผrden. Dazu eine eher kรผhle รkonomin als Spitzenkandidatin im Gegensatz zur volksnรคheren Sahra Wagenknecht oder sogar in Teilen zum nahbaren Olaf Scholz. Auch die ersten Wahlanalysen zeigen: In keiner einzigen demographischen Groรkategorie schnitt die AfD so stark ab, wie beim Arbeiter. Ganze 38 Prozent derjenigen Deutschen, die als Arbeiter klassifiziert sind, also formell in einem Angestelltenverhรคltnis leben, aber keiner โgeistigenโ Tรคtigkeit nachgehen, wรคhlten die AfD. Bei den Selbstรคndigen und Angestellten lag der Wert bei 21 Prozent โ Rentner wรคhlten nur zu 13 Prozent die AfD. Die meisten anderen Dichotomien โ alt und jung, Mann und Frau, gebildet und ungebildet โ zeigen weniger starke Unterschiede.
Verstรคndlich also, dass Vertreter eines eher linken Flรผgels der AfD auf die Idee kommen, die AfD solle sich kรผnftig noch stรคrker auf den โKleinen Mannโ ausrichten, der ja aufgrund seines schmalen Geldbeutels, dem direkten Kontakt mit den kulturfremden Einwanderern und schwรคcherer sozialer Zwรคnge โ akademischer Lehrbetrieb, grรผnen-freundlicher Vorstadtklientel – bereitwillig die ungeliebte Partei wรคhlen.
Doch diese Idee ist ein Holzweg, und sie ist zum Scheitern verurteilt, was mehrere Grรผnde hat. Der erstere ist so profan wie gewichtig: Der Arbeiter ist nahezu ausgestorben. Lag 1990, also vor gerade einmal 35 Jahren, der Anteil der Arbeiter an der erwerbsfรคhigen Bevรถlkerung bei 38 Prozent, schmolz er sukzessive ab. 2020 waren nur noch 13,1 Prozent Arbeiter, drei Jahre spรคter schon 10,1. Man kann aufgrund des technischen Fortschritts, aber auch der wirtschaftlichen Deindustrialisierung Deutschlands dem Ende der Arbeiterschaft in Echtzeit zuschauen. Es ist wahrscheinlich, dass es in 10-15 Jahren nahezu รผberhaupt keinen klassischen Arbeiter mehr gibt. Die Prozente wurden รผbrigens von den โAngestelltenโ aufgefangen: Ihr Anteil wuchs von 44 auf รผber 70 Prozent an.
Das haben die linken Parteien รผbrigens vor Jahrzehnten (!) verstanden und haben mit ihrem Sozialismus oder zumindest ihren Umverteilungsstrategien lรคngst nicht mehr den kleinen Mann im Visier, sondern den wohlhabenden Mann โ der sich aufgrund seines schlechten Gewissens zum Advokat des kleinen Mannes aufschwingt. Der Aufstieg der Grรผnen ist eng an die akademische Oberschicht geknรผpft, und selbst die SPD erreichte aktuell bei einem niedrigen Bildungsstand (20 Prozent) nur noch unwesentlich mehr als beim hรถchsten Bildungsstand (16 Prozent). Mit dem โEnde des Klimawandelsโ fรคllt die Grรผne wieder zurรผck zu ihrem Kernklientel bestehend aus etwa 10 Prozent. Auch der Hรถhenflug der Linken ist mehr Schein als Sein, behรคlt die Partei ihre รถkonomisch radikalen und identitรคtspolitischen Inhalte, ist der โWahlerfolgโ von 9 Prozent auch das Ende der Fahnenstange. Dass das gleiche Spiel nur ohne Gender, bunt und Multikulti aber auch nicht funktionierte, zeigt das Wahlergebnis des BSW.
Natรผrlich ist die Wahl der AfD auch maรgeblich eine Wahl, die den eigenen Geldbeutel betrifft und natรผrlich ticken die Uhren fรผr die AfD โ aber auch gegen Deutschland. Doch all die schรถnen Erhebungen wie der Nachweis, dass 39 Prozent derjenigen, denen es finanziell schlecht geht, die AfD wรคhlen, sagen wenig darรผber aus, wer denn genau alles sein Kreuz hinter der AfD setzt. Dennoch ist es eindeutig, und auch Resultat des gesunden Menschenverstands, dass es eben nicht nur die Arbeiter oder die โAbgehรคngtenโ sind, sondern es ist die von allen Parteien strรคflich ignorierte Mittelschicht, insbesondere die Mittelschicht mittleren Alters.
Die AfD wurde bei den 25 bis 44-Jรคhrigen mit 25 Prozent sogar stรคrkste Kraft, was untrรผglich zeigt, dass man sich hier die Kernklientel der entscheidenden Bevรถlkerungsgruppe der Zukunft aufgeschlossen hat. Das lenkt zumindest vom Schmerz der Altparteien-Boomer und des teilweisen Verlustes der Jugend ab. Und es ist auch genau diese Gruppe, die in der gleichen Umfrage ihre finanzielle Lage als โschlechtโ angab.
Es betrifft nรคmlich schon lange nicht mehr die malochende Arbeiterschaft im letzten Bergwerk Deutschlands; die reale Armut hat sich lรคngst in die Mittelschicht eingefressen โ die zugleich numerisch um ein Vielfaches grรถรer ist. Es sind die โNormalenโ: Vater, Mutter, ein oder zwei Kinder, Mann ganztags, Frau halbtags, Bullshit-Job im Bรผro, Stress von morgens um sechs bis abends um acht, Leben am Rand der Stadt mit steigenden Mieten und mehr und mehr Auslรคndern โ im Stadtbild, in der Kita, in der Schule. Und irgendwie ist am Geldende noch immer zu viel Monat รผbrig. Die โGlรผcklichenโ unter ihnen dรผrfen im postmodernen 120 Quadratmeter-Wรผrfel in ihrer sechsfach-Dรคmmung ersticken und bis zum 65. Lebensjahr bloร keine Kreditrate verpassen.
Das liegt nicht daran, dass die โSchere zwischen Arm und Reichโ immer grรถรer wird, sondern dass allein vom Bruttogehalt รผber 50 Prozent Steuern und Sozialabgaben abgezogen werden, beim Konsum geht nochmals die Mehrwertsteuer ab. Der Weg der AfD ist eigentlich vorgezeichnet: Mit klassischer Klientelpolitik und der โsozialen Frageโ wird man keinen Blumentop gewinnen kรถnnen, stattdessen nur mit dem Weg durch die Mitte neue Volkspartei werden kรถnnen. Volkspartei heiรt schlieรlich nicht โCatch-All-Partyโ und ohne Diktatur wird man niemals โAlleโ erreichen kรถnnen. Selbst die CDU konnte zu Bestzeiten immer nur 40-50 Prozent der Wรคhlerschaft erreichen. Und auch diese Wahlergebnisse sind fรผr die AfD mรถglich, was natรผrlich bedeutet, dass abseits der Zielgruppe Wรคhlergruppen am Rand herunterfallen. Das bezieht sich freilich nicht nur auf โden Arbeiterโ, sondern auf alle mรถglichen Gruppen, die in identitรคtspolitischer Manier auch von Funktionรคren und Verbรคnden der AfD direkt umgarnt werden: Auslรคnder, Muslime, Tรผrken, Russlanddeutsche, Arbeitslose, Schwule, Rechte, Linke. Denn mit jedem Promille, dass man bei diesen Gruppen gewinnt, geht ein Prozent der langsam verarmenden liberalkonservativen CDU-FDP-Wรคhler verloren. Der Weg der AfD zur neuen Volkspartei ist vorgezeichnet: Mehr netto vom brutto.

Ich stimme den Aussagen von Florian Mรผller im Groรen und Ganzen zu. Natรผrlich muss sich die AfD in erster Linie fรผr den โkleinen Mannโ einsetzen โ also fรผr diejenigen, die arbeiten und zur Unter bzw. unteren Mittelschicht gehรถren. Dennoch sollte die Mittelschicht und die arbeitende Bevรถlkerung insgesamt betrachtet werden, unabhรคngig von der Art der Leistung.
Diejenigen, die fordern, dass sich die AfD als antikapitalistische Arbeiterpartei profilieren sollte, verfolgen letztlich nur ihre eigenen linksideologischen Ziele. Zudem unterliegen jene, die aufgrund der aktuellen Umfrageergebnisse eine einseitige Fokussierung auf Arbeiter fordern, dem Survivorship Bias. Dieser fรผhrt in diesem Fall zu der Fehleinschรคtzung, dass der bisherige Erfolg der AfD bei Arbeitern automatisch bedeutet, dass ein weiterer Ausbau in genau diese Richtung den Gesamterfolg steigern wรผrde. Tatsรคchlich sollten wir jedoch verstรคrkt darauf achten, unsere Erfolge bei den weiteren Leistungstrรคgern, also den Angestellten und (kleinen) Unternehmern weiter auszubauen.
Im Grunde ist das hier ein Spiel mit Begriffen. Der Arbeiter als Milieu-Begriff ist nicht einmal etwas, was vom sozialpatriotischen Flรผgel der AfD so verstanden wird. Auch Benedikt Kaiser in seinem entsprechenden Buch stellt das so dar, dass die Frage lange nicht mehr die einer absoluten, sondern die einer relativen Armut und der damit verbundenen gesellschaftlichen Folgewirkungen ist. Das heiรt, wenn die Sozialpatrioten von Arbeitern sprechen, sprechen sie von Menschen die arbeiten (einbeziehend Angestellte von der Kassiererin bis hin zur unteren Bรผrokraft) als auch der kรถrperlich arbeitenden unteren Mittelschicht. Im Groรen und Ganzen das, was man soziologisch eher als Kleinbรผrger bezeichnen wรผrde. Also jene die von ihrem Lebens-, Arbeits- und Einkommensumfeld, den angesprochenen Mittelbau der Gesellschaft bilden.
Die wesentliche Erfahrung fรผr die sind Abstiegsรคngste, Zerfall ihres Lebensumfeldes, wirtschaftliche Stagnation und Schwierigkeiten fรผr sich oder ihre Kinder gesellschaftliche Aufstiege anzustreben oder zu finanzieren. Das sind die Leute, die von den Folgen linksgrรผner Politik monetรคr und sozial betroffen sind, weil sie sich nicht in derart gesicherten Einkommens oder Lebensverhรคltnissen befinden, dass Inflation, Preis- und Steuererhรถhungen und der Zuzug von Auslรคndern etwas ist, das man einfach hinnehmen kann.
Der Sozialpatriotische Diskurs adressiert genau diese soziale Problemstellung. Er will nicht einem arbeitsscheuen Lumpenproletariat ein Auskommen finanzieren, sondern ein auf Deutsche beschrรคnktes, gut ausgestattetes soziales Sicherungsnetz zur Verfรผgung stellen, das im besten Fall nicht in Anspruch genommen werden muss, aber dem Kleinbรผrger ein Gefรผhl der Existenzsicherung ohne Sozialabstieg gewรคhrleistet, als auch staatliche Mittel in die Finanzierung der รถffentlichen Daseinsversoroge (auf hohem Niveau) konzentriert, die gerade von Kleinbรผrgern in Anspruch genommen werden.
Darรผber hinaus existiert damit ein massives Ost-West und Stadt-Land-Gefรคlle, das marktwirtschaftlich nicht sondern nur staatlich aufgefangen werden kann. DIe Bereitstellung von Sportstรคtten und Schwimmhallen, von lรคndlichen Bahnanschlรผssen und Busverkehr kann hรคufig kostenwirtschaftlich nicht fรผr ein privates Unternehmen gerechtfertigt werden, erfordert daher รถffentliche Mittel. Dabei ist nicht nur das Land im Westen sondern der Osten auch insgesamt betroffen, weil die dortigen Kommunen nicht nur demographisch sondern auch รถkonomisch deutlich stรคrker unter Druck stehen (weniger lokale, vor allem in der Breite gestreute Unternehmen, das heiรt das Angebot an hochwertigen und gut zahlenden Arbeitsplรคtzen ist regional z.T. extrem begrenzt).
Die AfD kann hier also nicht nach der reinen libertรคren Lehre verfahren, insbesondere nicht, da die Sozialstruktur der starken mitteldeutschen Bundeslรคnder ein ganz anderes Sozialunsicherheitsmanagement und deren demographische und wirtschaftliche Situation eine andere Verausgabung รถffentlicher Mittel erfordern.
Ergรคnzung: Die Senkung der Steuern- und Abgabenlast gerade fรผr Mittelschicht und Kleinbรผrger ist im Kern die neue Soziale Frage. Die neue Gerechtigkeitsfrage ist nรคmlich, ob die Menschen fรผr die ganzen Abgaben und Steuern noch eine adรคquate Gegenleistung erhalten und ob der Staat lรคngst selbst zum grรถรten unsozialen Ungerechtigkeitsfaktor geworden ist, der die Menschen effektiv davon abhรคlt ihre Lebensqualitรคt zu verbessern.
Wie es bereits von anderen bereits vorgeschlagen worden ist, kรถnnen in der Beschรคftigung mit Mittelschicht und Kleinbรผrgern beide Dinge solidarische Sozial- und Infrastrukturpolitik mit einer liberalen Wirtschafts- und Abgabenpolitik Hand in Hand gehen. Man wird zwar den Staatshaushalt nicht um 90% beschneiden kรถnnen, aber mit Sozial-, Steuer- und Verwaltungsreformen sicher genug einsparen kรถnnen, dass unterm Strich genug fรผr ein soziales Versorgungsnetz + Entlastungen bleibt.
Florian Mรผllers Beitrag finde ich schon deswegen nรผtzlich, weil dieser – wie oft in der Krautzone – Gesichtspunkte in seiner Analyse aufzeigt, die man in anderen (auch alternativen) Medien meist so nicht dargestellt bekommt.
Was aber das auch durch die Kommentatoren angesprochene Problem staatlicher „sozialer“ Umverteilung anbetrifft, so muร man sich eigentlich zuerst mal der Frage widmen, wie man „den Staat“ bei einer solchen Umverteilung wirksam kontrollieren kann. Wie verhindert man wirksam, daร die finanziellen Mittel nicht zum exponentiellen Ausbau des polit-bรผrokratischen Machtapparats – wie seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts geschehen – verwendet werden ? Denn gibt man „dem Staat“ รผber die Mittel hinaus, die er fรผr seine eigentliche Funktion – unseren Schutz – benรถtigt ohne wesentliche รnderungen unseres Systems den kleinen Finger „Sozialhilfe“, so wird er wieder beide Hรคnde nutzen, um da zu landen, wo wir jetzt angelangt sind – selbst mit einer AfD-Beteiligung, deren Parteimitglied ich seit 10 Jahren bin. Ein erstes wirksames Mittel kรถnnte darin bestehen, den Abgeordneten als Diรคten den Durchschnitt dessen zu bezahlen, was sie drei Jahre vorher auรerhalb des Parlaments erarbeiten konnten. Alle anderen bekommen Bafรถg bzw. „Grundsicherung“. Darรผberhinaus sollte – a la Markus Krall – nur derjenige wรคhlen dรผrfen, der Netto-Steuerzahler ist. Allerdings weiร ich auch nicht, wie man das ermรถglichen kann, da das durch unsere Zwangsabgaben finanzierte Krebsgeschwรผr „Glauben an den Staat“ mit seinen – meist juristischen – Metastasen unsere Gesellschaft schon fast inoperabel befallen hat…