Siegmund und die AfD – Wahl auf Messers Schneide

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Nach mehr oder weniger zufriedenstellenden Wahlergebnissen der AfD in den westdeutschen Bundesländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz stehen nun Ende des Jahres drei weitere Landtagswahlen im Osten bevor. Die Blicke richten sich insbesondere nach Sachsen-Anhalt, wo der Sympathieträger Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD, nicht weniger als die absolute Mehrheit als Wahlziel ausgerufen hat. Klingt das nicht etwas überambitioniert? Gerade in der Vergangenheit fielen AfD-Politiker häufiger damit auf, vor der Wahl die Messlatte viel zu hoch zu setzen – nur um anschließend bei einem mittelmäßigen Ergebnis nicht mehr aus dem Klatschen herauszukommen. Insbesondere die Bundestagswahl 2025 ist noch einigen im Gedächtnis, bei der die AfD mit 20,8 Prozent weit hinter ihren vorherigen Umfragewerten zurückblieb, sich anschließend aber als Gewinner der Wahl feierte.

Auf den ersten Blick hat die AfD in den Umfragen in Sachsen-Anhalt schlechtere Karten als noch vor einigen Monaten. Die mittlerweile zum dritten Mal von NIUS beauftragten Umfrageergebnisse des INSA-Instituts attestieren der Partei einen leichten Verlust. Ende 2025 stand die AfD noch bei 40 Prozent und alle jubelten, im Januar ist sie auf 39 Prozent gefallen, mittlerweile steht sie bei 38 Prozent. In der aktuellen Umfragekonstellation Ende März kämen also fünf Parteien in den Landtag: die AfD (38 %), die CDU (25 %), die Linke (13 %) sowie die SPD (6 %) und das BSW (5 %). In diesem Szenario bräuchte die AfD für die absolute Mehrheit 44 Prozent der Stimmen. Das ist, bei aller optimistischen Einschätzung, jedoch eher unwahrscheinlich.

Doch bevor die Defätisten auf den Plan kommen, muss betont werden: Die AfD steht aktuell besser da als je zuvor, denn ob 38, 39 oder 41 Prozent ist letzten Endes zweitrangig. Entscheidend ist, welche Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Die neuesten Zahlen wurden kurz nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz erhoben, wo nicht nur die AfD ein starkes Wahlergebnis eingefahren hat, sondern vor allem die linken Parteien abgestraft wurden. SPD, Linke und BSW verzeichneten allesamt herbe Niederlagen, erstere scheiterte als ehemalige Volkspartei sogar fast an der 5-Prozent-Hürde. Der Talkshow-Unsympath Stegner sprach diesbezüglich von der „Todeszone“. Die Signale kommen auch im Osten an: Die SPD sank von 8 auf 6 Prozent, das BSW von 6 auf 5 Prozent – demgegenüber wuchsen „Sonstige“, aber auch Grüne, FDP und Linke legten zu. „Sonstige“, Grüne und FDP werden jedoch aller Voraussicht nach an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern; es handelt sich also um einen verlorenen Stimmenzuwachs.

Folgt man diesem Trend vorsichtig weiter, ist es gar nicht einmal unwahrscheinlich, dass SPD und BSW in der Wählergunst weiter fallen werden. Die SPD wird von Sozialdemokraten als rückgratlose Mehrheitsbeschafferin des „neoliberalen“ BlackRock-Merz gesehen. Das BSW, so sehr die Partei auch auf den Osten maßgeschneidert ist, könnte ebenfalls ganz knapp unter die magische Grenze rutschen. Die Partei ist innerlich zerstritten, hat kein Geld mehr, das Zugpferd Wagenknecht ist längst abgesprungen, und die katastrophalen Wahlergebnisse in den westdeutschen Bundesländern kommen auch im Osten an.

Nehmen wir einmal an, dass das BSW knapp den Einzug verfehlen wird. Nehmen wir jetzt außerdem an, dass die SPD noch exakt einen Prozentpunkt verlieren wird, wobei diese Wähler zu den Linken wechseln werden. Demnach wären nur noch drei Parteien im Landtag vertreten: die AfD mit 38 %, die CDU mit 25 % und die Linke dann mit 14 %. Ausgeschieden wären FDP, Grüne, BSW und SPD. Es würde für die AfD knapp nicht reichen; CDU und Linke hätten ein Prozent mehr.

Ein Prozent mehr für die AfD könnte also die absolute Mehrheit bedeuten. Sicherlich: Das Szenario ist nicht das wahrscheinlichste – aber es ist auch nicht vollkommen unwahrscheinlich. Wichtig ist, dass viele linke Wähler eben nicht strategisch wählen werden, sondern felsenfest an SPD und BSW festhalten, wodurch im Idealfall viele Stimmen einfach unter den Tisch fallen. Das weiß auch die „Zivilgesellschaft“ und wird vor der Landtagswahl Kampagnen fahren, die linke Wähler dazu ermutigen sollen, sich hinter der Partei „Die Linke“ zu scharen, damit die Wetten auf das stärkste Pferd eingehen. Ob das klappen wird? Zumindest in Brandenburg schaffte man es, der AfD zu schaden, indem man in knappen Wahlkreisen im Berliner Einzugsgebiet dazu aufrief, SPD statt Grüne zu wählen.

Aber Sachsen-Anhalt ist nicht der Berliner Speckgürtel. Dass sich ostdeutsche ältere Wähler von „Campact“ und Co. dazu bringen lassen, „ihr“ BSW im Stich zu lassen, ist fraglich, aber natürlich möglich. Letzten Endes könnte der sture, linke Ossi-Boomer den AfD-Gegnern einen Bärendienst erweisen.

Zwei Dinge müssen ebenfalls betont werden: Sicherlich handelt es sich hierbei um einen gewissen Grad an Kaffeesatzleserei – aber wir sprechen hier auch immer noch über Sachsen-Anhalt. In dem kleinen Bundesland mit der Hauptstadt Magdeburg leben nur rund 2,14 Mio. Einwohner, wahlberechtigt sind immerhin rund 1,7 Mio. Bei der letzten Landtagswahl waren es exakt 1.788.930. Die Wahlbeteiligung von 60,3 Prozent ist typisch für eine Landtagswahl im Osten; alles in allem haben bei der letzten Landtagswahl 1.061.519 Menschen ihre Stimme einer Partei gegeben. Demnach entspricht ein Wahlprozent gerade einmal 10.615 Stimmen. Das ist wenig. Sehr wenig.

Ulrich Siegmunds Instagram-Account hat allein 350.000 Follower, manche Reels weisen bis zu eine Million Impressionen auf. 10.000 Wähler leben jeweils in der Stadt Zerbst, Gardelegen oder Haldensleben. Noch nie gehört? Ich auch nicht. Aber das ist die Größenordnung an Wählern, die in dem Bundesland letzten Endes darüber entscheiden, ob die AfD eine Alleinregierung stellen kann und ob Siegmund die Schulpflicht abschaffen und den Rundfunkstaatsvertrag aufkündigen kann.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bei all der Zahlenspielerei wurde wieder mal vergessen wo das größte Gewinn-und-Verlust-Potential der AfD liegt: Bei den Nichtwählern.

    In BaWü hat die AfD mit ihrem Kurs in erheblichem Maße diese auf den letzten Metern vergrätzt, angefangen bei der Ersetzung beliebter Kandidaten durch linientreues Königinnengefolge, der Zustimmung zur Palantir-Gotham-Beschaffung, mangelndem Einsatz bei Themen wie Coronoia-Aufarbeitung und Bargelderhalt, fehlendem Biss beim brennenden Überfremdungsthema und generell unzureichende Anwesenheit dort wo die Bürger zu finden gewesen wären. Als Sahnehäubchen obendrauf Wahlkampfsprüche die teilweise ebensogut zur SPD gepasst hätten.

    Bleibt zu hoffen daß die Kameraden in Mitteldeutschland diesbezüglich deutlich stabiler aufgestellt bleiben.

    Übrigens sollte die 5%-Hürde nicht überbewertet werden, denn auch Anwärter mit weniger Stimmenanteil sind nicht umsonst angetreten: Schon ab halbem Prozentanteil gibt es Wahlkampfkostenerstattung, und diese Anteile reduzieren nicht nur das Klingeln auf den Konten der Kartellkandidaten sondern sorgen zudem dafür daß die von den Kleinkandidaten vertretenen Themen auch beim nächsten Antritt vorfinanziert sind und damit sichtbarer werden.

    • Nicht Wähler sind Nicht-Wähler.
      Potenzial ist da, aber diese große Masse hat verschiedene Gründe der Wahl fernzubleiben, von politischen Desinteresse über private Freizeitgestaltung bis Protest ist alles dabei.
      Mit einer gezielten Ansprache da rein was zu erreichen ist fraglich wie viel es nützt.

    • @Abcschtze: Es geht konkret um den Teil der (Nicht-)Wähler die potentiell zugewandt, aber nicht überzeugt sind.

      Diejenigen die im Grunde von der etablierten Politik verdrossen sind und längst nicht mehr die Propaganda von der ach-so-tollen „repräsentativen Demokratie“ (diese Bezeichnung trägt im Grunde schon den Widerspruch in sich!) glauben, dieser aber in Form der Alternative als nach wie vor (mangels Möglichkeit) machtmäßig jungfräulichen Kraft noch eine letzte Chance geben wollen (und sei es nur aus Protest) – oder eben auch nicht, wenn diese dann doch zu unmotiviert oder altparteienmäuselnd daherkommt.
      In meinem Umfeld ist das die größte Gruppe, und hier hat die Südwest-Alternative erfolgreich auf den letzten Metern massiv Sympathien verspielt. Sicher nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, aber das Ergebnis hätte mit deren vollen Unterstützung doch deutlich schöner ausgesehen – so wurde es halt nix mit den erhofften 20%.

  2. Bei 10.615 Stimmen pro Prozentpunkt hätte man mal alle AfD Mitglieder mobilisieren können. Das wären bei 70.000 Mitgliedern ja schon 7%. Ist natürlich nicht realistisch, aber ich denke gerade bei den jüngeren Leuten GD usw. hätte man da was reißen können.

    Es gab auch mal ein Wohnprojekt der IB in Halle an der Saale. Schade, dass davon nichts mehr zu sehen ist, obwohl dies wohl die wichtigste und aussichtsreichste seit 10 Jahren ist.

  3. Warten wir mal ab wie sich die Folgen des Iran-Kriegs auf die politische Stimmung niederschlagen. Die „Verwandten-Affäre“ hat sich inzwischen tot gelaufen und hat in RLP und BW keine Auswirkungen auf die Partei gehabt.
    Es fließt noch viel Wasser Saale und Elbe hinunter.

  4. Selbstverständlich kenne ich die Städte Zerbst, Gardelegen und Haldensleben.
    (Komme aus Südsachsen)

    Bitte keine falschen Unterstellungen an die stets hochgebildete Leserschaft der Krautzone!!!

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