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Maduros Entführung – Die Rückkehr der Monroe-Doktrin?

8. Januar 2026
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US-Spezialeinheiten nehmen den Präsidenten eines anderen Staates, Venezuela, als Gefangenen. Verwirrung macht sich breit im gesamten patriotischen Spektrum: War Trump nicht der Gute, der trotz allem immerhin keinen neuen Konflikt angeheizt hatte? Angesichts der jüngsten Ereignisse in Caracas scheint dieses Argument nunmehr außer Kraft gesetzt.

Die Gefangennahme des venezolanischen Staatsoberhauptes Maduro ist als lupenreine Polizeiaktion im Stile vergangener US-Regime-Changes auszumachen. Spezialeinheiten der Delta Force nahmen den Präsidenten des sozialistischen Staates gefangen und verhafteten ihn wie einen Straftäter. Zuvor hatten die USA bereits ein Kopfgeld von 50 Millionen Dollar auf Maduro ausgesetzt. Die Auseinandersetzung zwischen den USA und dem von diesen als „narco state“ bezeichneten Karibikstaat hat ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden.

Die Hintergründe? Der amerikanischen Darstellung zufolge geht es um den Drogenhandel und besonders um die staatliche Ölförderung Venezuelas, deren Konditionen den USA nicht (mehr) dienlich genug sind. Die Hintergründe sind vielerorts nachzulesen, hier soll ihnen nicht näher nachgegangen werden. Denn: Wie es genau mit der Vorgeschichte des unlängst durchgeführten Enthauptungsschlages liegt, ist für die folgende Überlegung nahezu irrelevant.

Entscheidend ist, dass die „Intervention“ geschah und wie sie passierte, weniger, warum es so weit kam. Eines wird an dem jüngst statuierten Exempel deutlich: Die USA sind immer noch bereit, ihre Vormachtstellung zu behaupten.

Wer Trump vorwirft, er habe das Völkerrecht gebrochen, übersieht, dass dieses Recht immer nur eine Folge projizierter Machtverhältnisse gewesen ist. Wenn die USA nun das Völkerrecht gebrochen haben: Und? Welche internationale Kraft sollte es uneigennützig, allein um der Gerechtigkeit willen, durchsetzen? Steht zu erwarten, dass die USA für ihren souveränen Schritt von einer relevanten Seite mit auch nur symbolpolitischen Sanktionen belegt würden? Sowohl die Bundesrepublik als auch die sich gerne als mächtigen, globalen Mitspieler betrachtende EU belassen es bei vorsichtigen und rein verbalen Mahnungen sowie Erinnerungen ans Völkerrecht. Das verrät mehr, als den gehemmten Kritikern lieb sein kann. Auf die Spielregeln des „geltenden“ Völkerrechts beruft sich nur, wer unfähig ist, eigene Positionen durchzusetzen.

Das Handwerk des Staatsstreichs erinnert an die übliche Praxis amerikanischer Vorgängerregierungen, von denen Trump sich augenscheinlich absetzte. Doch ein entscheidendes Detail öffnet einen Deutungsraum, der zuvor über ein Jahrhundert verschlossen war. Die National Security Strategy vom November 2025 bezieht sich ausdrücklich auf die sogenannte Monroe-Doktrin von 1823. Mit diesem über 200 Jahre alten Grundsatz der US-Außenpolitik steht die jüngste Intervention in Venezuela in Einklang. Was hat es damit auf sich?

James Monroe war 1817 bis 1825 der fünfte Präsident der USA. Er formulierte einen außenpolitischen Leitsatz, den die USA bis ins Zeitalter der Weltkriege befolgten: Die Monroe-Doktrin beanspruchte die westliche Hemisphäre als amerikanische Einfluss- und Interessenzone. Fremde, das heißt insbesondere europäische, Mächte sollten sich aus dem Gebiet heraushalten. Im Gegenzug verzichteten die damals stärker isolationistischen USA ihrerseits auf Interventionen außerhalb ihres Großraums. Erst mit der Beteiligung am Kampf gegen Deutschland während der Weltkriege wich die Monroe-Doktrin den Verlockungen einer amerikanischen Weltmachtrolle. Erleben wir heute die Rückkehr der Monroe-Doktrin?

Die Gefangennahme eines unliebsamen Staatsoberhauptes innerhalb der deklarierten Interessensphäre der USA stimmt mit der Monroe-Doktrin überein. Sie vereint eine polizeiartige Außenpolitik mit der Durchsetzung der amerikanischen Großmachtstellung. Dass diese das universalistische Völkerrecht nicht beachtet, liegt auf der Hand. Innerhalb seines Großraums setzt der Hegemon seine eigenen Regeln durch. Daher ist auch jede Parteinahme für oder gegen Trump oder Maduro sinnlos sowie jede Diskussion über Recht und Unrecht fruchtlos.

Das „Trump-Corollarium“ („Trump-Corollary“) formuliert in dem Strategiepapier die wiederentdeckte Monroe-Doktrin aus und passt sie an die Umstände der Gegenwart an. Entsprechend soll die US-Vorrangstellung in der westlichen Hemisphäre ausgebaut werden. Dazu wird der amerikanische Zugriff auf diese Region gesichert, während raumfremden Mächten („non-Hemispheric competitors“) der Zugang sowie die Interventionsmöglichkeiten verwehrt bleiben.

Monroe-Doktrin? Großräume? Raumfremde Mächte? Interventionsverbot? Befinden wir uns hier etwa in einem Carl-Schmitt-Lesekreis? Die grundlegenden geopolitischen Konzepte legen nahe, dass die Urheber der gegenwärtigen US-Außenpolitik sich intensiv von dem Plettenberger Staatsrechtslehrer Schmitt (1888–1985) inspirieren ließen. Die Verwendung ausgerechnet des Wörtchens „Corollarium“ für Trumps Auslegung und Aktualisierung der Monroe-Doktrin erhärtet diesen Verdacht zusätzlich. Schmitt verwendete den in der politischen Literatur ansonsten unüblichen Begriff als Bezeichnung für Zusätze oder Anhänge in manchen seiner Bücher. Beispielsweise wird auch die englische Übersetzung von Schmitts völkerrechtlichen Überlegungen in seinem Buch „Der Nomos der Erde“ durch „Five Introductory Corollaries“ eröffnet.

Dass im Weißen Haus das Denken deutscher Staatsrechtslehrer Einzug hält, ist bereits in anderen Zusammenhängen immer wieder gemutmaßt worden. Der hier aufgeführte Beleg bedeutet zweierlei. Erstens zeigt er, dass das Handeln der US-Regierung keinesfalls einer willkürlichen Laune Trumps folgt, sondern strategischem Kalkül. Zweitens verleiht die Venezuela-Intervention ihrer theoretischen Begründung, die in dem Strategiepapier bereits im November 2025 geliefert wurde, empirisches Gewicht. Dass die USA ihr außenpolitisches Handeln künftig wieder eher entlang der Monroe-Doktrin ausrichten, ist durch die Machtdemonstration in Südamerika glaubwürdiger geworden. Vielleicht sind die USA in der aufziehenden multipolaren Ordnung nicht mehr Weltpolizei, wohl aber immer noch Sheriff der beiden Amerikas.

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