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Kann die Pornoindustrie reguliert werden?

27. Januar 2026
in 4 min lesen

Von Gil Barkei

Seit Jahren fรผhrt die EU einen Kampf gegen pornografische Plattformen und fรผr mehr Jugendschutz โ€“ mit mรครŸigem Erfolg. Mitte vergangenen Jahres hat die EU-Kommission ein Verfahren gegen vier der grรถรŸten Anbieter eingeleitet: Pornhub, Stripchat, XVideos und XNXX. In erster Linie geht es um eine strenge und funktionale Altersabfrage. 

Grundlage ist das umstrittene Digitale-Dienste-Gesetz (DSA). Sie haben richtig gelesen: den viel gescholtenen Digital Service Act kann man durchaus auch positiv einsetzen, wenn man denn will. Doch wรคhrend europรคische und deutsche Behรถrden bei DSA-Vorgehen gegen unliebsame Medien und US-amerikanische Tech-Konzerne schnell ganz vorne dabei sind, kรถchelt der Einsatz gegen zu leicht zugรคngliche Hardcore-Clips auf Sparflamme vor sich hin. 

Anders im Ausland: Nach GroรŸbritannien und Frankreich hat Italien im Herbst 2025 strikte Altersprรผfungen eingefรผhrt, so dass Nutzer jetzt eine Ausweiskopie vorlegen mรผssen. Die Meloni-Regierung hat dafรผr 45 Netzseiten benannt, fรผr die diese Regelung ab dem 12. November gilt. Tests und Stichproben zeigten in jรผngster Vergangenheit jedoch immer wieder Lรผcken und VerstรถรŸe.

Und in der Bundesrepublik? Noch immer haben im deutschen Internetraum die gรคngigen Porno-Seiten eine laxe Zugangskontrolle. Ein lapidarer Klick, man sei รผber 18 Jahr alt oder sogar nur eine Cookie-Bestรคtigung reichen fรผr jedermann und jedes Kind aus, um die hรคrtesten Sex-Inhalte anschauen zu kรถnnen. 

Zudem erfolgte jรผngst ein folgenreicher Schritt zurรผck. Neben der EU arbeiten die deutschen Landesmedienanstalten seit langem daran, die Betreiber von Porno-Websites zu einer wirklichen Altersverifizierung zu verpflichten. Ein Mittel der Aufsichtsbehรถrden waren dabei Sperrverfรผgungen gegen die sogenannten Access Provider, also die Zugangsdienstleister im digitalen Raum, die dafรผr sorgen sollten, dass bestimme Homepages einfach nicht mehr abrufbar sind. Viele Gerichte stรผtzten diese Praxis bisher, auch wenn die tatsรคchlichen Konsequenzen dรผrftig blieben.

Doch nun hat das Verwaltungsgericht Dรผsseldorf Ende des Jahres โ€žeine Kehrtwendeโ€œ hingelegt, wie das juristische Magazin Legal TribuneOnline (LTO) berichtet. Die Landesmedienanstalt NRW hatte im Juni 2020 dem auf Zypern ansรคssigen Unternehmen Aylo verboten, seine Porno-Plattformen YouPorn und Pornhub weiter ohne wirksamen Jugendschutz zu verbreiten. Ein Eilantrag des Konzerns gegen die MaรŸnahme blieb vor den Dรผsseldorfer Richtern zunรคchst erfolglos, doch Aylo weigerte sich schlicht die Forderungen umzusetzen. Daraufhin erlieรŸ die Landesmedienanstalt NRW eine Sperrverfรผgung gegen mehrere Internetanbieter wie unter anderem Vodafone. 

Dagegen prozessierten Aylo und Vodafone vor eben jenem Verwaltungsgericht Dรผsseldorf โ€“ und gewannen รผberraschend. โ€žDieselbe Kammer, die zuvor die Verbotsverfรผgung fรผr rechtmรครŸig erklรคrt hatte, entschied nun hinsichtlich der Sperrverfรผgung gegenteilig und stoppte ihren Vollzugโ€œ, schreibt LTO dazu und spricht von โ€žeinem Todesurteil fรผr den deutschen Jugendschutzโ€œ, denn die Entscheidung verdeutlicht:

โ€žDeutsche Jugendschutzvorschriften sind auf Porno-Seiten, die aus dem EU-Ausland betrieben werden, nicht (mehr) anwendbar.โ€œ

Das Herkunftslandprinzip des in den EU-Grundfreiheiten verankerten freien Dienstleistungsverkehrs regelt, dass ein Anbieter innerhalb des EU-Binnenmarkts nur einmal beim Marktzugang reguliert werden darf: in dem Mitgliedstaat, in dem er seinen Sitz hat. Und auf Zypern gibt es keine Pflicht fรผr Altersbeschrรคnkungen auf Erwachsenen-Seiten. Die EU fรผhrt also einerseits einen Kampf gegen Porno-Portale, wรคhrend EU-Recht parallel das gleichgesinnte Vorgehen einzelner Mitgliedsstaaten ausbremst, um nicht zu sagen sabotiert.

Und das alles obwohl Wissenschaftler seit Jahren vor den massiven Folgen von Pornokonsum warnen โ€“ insbesondere fรผr Minderjรคhrige โ€“ und lรคngst neuartige negative Trends auf den Portalen Einzug erhalten. Der woke Zeitgeist macht erst recht nicht vor der Pornoindustrie Halt und fรผhrt mit zu einer zunehmenden Radikalisierung der Darstellungen. Dem Trans-Hype, urbanen โ€žsexpositivenโ€œ Clubpartys und LGBTQ-freundlichen โ€žfeministischen Pornosโ€œ folgend, bieten XXX-Plattformen, aber auch die groรŸen Produktionsfirmen in den USA und Europa mittlerweile Filme an, die frรผher wenn รผberhaupt in der weniger prรคsenten Fetisch-Ecke zu finden waren. Noch hรคrter gehtโ€™s immer! 

Transsexuellen-Pornos sind so heutzutage Gang(bang) und gรคbe. Bei XNXX kann man sogar direkt beim Seitenstart neben der saloppen Proforma-Altersbestรคtigung Schwulen- und Trans-Inhalte auswรคhlen. Selbst prominente Darstellerinnen drehen mit sogenannten Shemales und Filmpartnern, die in heterosexuellen und homosexuellen Szenen mitspielen. Nicht ganz ohne moralinsauren Druck in der Branche. Bereits 2017 beging die kanadische Pornodarstellerin August Ames Selbstmord nachdem ein Shitstorm-Mob ihr Homophobie vorgeworfen hatte. Die damals 23jรคhrige hatte sich geweigert, mit mรคnnlichen Drehpartnern zu interagieren, die auch in Gay-Filmen sexuell aktiv sind.

โ€žFetischisierungโ€œ und Abstumpfung junger Internetnutzer schreiten seitdem noch weiter voran, wรคhrend Incel-Problematik und Beziehungsunfรคhigkeiten in der Gesellschaft zunehmen. Und nach OnlyFans steht die nรคchste Hype-Plattform fรผr Amateure in den Startlรถchern. Chaturbate lockt tausende junge Frauen, insbesondere aus รคrmlichen Regionen Sรผdamerikas und Osteuropas, in die Live-Webcam-Arbeit am FlieรŸband.

Da die nationale Ebene gegenรผber der EU einmal mehr an EinfluรŸ verloren hat, liegen die Handlungsspielrรคume jetzt beim DSA. So funktioniert die Abgabe von Souverรคnitรคtsrechten auch. Doch kann der europรคische Jugendschutz den fรผr Tod erklรคrten deutschen Jugendschutz ersetzen und verbessern? Und geht es vielleicht um viel weitreichendere Projekte? 

Wie beim Streit um Chatkontrollen, weist einiges daraufhin, dass es der EU um mehr geht, als nur den vorgeschoben wirkenden Schutz von Minderjรคhrigen. Im Vorgehen der EU-Kommission gegen Pornoportale, hat Aylo gegenรผberย netzpolitik.orgย angegeben, โ€žeiner der ersten Teilnehmer am Pilotprogramm der Europรคischen Kommission zur Einfรผhrung der Altersverifikation รผber die europรคische Altersverifikations-Appโ€œ zu sein.ย 

In der Tat wird momentan an einer europaweiten Anwendung zur Alterskontrolle bei altersbeschrรคnkten Diensten gearbeitet. Lautย netzpolitik.orgย sollen die Funktionen der App langfristig in einer digitalen Brieftasche, der European Digital Identity Wallet (EUDIW), aufgehen, die im Laufe dieses Jahres kommen soll. Ein Pro-Argument hierbei: Mit Blick auf die Porno-Plattformen kรถnnte die EU-App verhindern, daรŸ sensible persรถnliche Daten an umstrittene unappetitlich empfundene Privatkonzerne ausgelagert werden. Allerdings kรถnnten diese Ausweisinformationen stattdessen dann zentral bei einer Art EU-ID-Superdatenbank gehortet werden. Angesichts der voranschreitenden ZensurmaรŸnahmen im Zuge des DSA sollten hier die Alarmglocken klingeln โ€“ auch bei denjenigen, die eigentlich strikt fรผr mehr Jugendschutz bei Anbietern von Pornographie sind.

Gil Barkei wurde 1983 in Berlin geboren und hat Politikwissenschaften in Marburg, Budapest und Potsdam studiert. Er war neun Jahre als Redakteur bei der Wochenzeitung โ€žJunge Freiheitโ€œ tรคtig. Beim BoD-Verlag sind seine Romane โ€žDie grรถรŸere Inselโ€œ und โ€žHeimatnovelleโ€œ erschienen.

https://buchshop.bod.de/heimatnovelle-gil-barkei-9783755713081

2 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Jegliches Instrument der Totalรผberwachung ist abzulehnen, Punkt.

    Zumal es gegen die weltnetzweite Fleischbeschau ohnehin nutzlos ist, denn wie will die Brรผsselokratur gegen Anbieter im fernen Ausland vorgehen?
    Praktisch geht das nur durch den Aufbau einer „groรŸen Brandmauer“, sprich dem Ende des ungefilterten Netzes und Zensur nach dem Vorbild von Peking, Iran und anderen.

  2. Wรคre Deutschland wirklich an Jugendschutz interessiert, und nicht an รœberwachung mit vorgeschobenen Grรผnden, wรผrde man โ€žparental control appsโ€œ einfach gesetzlich vorschreiben.

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