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Wie vermittelt man ein Lebensgefühl?

28. Januar 2026
in 4 min lesen

Die Langzeitstrategie muss vorsehen, die Jugend abzuholen. Im Hier und Jetzt steuern wir eine zahlenmäßig Boomer-getragene populistische Revolte an, um das gröbste und später kaum noch zu behebende Problem im demografischen Bereich abzuwenden. Aber langfristig muss eine weltanschaulich jungfräulichere Generation, als die Boomer es sind, mit etwas Neuem erreicht werden. Darin liegt das Meisterstück politischer Arbeit: in der Schöpfung eines Lebensgefühls.

Hier soll es nicht um die Beschaffenheit dieses Gefühls gehen, sondern darum, welche Mittel Voraussetzung sind, um es formen und verbreiten zu können. Als Anschauungsmaterial dienen Formate des amerikanischen Comedians Sam Hyde – einer von verschwindend wenigen oder vielleicht sogar der Einzige aus der dissident-rechten Ecke, dessen Werke mir dazu geeignet scheinen.

Hyde schloss sein Studium von Film, Animation und Videotechnik 2007 mit einem Bachelor ab. Zwei Jahre später gründete er ein Sketch-Kollektiv, welches unter dem Namen „Million Dollar Extreme“ YouTube-Videos produzierte. Diese Videos sowie ein satirischer Auftritt im TED-Talk-Format erregten die Aufmerksamkeit des Mainstream-Comedysenders Adult Swim, der Hydes Internet-Format übernahm und ihm ermöglichte, es erheblich zu professionalisieren.

In den nur sechs Episoden, deren Veröffentlichung Hydes Kollektiv beim Sender überlebte, bevor ein „BuzzFeed“-Artikel über „unterschwellige Alt-Right-Botschaften“ den Rausschmiss erzwang, brachten sie eine zweistellige Zahl von Clips zustande, die im politischen Internet bis heute Kultstatus genießen. Auch die damalige Einschaltquote und Publikumsrezeption lag über dem Senderdurchschnitt. Dennoch brach das Brennglas, das nach der Brexit-Wahl im Juni 2016 sowie dem Erfolg von Trumps Wahlkampf auf rechte Aktivitäten abseits des Neocon-Sumpfes gerichtet war, ihnen im Herbst 2016 das Genick.

Vergangenes Jahr setzte Hyde das Format in derselben Besetzung auf eigene Faust fort, diesmal als Bezahlangebot auf seiner Website, während einzelne Sketche weiterhin auf YouTube landen.

Ein Lebensgefühl zu vermitteln, bezeichne ich deshalb als Meisterstück politischer Arbeit, weil es einer Art kulturellen „Gefechts der verbundenen Waffen“ bedarf: Es braucht Künstler, die weltanschaulich mit ernst zu nehmender Tiefe rechts, aber dennoch erstrangig Künstler bleiben und erst an zweiter Stelle Rechte sind. Es braucht Humor, Storytelling, Schauspiel und Emotion sowie eine eigene Aura um all dies herum.

Die Anziehung resultiert aus der unverkrampften Verspieltheit von Künstlern in ihrem Element, die im Grunde einfach machen, was ihnen gerade so einfällt und Laune bereitet. Dabei kommt organisch aufgrund der geteilten Weltanschauung immer wieder, aber in der Regel beiläufig etwas Rechtes herum. Die tiefe psychologische Beeinflussung ideologisch ungefestigter Zuschauer resultiert gerade aus dieser Beiläufigkeit.

Die Sketche teilen sich kaum einen roten Faden bis auf den teils ins Surreale hineinragenden Humor ihrer Schöpfer. Ein paar Beispiele: „CEO Eric Hayden“, das Kurzporträt eines überforderten und heruntergewirtschafteten cholerischen Chefs einer Kleinfirma – kaum eine politische Botschaft erkennbar, jedenfalls keine sich aufdrängende rechte.

Der „Bully Sketch“, ein selbstdarstellerischer Journalist interviewt Schulleiter, die auf den heilsamen Effekt von Mobbing auf das soziale Gefüge zwischen Jugendlichen schwören – ob es sich um humoristisch kodierte Kritik an einer Verweichlichung der Gesellschaft handelt oder man lediglich auf Lacher über die absurde Prämisse abzielt, bleibt nebulös.

„Hyper Gen X“, eine futuristische Fruchtbarkeitsklinik, in die eine von Hyde gespielte Frau ihren geschundenen Ehemann mitschleift, um sich mit fremdem Chad-Sperma befruchten zu lassen – ein überzeichnet-brutaler Blick auf Cucks und die Frauen, von denen sie sich dominieren lassen.

Die Folgen enden mit den Auftritten von Bands, deren Songs die Stimmung des jeweils letzten Sketches zusammenfassen. Als Beispiele seien aus Adult-Swim-Zeiten „Teacher“ sowie das 2025 produzierte „Friendsgiving“ angeführt.

Das Folgen-Outro von Letzterem untermalt die Emotionen eines Protagonisten, der Vater werden will, dieses Vorhaben jedoch so lange hintangestellt hat, dass seine inzwischen über 40-jährige Frau reihenweise Abgänge zu beklagen hat:

„Man fragt sich, ob es die Zerstörung unserer Blutlinie wert war, unsere Zwanziger und Dreißiger mit Tequila und Koks im Klo runterzuspülen.“

Das Gesamtprodukt ist eine anziehende Achterbahn, die ihren Zuschauern überhaupt keine Atempause lässt, um über beiläufige Botschaften nachzudenken, während sie über Groteskes lachen und einen Wimpernschlag später von cineastisch in Szene gesetzten Musikern ins Innenleben einer Figur gesaugt werden. Botschaften überdies, die weniger mit taktischem Kalkül platziert wurden, als dass sie sich organisch aus den Anschauungen der Macher ergaben.

Linke haben Tausende solcher Formate: Künstler, die eben links, aber zuerst Künstler sind, machen Zeug, bei dem eben auch immer mal wieder was Linkes rumkommt – und das im Verbund verschiedener kreativer Handwerke und mit hoher Produktionsqualität. Wir stehen vor mehreren Problemen: äußerlich dem Druck und der Grausamkeit unserer Feinde, die sich insbesondere auf dissidente Künstler entlädt und von deren Persönlichkeitstypus unterdurchschnittlich gut weggesteckt wird. Innerlich materieller und zahlenmäßiger Unterlegenheit und einer daraus resultierenden „All In“-Attitüde fast aller ernsthaft rechts eingestellten Akteure: Wir sind, zumindest gefühlt, zu wenige, um uns unzweckmäßiges Ausleben von Kreativität überhaupt leisten zu können.

Außerdem ist der rechte Charaktertypus meist pragmatischer und direkter ergebnisorientiert ausgerichtet: Wenige machen etwas „einfach so“, aber eben als ein Haufen Rechte. Man macht zum Beispiel dezidiert rechte Musik anstatt Musik von Rechten, in die Weltanschauung zwar hier und da einfließt, die aber in erster Linie dem Wunsch nach musikalischem Ausdruck als Selbstzweck entspringt.

Dieser Pragmatismus steht ironischerweise dem organischen Wachsen eines musisch massentauglich gemachten rechten Lebensgefühls im Weg, denn aus ihm heraus orientiert man sich stark am aktuellen politischen Diskurs und strebt die Normalisierung gerade umkämpfter Worte und Konzepte an. Das künstlerisch zu tun ist nicht falsch, es ist eben nur künstlerischer Aktivismus statt aktivistischer Kunst. Und wenn die wenigen rechten Künstler unisono auf diese Karte setzen, entsteht keine die Tagespolitik transzendierende beiläufig rechte Kunst, die in Formaten wie Hydes zu besagtem „Gefecht der verbundenen Waffen“ zusammenkommen kann.

3 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Interessant wäre ja hier mal der Blick auf die Verhältnisse in unserem Land. Auch wenn es gelegentlich heißt es gäbe eine „konservative Comedy-Szene“, frage ich mich, wo die bitte ist.

  2. Schon der Grundansatz ist falsch: Menschen, auch Künstler, schaffen kein Lebensgefühl, da sie Leben nicht geschaffen haben. Das richtige Lebensgefühl ist das, was unserem Wesen und Leben als Menschen entspricht. Man braucht eine richtige Anthropologie, die ohne Theologie eben nicht auskommt. Die Neue Rechte (oder wie auch immer Ihr Euch bezeichnet) kann tausend Jahre wie Dr. Jekyll daran arbeiten. Und es passiert nichts – insb heute, wo die Medien so gespalten sind. Es kommt niemals eine kritische Masse zusammen, die Wirklichkeit prägt. Wenn ich Ihr wäre, würde ich auf die christliche Anthropologie zurückgreifen. Sie liegt dem Besten Westen zugrunde. Alles andere sind Abgründe. Gott segne Deutschland!

  3. Das Bild und die Überschrift, passen schon mal
    gar nicht zusammen !
    Oder gibt es nur ein Lebensgefühl in den jungen Jahren ?

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