Wir müssen es uns wieder schwerer machen

8. Mai 2026
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Durch die Entwicklung der Menschheit zieht sich das Streben danach, sich das Leben leichter zu machen. Schon die Sesshaftigkeit des Urzeitmenschen war darauf ausgelegt, sich weniger fortbewegen zu müssen, nicht immer nach Nahrung zu suchen, eine bessere Unterkunft zu haben und weniger Gefahren ausgesetzt zu sein. Vieles, was der Mensch erschuf, erdachte oder erfand, war dem noblen Ziel verschrieben, ein bequemeres Leben zu haben. Wir tragen das Begehren hiernach genetisch in uns, ausgelöst durch den aus der Urzeit übriggebliebener Reflex, keine Energie zu verschwenden und Gefahren zu vermeiden, ebenso, wie es auch jedes Tier macht, denn die Natur ist ein ständiger Überlebenskampf.

Mit diesem Gedanken im Sinn betrachte man nun dieses Bild:

Es zeigt ein Grundwasserpumpwerk der schweizerischen Kleinstadt Schaffhausen, das aus zwei Gebäuden besteht: Ein altes aus dem frühen 20. Jahrhundert, und ein modernes, aus dem frühen 21. Jahrhundert. Sofort fällt auf: Während das moderne Gebäude wenig mehr als ein geometrischer Block ist, so ist das alte Gebäude überraschend ansehnlich gehalten, kein architektonisches Kunstwerk, aber doch ist es angenehm zu betrachten und fügt sich in gewissem Mass in die architektonische Tradition ein: Das Satteldach aus roten Ziegeln mit einer Gaube darin, die unteren Mauern aus Naturstein, die grossen Rundbogenfenster, das Holztor mit Fischgrätenmuster.

Nichts von alledem war auch vor 100 Jahren wirklich notwendig. Man hätte schon damals viel zweckmässiger bauen können, gerade wo es sich um einen funktionalen Industriebau handelt, der ausserhalb der Stadt steht. Nichtsdestotrotz entschied man sich dazu, es aufwendiger zu machen als nötig, indem man eine höhere architektonische Leistung erbrachte, als was strikt notwendig gewesen wäre, was wahrscheinlich auch zusätzliche Kosten verursacht hat.

Es ist ein Phänomen, das gerade in Europa sehr typisch ist: Fast jede alte Konstruktion, egal wie banal und utilitaristisch, zeugt von «unnötiger» Schönheit, von «übertriebenem» Aufwand, was alles gar nicht nötig gewesen wäre, um den wesentlichen Zweck zu erfüllen.

Der Zeitgeist hat keine vernünftige Antwort darauf, wieso sich früher die Menschen etwas Einfaches unnötig schwieriger machten, obendrein in einer Zeit, als es weniger Wohlstand und Überfluss gab als heutzutage. Man könnte jetzt dagegenhalten, dass man es früher eben so gemacht habe, weil man es nicht anders kannte. Oder dass die heutigen Bauten nicht weniger schön und aufwendig seien, sondern bloß das moderne Pendant des damaligen Geschmacksempfinden abbildeten. Ja, der einfarbige Klotz ist architektonisch bestimmt gleichzusetzen mit dem sympathischen Häuschen daneben…

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Eine vernünftigere Interpretation ist, dass man es sich schwieriger machte, weil man sich nicht mit dem Mindesten zufriedengeben wollte, weil man die Selbstachtung hatte, sogar einfache Dinge mit einem minimalen Maß an Schönheit zu versehen, und weil man – womöglich unterbewusst – über sich hinauswachsen wollte. Denn der Mensch wächst erst dann über sich hinaus, wenn er mehr tut als das Nötigste, denn das ist auch etwas, was den Menschen vom Tier unterscheidet: Er verfolgt mehr als nur seine Triebe nach dem wesentlichen wie Nahrung, Schutz und Fortpflanzung.

Inzwischen gilt eher ein Wettlauf nach unten: Welche Kunst kann obszöner sein, welche Kleidung lumpiger und welches Design zweckmässiger. Es folgt dem Gedanken, dass Konzepte wie Schönheit bloss Konstrukte sind, die man sich selbst auferlegt hat, und durch die der Mensch in seiner Freiheit unterdrückt wird. Folglich auch der Drang, all diese Konzepte in Frage zu stellen. Wer kennt sie nicht, jene Argumentationen à la: «Wer entscheidet, was schön ist?»; «Vielleicht finden es andere schön»; oder gar «das gilt nur als schön, weil es dem auferlegten Kanon von Schönheit entspricht.»

Es entspricht der Vorstellung, dass der Mensch erst dann frei ist, wenn er sich uneingeschränkt seiner selbst hingeben kann, wenn er frei ist, sich zu «entfalten». Mit dieser Vorstellung hat sich die Philosophie der Aufklärung schon auseinandergesetzt, und entgegnete mit der Ansicht, dass der Mensch, wenn er einzig seinen inneren Trieben und Begehren folgt, nicht frei ist, sondern diesen untergeben.

Rousseau schrieb: «Die sittliche Freiheit macht allein den Menschen erst in Wahrheit zum Herrn über sich selbst; denn der Trieb der blossen Begierde ist Sklaverei und der Gehorsam gegen das Gesetz, das man sich selber vorgeschrieben hat, ist Freiheit.» Was in der heutigen Zeit also vorgeht, ist nicht eine Befreiung von Zwängen, Konstrukten oder Hierarchien, sondern die Unterwerfung den «inneren Trieben und Begehren».

Es ist dabei ironisch, dass es gerade die Fähigkeit und der Wille dazu, sich die Dinge schwieriger zu machen als eigentlich nötig, überhaupt erst möglich machten, dass wir uns das Leben leicht machen. Ebenso wie wir einen derartigen Überfluss an Nahrung haben, dass man sich selbst zügeln und körperlich ertüchtigen muss, um nicht zu überfetten, haben wir auch einen Überfluss an Möglichkeiten zur Bequemlichkeit, die wir bewusst überwinden müssen, um Überhaupt die Fähigkeit zu erlangen und zu erhalten, dieses bequemliche Leben zu schaffen. Anders gesagt: Wir müssen es uns bewusst schwer machen, wenn wir es weiterhin einfach haben wollen. Denn wenn wir es uns zu leicht machen, werden wir es bald sehr schwer haben.

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