Reisebericht – Auf der Heide

11. September 2022
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Das in diesem Land nichts mehr rund lรคuft, sollte jeder mitbekommen haben. Plรถtzlich sollen wir kalt duschen (was mir nichts ausmachen wรผrde) und die Bibliotheken dichtgemacht werden, weil „wir“ die Stromkosten drastisch senken „mรผssen“ und nicht zu vergessen: Putin ist bรถse.

Mir reicht es. Ich habe keine Lust mehr auf dieses Gutmensch-Getue, diese Heuchelei รก la โ€žwenn wir Strom sparen, geht es den armen Ukrainern besser! / Wieso isst du immer noch Fleisch, Klara? / Wieso fรคhrst einen Diesel und keinen E-Roller?“ Da fรคllt mir nur eins zu ein: Haltet die Fresse. Ich gehe dahin, wo mich keiner sieht, keiner hรถrt und vor allem, wo mich keiner stรถrt โ€“ in die wunderschรถne Heide. Dort ist man keinem blรถden Geschwafel von Lina und Sรถren ausgesetzt. Nein. Man ist lediglich der Natur ausgesetzt. Und das genรผgt in vollem MaรŸe.

In aller Herrgotts Frรผhe geht es los. Ich treffe mich mit einer Freundin kurz vor dem Wald und wir treten gemeinsam unsere Wanderung an. Umgeben von riesigen Kiefern, sind wir auf alles gefasst, was auch immer auf uns zuzukommen sollte. Es verstreicht keine halbe Stunde, da ist schon das Naturschutzgebiet der Heide erreicht. Feinstes Kaiserwetter, der Himmel ist nahezu wolkenlos und strahlend blau. Die Sonne lacht mit uns um die Wette und trotz der nur schwach ins Licht getauchten Heide, genieรŸen wir den Anblick.

Wir sehen auf unserem Weg, zu unserer รœberraschung, tatsรคchlich noch andere Menschen. Zwei Bauern, die sich soeben um die Heidschnucken und -ziegen kรผmmern. Diese sorgen dafรผr, dass das Heidekraut nicht ausufert, sondern in Form bleibt. Damit die Wรถlfe sich nicht ein Schaf nach dem anderen holen, passen die Hรผtehunde artig auf sie auf.

Nachdem wir schon einige Kilometer zurรผckgelegt haben, macht sich der Hunger breit. Die Stullen warten bereits darauf, ausgepackt zu werden und zu meiner Freude, erreichen wir nach ein paar hundert Metern dutzende von Brombeerstrรคuchern. Frรผher warnte man immer, alle Beeren wรคren vom Fuchsbandwurm befallen. Doch ich glaube, dass das schlichtweg eine Lรผge war, um das gefrรครŸiges Volk, wie mich, von den Kostbarkeiten des Waldes fernzuhalten. Darauf falle ich schon lang nicht mehr herein. Ich kann keinen Zentimeter gehen, ohne alle reifen Beeren zu pflรผcken. Als ich endlich satt bin, geht es mit rot und blau gefรคrbten Hรคnden noch weiter in den Wald hinein.

Vergnรผgt summen wir alle Lieder, in denen die Heide auch nur im Entferntesten erwรคhnt wird. Angefangen bei EAV, mit Mรคrchenprinz, kommen wir endlich bei Erika an: „Auf der Heide blรผht ein kleines Blรผmelein โ€ฆ und das heiรŸt โ€“ EEERIKA!“

Jeder Mensch, der zumindest ein wenig musikalische Erziehung genossen hat, kennt dieses Lied โ€“ oder zumindest diese Zeile. Es ist perfekt. Vollkommen. Nur zwei Mรคdels, die bei strahlendem Sonnenschein durch die Heide wandern und Erika trรคllern. Etwas surreal ist es schon, dass wir hier in so friedlicher Ruhe herumspazieren kรถnnen. Denn zwischen 1950 und 1990 war hier der Luftwaffenรผbungsplatz. Zu dieser Zeit wurden die Kahlflรคchen mit Bomben und Raketen beschossen. Alle umliegenden Waldgebiete dienten derweil als Schutzzone und waren als Sperrgebiet gekennzeichnet.



Heutzutage ist die Heide frei zugรคnglich, die NVA gibt es schon lang nicht mehr, aber die Kahlflรคchen sind noch vorhanden. Zudem wurden Waldbrandschutzwege angelegt, damit mรถgliche Brandfรคlle an Ausbreitung gehindert werden kรถnnen. Die Heideflรคchen befinden sich herrlich eingebettet, mitten im Kiefernwald, auf nรคhrstoffarmen Sandbรถden, und dienen vielen Tier- und Pflanzenarten als Lebensraum.

Unser Ziel rรผckt mit jedem getanen Schritt nรคher. Gegen Mittag erreichen wir den kleinen Bauernhof. Es gibt Fassbier und selbstgemachten Kรคse. Wรคhrend wir also am Fluss sitzen, Bier trinken und Kรคsestullen vernaschen, denke ich mir mal wieder, wie schรถn (einfach) das Leben doch sein kann. Der Mensch braucht nicht viel, um glรผcklich zu sein. Ein bisschen Natur, nette Menschen, hin und wieder das ein oder andere Bier und natรผrlich jede Menge Sonnenschein. BloรŸ gut, wenn man auf dem Lande wohnt.

Vollkommen zufrieden setzen wir unseren Waldgang fort. Wir wollen zurรผck durch die Heide, bis nach Hause laufen. Das schaffen wir. Allerdings nur auf Umwegen. Denn zwischendurch verlieren wir kurz die Orientierung. Ich komme mir vor wie bei Hรคnsel und Gretel. Wer sich zurรผckbesinnt, weiรŸ, dass die Geschwister Brotkrumen streuten. Wir hingegen legen Steine als Markierung, aus Mangel an vernรผnftiger Beschilderung. Unsere Rettung. Nachdem der Brombeer-Pfad wieder entdeckt ist, sind wir zurรผck auf Kurs. Nach mehr als 22 Kilometern lichtet sich der Wald, die DorfstraรŸe kommt zum Vorschein.

Trotz unserer schmerzenden FรผรŸe, freuen wir uns, die stundenlange Heidewanderung auf uns genommen zu haben. Wir verabschieden uns, ich ziehe meine Schuhe aus und laufe barfuรŸ nach Hause. Besser kann es nicht laufen. Und fรผr alle Wanderburschen, die rummehren, dass man sich auf eine Wanderung vier Wochen lang vorbereiten muss โ€“ Ich muss „Der Waldgang“ von Jรผnger nicht gelesen haben, um ein Waldgรคnger zu sein.