Edgar Julius Jung (1896-1934) zรคhlt heute zu den wichtigsten Vertretern der Konservativen Revolution. Trotzdem kennen die wenigsten ihn, sein Denken und seine Leistungen. Wir mรถchten das gerne รคndern und stellen euch den weitsichtigen Kopf in unserer Reihe โKonservative Hipster“ vor.
Edgar Julius Jung (1896-1934) zรคhlt heute zu den wichtigsten Vertretern der Konservativen Revolution. Trotzdem kennen die wenigsten ihn, sein Denken und seine Leistungen. Seine Werke, wie das von vielen seiner konservativen Zeitgenossen, sind trotzdem aktueller denn je. So schreibt Jung 1931 in seinem Buch โFรถderalismus als Weltanschauungโ รผber die Entwicklung der Weimarer Republik:
โNichts aber ist verhรคngnisvoller, als wenn ein Staat nach auรen pazifistisch und nach innen militant ist. Das umgekehrte ist das Richtige.โ
Aber zurรผck in die Geschichte. Nach einigen beachtlichen intellektuellen Verรถffentlichungen, so zum Beispiel das im Jahr 1927 verรถffentlichte Werk โDie Herrschaft der Minderwertigenโ, mit dem sich Jung gegen die Weimarer Republik und die Massendemokratie wandte, richtete er einen Zirkel politischer Verschwรถrer um den Vizekanzler Franz von Papen ein.ย Dieser โEdgar-Jung-Kreisโ versuchte in den Jahren 1933 und 1934 die deutsche Politik รผber Franz von Papen nachhaltig zu beeinflussen und Vorstellungen der konservativen Revolution in die Politik zu bringen.ย Bekannte Mitglieder waren, neben dem Kopf der Gruppe Edgar Jung, der Pressechef, Herbert von Bose, sowie die Adjutanten und Sekretรคre Papens.
Wรคhrend die konservativen Krรคfte auf der politischen Bรผhne noch versuchten Hitler โeinzurahmenโ, was gehรถrig misslang, rahmten die Intellektuellen um Jung, Franz von Papen ein, der nichts von dem Geheimbund wusste. Mittlerweile gehen viele Historiker davon aus, dass die maรgebliche Politik des adeligen Vizekanzlers von seinem Stab ausging. Papen war, wie viele Zeitgenossen bezeugten, nicht der Hellste, konnte sich aber gekonnt darstellen.
In der sogenannten โMarburger Redeโ am 17. Juni 1934, die in der altehrwรผrdigen Aula der Studentenstadt vorgetragen wurde, wagten Jung und Kollegen den waghalsigen Coup.ย Jung, der schon lรคnger als Redenschreiber Papens fungierte, verfasste die letzte รถffentlich gehaltene Rede gegen den neuen Reichskanzler Hitler.ย Und er legte richtig los. Jung richtete sich gegen die Spaltung des Volkes im Zuge interner Kรคmpfe, die durch die NSDAP weiter forciert wurden. Er richtete sich gegen eine zweite Revolutionswelle โvon untenโ, die der Nation nur schaden wรผrde. Auch beleidigte er die neue Bewegung Hitlers, wenn auch nicht gleich offensichtlich. Jung wรคhlte die Rede so, dass sie erst die positiven Seiten des Nationalsozialismus genannt wurden, um diese anschlieรend angreifen zu kรถnnen. Dutzende Leute verlieรen unter Protest den Saal. Deutlicher wurde er gegen den in der Entstehung begriffenen Fรผhrerkult:
โAuch der Satzโ Mรคnner machen Geschichteโ wird hรคufig missverstanden. Mit Recht wendet sich deshalb die Reichsregierung gegen einen falschen Personenkult, der das unpreuรischste ist, was man sich nur vorstellen kann. Groรe Mรคnner werden nicht durch Propaganda gemacht, sondern wachsen durch ihre Taten und werden anerkannt von der Geschichte.“
Konrad Heiden, sozialdemokratischer Journalist, beurteilte die Rede mit den Worten: โDie Rede war Deutschland aus dem Herzen gesprochen. [โฆ]ย Die Rede stellte die Mรคnner um Hitler und diesen selbst vor dem ganzen Volke bloร.โย
Franz von Papen trug die Marburger Rede vor, vermutlich ohne รผberhaupt zu ahnen, was er da sagte. Zeitzeugen behaupten, dass er sie sogar erst kurz vor dem Auftritt las. Ein weiterer Schachzug des Jung-Kreises. Diese planten mit der Rede einen Stopp der nationalsozialistischen Machtergreifung, mit anschlieรender Konterrevolution durch die konservativen Kreise der Weimarer Republik. Im Falle einer Auseinandersetzung, so hoffte Jung, wรผrde der Ausgang der Machtkรคmpfe vom Eingriff der Wehrmacht abhรคngen. Das deutsche Militรคr stand noch immer unter dem Oberbefehl des Reichsprรคsidenten Hindenburgs, auf den wiederum Franz von Papen enormen Einfluss ausรผbte.
Doch der geplante Einschlag blieb aus. Ein Grund war sicherlich zum einen die Lethargie der Konservativen, unter der man zu allen Zeiten litt. Bedeutender war hingegen, dass Joseph Goebbels die deutschlandweite รbertragung der Rede รผber das Radio verhinderte und die schriftliche Verbreitung im Keim erstickte. Jung wurde anschlieรend inhaftiert. Er verlieร das Gefรคngnis nicht mehr lebend.ย Am 1. Juli 1934 wurde Edgar Julius Jung,ย im Zuge des angeblichen Rรถhm-Putsches, von den Nationalsozialisten ermordet.ย Franz von Papen รผberlebte das dritte Reich unbeschadet und starb in hohem Alter. Nach 1945 konnte er den Alliierten nachweisen, dass er gegen Hitler gearbeitet hatte: Anhand der Marburger Rede, geschrieben von Edgar Julius Jung, der fรผr seine geistigen Ideale, sein Leben lieร.
โAls ich erkannte, daร sich Herr von Papen gemรคร seiner inneren Einstellung mit dem sogenannten konservativ-revolutionรคren Gedankengut identifizierte und als stรคrkster Verkรผnder dieser Idee in Frage komme, entwarf ich ihm sรคmtliche Reden, die er wรคhrend des Kabinett Hitlers gehalten hat. Sie stammen auch in der Stilisierung zu 90% aus meiner Feder.
E..J. Jung 10. Mรคrz 1933
โDie Herrschaft der Minderwertigen. Ihr Zerfall und ihre Ablรถsungโย ist das Hauptwerk E. J. Jungs. Es gilt als eines der wichtigsten politiktheoretischen Hauptwerke der Konservativen Revolution. Es richtet sich mit Bestimmtheit gegen den Weimarer Parlamentarismus und die Massendemokratie, aber auch gegen den zentralistischen Flรคchenstaat. Fรผr Jung war die deutsche Einigung 1871 bereits eine Fehlentwicklung. Richtete sich diese doch gegen den รผber 1000 Jahre andauernden Fรถderalismus Deutschlands. Die โrote Linieโ seines Denkens war immer der Kampf gegen zu viel staatliche Zentralgewalt.
โWenn unsere Volkstumsgedanken mit der Rassenlehre, dem biologischen Naturalismus, verwechselt werden, dann kann Hitler alles, was wir jungen Konservativen in den letzten Jahren geistig geschaffen haben, verfรคlschen und in das Gegenteil seiner ursprรผnglichen Bedeutung verkehren.โ
ย Edgar Julius Jung im Gesprรคch mit Edmund Forschbach.
