Am 11. Mai 1973 bricht mitten in Manhatten an der Kreuzung Lexington Street Ecke 61. Straรe ein Mann zusammen. Passanten eilen herbei, alle Versuche zur Wiederbelebung scheitern. Auch die Sanitรคter kรถnnen nur noch den Tod feststellen. Vielleicht ein Herzinfarkt? Man weiร es nicht. Aber wer ist der Mann? Seine Taschen durchwรผhlt man vergebens nach Papieren. Auf seiner goldenen Armbanduhr findet man schlieรlich eine Gravur: Lex Barker.
Wer ist Lex Barker? Ratlosigkeit bei den Passanten. Auf dem Gehweg liegt bloร ein Mann im Anzug. Groร, gutaussehend, mitte 50 vielleicht. Tragisch, aber so ist das Leben. Tage spรคter erst die Gewissheit. Tarzan ist tot. Tarzan? Ja, da war was in den 50ern. Ja doch, Lex Barker, na klar. Lange her, was hat er denn in den letzten Jahren getrieben? In Amerika zuckt man mit den Achseln. Wรคre der Mann eine echte Nummer, dann hรคtte man ihn nicht erst anhand seiner Armbanduhr identifizieren mรผssen.
Anders in Europa, anders in Deutschland. Hier ist Barker in dem Moment eine Legende, als er 1962 zusammen mit Piere Briece in โDer Schatz im Silberseeโ auftritt. Winnetou und Old Shatterhand. Das ist Magie, selbst heute noch, selbst 58 Jahre nach der Kinopremiere. Als Horst Wendlandt Anfang der 1960er Jahre mit der Verfilmung der Karl May-Romane beginnt, passiert etwas in der Bonner Republik. BRAVO, Hype, kreischende Mรคdchen. Das volle Programm eben. Na jedenfalls folgen in den nรคchsten Jahren zahlreiche weitere Filme, in denen Lex Barker als Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi oder Dr. Sternau gegen miese Gauner, skrupellose Unternehmer und aufgehetzte Wilde antreten muss.
Barker war der richtige Mann fรผr die richtige Rolle. Athletisch, gutaussehend und aus reichem Hause, hรคtte er in Amerika alles erreichen kรถnnen. Sportler etwa oder Bauunternehmer, wie sein Vater. Fรผr den Kriegseinsatz meldet er sich aus รberzeugung freiwillig und geht fast drauf, zeitlebens trรคgt er eine Metallplatte im Schรคdel. Er hat Mumm und zurรผck in Amerika stehen charmanten Kriegshelden wie ihm alle Tรผren offen. Die Schauspielerei soll es sein. Barker wird Tarzan und Wildtรถter. Als sich aber in den 50ern abzeichnet, dass er im amerikanischen Film keine weitere Zukunft haben wird, geht er nach Europa. Hier weiร man jemanden wie Barker schnell zu schรคtzen. Groร, blond, โdeutscher als alle Deutschenโ. Seine Rolle ist gesetzt, der Erfolg vorprogrammiert.
Lassen wir mal den Starkult und das BRAVO-Gedรถns rund um Barker auรen vor. Das ist was fรผr kleine Mรคdchen. Ein paar Jahre spรคter werden die den Beatles hinterhelaufen. Nein, die Rollen von Barker in den Karl May-Verfilmungen, also Old Shatterhand, Dr. Sternau und Kara Ben Nemsi, werden prรคgend fรผr eine ganze Generation von Jungs. Das ist der entscheidende Punkt. Was die Bengels im Kino sehen, spielen sie in ihrer Freizeit nach. Sie fesseln sich an Bรคume, raufen sich, schwรถren sich ewige Blutsbrรผderschaft. Eine ganze Generation verinnerlicht durch die Winnetou-Filme genau die Dinge, auf die es im Leben ankommt: Einen klaren Wertekompass, Freundschaft, Durchhaltevermรถgen. Jeder weiร: Indianer kennen keinen Schmerz. Und Old Shatterhand, Freund der Apachen, tut das auch nicht.
Wir sind heute ja Filme eines ganz anderen Kalibers gewohnt. รber Winnetou lรคchelt man mรผde und blamiert sich schlieรlich mit einer rรคudigen Neuverfilmung. Ja klar, man kann von den Kostรผmen halten was man will, von den kroatischen Apachen, den schwarzhaarigen Perrรผcken und dem stรคndigen in-die-Luft-Geballere. Aber Jungs sind solche Sachen egal. Wenn sie die Abenteuer nachspielen, dann wird der kleine Wald hinter der Siedlung zur undurchdringlichen Wildnis, der Bach zum reiรenden Strom, das Gartenhaus zum Prรคriefort. Gewaltige Vorstellungskraft entzรผndet sich an kleinen Funken. Wer wir heute sind, hat sich in den unzรคhligen Abenteuern unserer Kindheit entschieden.
Und Barker? Nun, es endet eben, wie es enden muss. Depression, gescheiterte Ehen, lange Nรคchte und leere Glรคser. Zeitlebens bleibt er unzufrieden. Was hรคtte er alles spielen kรถnnen? Was hรคtte er alles erreichen kรถnnen? Drei Tage nach seinem 54. Geburtstag hรถrt sein Herz auf zu schlagen, mitten im Trubel von Manhatten. Ein einsamer Tod in der Fremde. Dort hat man eben andere Helden und andere Geschichten. Das ist in Ordnung. Old Shatterhands wahre Heimat ist hier bei uns in Deutschland.
In loser Reihenfolge stellen wir die wahren CHADS vor. Helden, Einzelgรคnger, Krawallmacher, ganz egal. Echte Mรคnner eben. Echte Alphas, echte CHADs. Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, dann werfen Sie doch mal ein Blick in unser Magazin. Da gibtโs noch viel mehr von dem Stoff!

