Wenn man sich stundenlang mit doppelter Buchfรผhrung und anderen Zwangshobbies beschรคftigt, und als Belohnung dann noch Steuern zahlen darf, steigt die Wut auf den Staat an. Umso bemerkenswerter, dass es zurzeit einen Bereich gibt, in dem Gewerbetreibende bevorzugt werden: Beim Besuch des Baumarktes.
Aus unerfindlichen Grรผnden haben es die Baumรคrkte nรคmlich geschafft, dass Gewerbetreibende (offensichtlich weniger infektiรถs) sehr wohl in den Laden dรผrfen, wรคhrend der normale Bรผrger (offensichtlich infektiรถser) zwischen obskuren Sachen wie โClick and Collectโ, Terminvereinbarung oder sonstigem Irrsinn auswรคhlen darf.
Zumal โGewerbetreibendeโ โ offensichtlich geht es ja im Handwerker โ eigentlich niemals in einen รผberteuerten Baumarkt gehen, sondern ihre Waren meistens beim Groรhรคndler bestellen. Der herkรถmmliche Baumarkt ist eine Falle fรผr Hobbyhandwerker, die zu viel Geld haben. Und die dรผrfen momentan nicht rein. Oder nur manchmal. Oder fast nicht.
Besonders provokant ist die Erlaubnis fรผr den โPรถbelโ in den โStadtgartenโ eintreten zu dรผrfen, der direkt an โrichtigenโ Baumarkt grenzt, aber durch Absperrband vom wahren Paradies abgetrennt ist.
Dutzende von bauaffinen Mรคnnern dรผrfen also von Seiten der Regierung โ des lieben Haussegens Willen โ literweise Blumenerde kaufen. Vielleicht auch eine Holzverkleidung fรผr den Minibalkon oder einen Blumentopf fรผr die jรคhrlichen Tomaten. Sehnsรผchtig blicken die Herren auf die in der Ferne schillernden Abteilungen mit Stahl, Holz, Eisenware, Baumaschinen, Schrauben, Nรคgeln und verzinkte Winkel mit 8 Mal 8 Zentimeter โ fรผr den Deutschen unรผberwindbar hinter einem dรผnnen Plastik-Absperrband und einem 1,60 groรen Giftzwerg, die niemanden passieren lรคsst.
Die Giftzwergin schaut missmutig. Vermutlich muss sie mal wieder arbeiten. Kurzarbeit mit Dauerferien kommt bei vielen Leuten relativ gut an.
Die 8×8 Zentimeter Winkel sind รผbrigens der Grund, warum ich fast mutterseelenalleine als Premiummensch erster Klasse durch die Gรคnge des Baumarktes schlendere. Natรผrlich erst nachdem zwei (!) Personen, mit roter Baumarkt-Weste meinen Gewerbeschein kontrolliert haben und meinen Personalausweis abgeglichen haben.
Nach einem skeptischen Blick, der wirkt, als wรคren die Praktikanten vom Zoll am Werk, lassen Sie mich endlich herein, damit ich ihr Gehalt finanzieren kann.
Dabei wette ich, dass keiner der รผberwiegend extrem unfreundlichen Angestellten, sich darรผber im Klaren ist, dass โihreโ Kunden โ seien es โClick and Collectโ-Rentner oder โGewerbetreibendeโ wie ich, die fรผr ihre Arbeit extrem dringend 8×8 Winkel brauchen (rรคusper) eigentlich ihre Verbรผndeten sind.
Stattdessen wirken die meisten Angestellten so, als seien die Kunden der Feind, die man in einer Zeit der Gefahr und des Niedergangs, auf Anweisung der dunklen Regierung, trotzdem zu bedienen hat. Verkehrte Welt.
Ich schlendere also durch die Gรคnge โ mich wie ein kleines Kind darรผber freuend, dass es sich auch mal lohnt, Gewerbetreibender zu sein, und stolpere รผber schlangenweise Einkaufswagen. Diese groรen Schwerlastdinger, die sich der ambitionierte Baumarktmann am liebsten holt, um dann anschlieรend doch nur mit zwei Schraubenpรคckchen und eingezogenem Kopf zur Kasse geht.
Oder: Man verzichtet auf die Schwerlasteinkaufswagen und merkt dann im Laden, dass die drei Meter langen und 15 kg schweren Holzbalken eigentlich doch gekauft werden mรผssen und versucht mรถglichst seriรถs die Holzbalken auf den Schultern zu balancieren ohne peinlich aufzufallen.
Diese Schwerlastgefรคhrte stehen auf Reihe geschaltet in den Gรคngen. An jedem hรคngt eine groรe Nummer mit dazugehรถrigem Lieferschein. Darauf liegen dann Produkte โ manchmal auch nur besagte zwei Pรคckchen Schrauben. Der gesamte Baumarkt ist durchzogen mit diesen Wagenketten, die offensichtlich die Bestellungen der Online-Kunden beinhalten, die dann via โClick and Collectโ ihre Schrauben mit dem geleasten 5er-BMW abholen kommen.
Vielleicht ist auch das der Grund, warum die Baumarktmitarbeiter schlecht gelaunt sind? Ein kundenorientierter (manchmal!) Job, der einen gewissen Reiz samt Abwechslung beinhaltet, wurde per Handstreich vernichtet und innerhalb weniger Minuten Regierungskonferenz zu einer Amazon-Lagertรคtigkeit transformiert. Jetzt laden, teils Leute kurz vor der Rente, Schrauben-Bestellungen auf Schwerlasteinkaufswagen. Die meisten Mitarbeiter allerdings sind zu Hause โ oder stehen in der Gegend herum.
Beim Verlassen des Geschรคftes (wo ist die letzte Stunde hin?) sehe ich eine Gruppe Rentner: โEntschuldigen Sie, wie komme ich denn in den Baumarktโ. Der โTรผrsteherโ des Baumarktes wortwรถrtlich in scharfem Ton: โGar nicht!โ. Die Rentner verstehen die Welt nicht mehr, gehen langsam weg: โUnfassbar. Was soll sowas? So weit sind wir schon gekommen.โ Leider bin ich nicht schlagfertig genug โ die Antworten fallen mir dann immer im Auto ein โ und rufe nicht: โGerne noch 20 Jahre CDU wรคhlenโ hinterher. Aber nรคchstes Mal vielleicht.
Der gestresste โTรผrsteherโ schickt vermutlich den 700. Besucher weg. Dabei kรถnnte er einfach mit Kurzarbeit auf dem Sofa liegen und Netflix gucken. Die Besucher wissen allerdings wirklich nicht, ob sie reindรผrfen oder nicht. Notbremse, Wellenbrecher, hin- und her: Es blickt niemand mehr durch, und das hat auch nichts mit dem โFรถderalismusโ zu tun.
Die Leute haben keine Lust mehr, sich mit Regierungsmaรnahmen zu befassen, auch wenn sie sich leider daran halten. Aber was sollen sie auch groร machen? In den Baumarkt einbrechen und die Verkรคufer zwingen, ihnen Produkte zu verkaufen? Ein Scheiรtag fรผr alle Beteiligten โ ausgelรถst durch eine wahnwitzige Corona-Politik.
Die Gesetze des Marktes wurden quasi auรer Kraft gesetzt. Produzenten und Verkรคufer gegen Kunden und Verbraucher aufgehetzt. Damit kรถnnte sich ein wirklich historischer Schritt anbahnen, den so noch niemand dargestellt hat. Historiker Jang hat in einer vergangenen Krautzone รผber den britischen Unternehmer Richard Cobden geschrieben, ein Kรคmpfer fรผr den Freihandel und gegen staatliche Regularien.
Damals waren die Fronten anders als heute: Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Prekariat standen auf der gleichen Seite gegen den Staat. Heute unvorstellbar, denn die sozialistische Transformation im Laufe des 19. Jahrhunderts wandelte das Bild: Der Staat warb mit Versprechungen die Arbeitnehmer und Armen ab โ und verbรผndete sich mit ihnen gegen die Arbeitgeber.
Normalerweise war der Kunde immer aus dieser Gleichung ausgenommen โ vielleicht bis ins Jahr 2021. Denn jetzt wird ein Spalt zwischen die letzte natรผrliche Allianz โ Kรคufer und Verkรคufer getrieben. In Zeiten der expansiven Geldpolitik in Kombination mit sozialen Hochleistungen ist man weder auf Kunden, noch auf einen Arbeitsplatz angewiesen. Der Staat steht als krimineller Mittler zwischen den beiden symbiotischen Gruppen โ es bleibt abzuwarten, fรผr wessen Interessen er sich wirklich einsetzt.
Was aber viel wichtiger ist: Ich habe meine 8×8 verzinkten Winkel und fahre zufrieden nach Hause. Wofรผr ich diese wunderstabilen Metalldinger brauche, erfahren Sie dann im nรคchsten Teil.
