Zunรคchst ist da nur Polizei. Blau-weiรe Mannschaftswagen, schwarze Uniformen. Ich bin etwas irritiert, denn hier auf dem Platz soll die Demo doch losgehen. Ein kleines Grรผppchen junger Leute beginnt sich zu sammeln. Die meisten von ihnen tragen auffรคllig unauffรคllig schwarze Klamotten, also schwarze Hosen, schwarze Jacken, schwarze Mรผtzen. Es ist schnell klar, um wen es sich hierbei handelt. Ein paar streifen sich weiรe Kittel รผber.
Das ist wichtig, denn was immer auch diesen Abend passieren wird: Die Staatsmedien werden ein Theaterstรผck zeigen, in dem sich โMedizinstudentenโ gegen โCoronaleugnerโ zu wehren beginnen. Die leise Minderheit gegen die lautstarke Mehrheit. Die Ratio gegen die Emotio. Die Wissenschaft gegen den Mob. Theater, wie gesagt.
Aber wo sind sie denn jetzt, die echten Demonstranten? Soll der Umzug nicht gleich losgehen? Und was mache ich eigentlich hier? Ich laufe eine groรe Runde um den Block, und als ich zum Platz zurรผckkomme, da hat sich die Polizei in Gang gesetzt. Im Schritttempo bewegen sich blaue Blinklichter durch die Dunkelheit, ihnen folgen etwa 100 bis 200 Menschen. Auf den ersten Blick sieht man keine Schilder oder Banner, und da keine Parolen skandiert werden und es auf eine gespenstische Art und Weise ruhig ist, weiร ich zunรคchst nicht, ob das hier die regierungskritische oder die regierungsfreundliche Demo ist.
Ich folge den Leuten, aus irgendeinem Lautsprecher erschallt plรถtzlich ein sehr schnulziger Popsong, und als ich die ersten Strickpullover sehe, die ersten weiรen Haarschรถpfe, da weiร ich, dass ich richtig bin. Oder auch nicht. Denn es handelt sich bei diesen sehr braven, sehr bedรคchtigen Leuten, die da langsam die Straรe entlangziehen, um Altlinke. Aber was erwarte ich in einer altlinken Stadt?
Die Straรe knickt leicht ein, ich trenne mich von dem Menschenwurm und eile durch eine Gasse voraus, weil ich mir das Ganze von vorne ansehen will. Da hรถre ich plรถtzlich anschwellendes Gebrรผll. Also richtiges, ohrenbetรคubendes, hassverzerrtes Gebrรผll. Und da sind sie also, die schwarzgekleideten und weiรummantelten Regierungsunterstรผtzer und Impfbefรผrworter. Etwa 50 von ihnen versperren die Straรe und schreien im Chor. Ich schnappe โNazi!โ-Fetzen auf, ohne die gesamte Parole zu verstehen. Auf einem Pappschild lese ich โImpfe statt Hetzeโ und stรถre mich instinktiv daran, dass dort nicht โImpfeN statt HetzeNโ steht. Wรคhrenddessen zweigt die eigentliche Demonstration vor der Blockade ab, die Polizei beschirmt die Brรผller.
Hier ist er zu sehen, dieser Realitรคtsriss, der sich durch die spรคte Berliner Republik gefressen hat: Ein paar Hundert friedliche Menschen, die meisten davon betagt, einige etwas sehr theatralisch mit ihrer Kerze in der Hand, ziehen schweigend an einem widerwรคrtigen, irgendwas mit โNazi!โ brรผllenden Mob vorbei. Man sieht hier natรผrlich keine Fernsehkamera, diese Szene kรถnnte den unbedarften Tagesschauer nur irritieren. Und das will man ja auf keinen Fall. In diesem Land ist alles aus den Fugen geraten, alles steht Kopf, aber genau deshalb soll das offizielle Narrativ klare Verhรคltnisse vermitteln. Hier die Guten, da die Bรถsen.
Einige Tage spรคter werden der Chef, Finkelstein und meine Wenigkeit einen Podcast aufnehmen. Wir werden รผber dies und das sprechen, jedenfalls kommen wir auch zu der obligatorischen Frage, was das denn konkret fรผr Menschen sind, die man zur linken Seite des Weges findet. Konkret: Was treibt einen jungen Menschen dazu an, schweigenden alten Leuten das โNazi!โ fรถrmlich ins Gesicht zu ritzen? Macht das Spaร, von einer Straรenkreuzung zur nรคchsten zu hasten, um ein paar Hundert Leuten den Weg zu versperren? Klopft man sich dann anschlieรend auf die Schulter und sagt: โWir waren zwar nicht bei Omaha Beach dabei, aber heute Abend haben wir unseren Beitrag geleistetโ?
Ganz im Ernst, ich kann es mir nicht anders erklรคren, als dass es sich hierbei um Geisteskranke handelt. Und das Schlimme ist, dass solche Leute nicht nur am Montagabend mit und ohne Arztkittel brรผllend auf Straรenkreuzungen stehen, sondern dass sie in Parteien, Institutionen und Ministerien sitzen.

