Erwartungsgemรคร begann die Kampagne bereits im Vorfeld der Winterspiele in Peking und steigerte sich am Tag der Erรถffnung zum Crescendo: Bundesrepublikanische Politiker und Journalisten, denen das im Grundgesetz beschworene โdeutsche Volk“ als angeblich vรถlkisch-nationalistischer Begriff seit Jahren nicht mehr รผber die Lippen, geschweige denn in die Feder kommt, setzen sich mit Empathie fรผr das โunterdrรผckte Volk der Uiguren“ und fรผr die โRechte des tibetischen Volkes“ ein.
Wรคhrend die politmediale Elite im eigenen Land alles daransetzt, die vor fรผnfzig Jahren noch relativ homogene Nation der Autochthonen, jener also, โdie schon lange hier leben“ (Angela Merkel), allmรคhlich in multiethnischer und multikultureller Vielfalt aufzulรถsen, sollen Chinas Minderheitsvรถlker vor diesem menschenrechtswidrigen Los bewahrt werden.
Keine Ahnung von China, aber dafรผr โHaltungโ
Nicht nur im โbesten Deutschland, das wir je hatten“ (Frank-Walter Steinmeier) โ in nahezu allen Lรคndern des Werte-basierten Westens steht China am Pranger. Hauptanklagepunkt ist das Schicksal Hunderttausender Uiguren, die, eingesperrt in โUmerziehungslagern“, unter Einsatz auch von Foltermethoden zur Aufgabe ihrer Religion, Kultur und Sprache gezwungen werden sollen. Mancherorts, so in den USA und Frankreich, ist von โVรถlkermord“ die Rede.
Niederschlagung der Demokratie-Bewegung in Hongkong, Drohkulisse gegen Taiwan und rigide รberwachung des eigenen Volkes sind weitere Vorwรผrfe. Sie richten sich gegen ein Regime, das China rรคtselhafterweise nicht trotz, sondern dank seiner kommunistischen Fรผhrung zur zweitstรคrksten Wirtschaftsmacht entwickelt hat und das sich anschickt, die USA vom ersten Platz zu verdrรคngen. Wie konnte das geschehen?
Steffen Seibert, von 2010 bis 2021 Regierungssprecher unter Kanzlerin Merkel, kennt die Antwort. In einem Interview mit dem Magazin der Sรผddeutschen Zeitung (Nr. 4 vom 28. Januar 2022) bekennt er: โGegenรผber der Geschichte groรer Teile der Welt sind wir doch ignorant. Was wissen wir schon von Chinas Weg durch die Jahrtausende? Dort bezieht man sich heute noch auf Militรคrtheoretiker von vor 2.500 Jahren oder liest Dichter aus dem dritten Jahrhundert, das muร man kapieren. Unsere Geschichte ist fรผr viele globale Zusammenhรคnge nicht die entscheidende. Man muร den Vorhang also beiseiteschaffen, um die groรen Fragen unserer Zeit wenigstens ansatzweise zu verstehen.โ
Ein wahres Wort. Doch hierzulande werden profunde China-Kenntnisse immer hรคufiger durch einen strammen Haltungsjournalismus ersetzt, der durch lรผckenhafte Berichterstattung nur die halbe Wahrheit vermittelt. Ein typisches Beispiel lieferte Holger Gertz, Sportredakteur der SZ, dessen linksliberales Meinungsbild hin und wieder auch den Hรถrern des Deutschlandfunks zuteil wird.
โGenocide Gamesโ
Anlรครlich der Erรถffnungsfeier in Peking, an der Gertz im Gegensatz zu den Sommerspielen 2008 nicht persรถnlich teilnahm, stimmte er seine Leser darauf ein, was sie von dem Sportereignis zu erwarten haben: nichts Gutes angesichts einer โParallelexistenz als Genocide Games“. Kein Wort jedoch รผber die Hintergrรผnde der skandalisierten Vorgรคnge in Chinas autonomer Provinz Xinjiang. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland belieร es bei dem Seufzer: โOlympische Trauerspiele“.
Auch die anderen โQualitรคtsmedien“ hielten sich diesbezรผglich zurรผck. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung brachte es sogar fertig, am 1. Februar den Artikel einer Mitarbeiterin zu drucken, in dem sie das Schicksal eines chinesischen Polizisten schildert, der Uiguren verhรถrt und gefoltert habe und jetzt mit Schuldgefรผhlen in Deutschland lebe. Doch war von der Kollegin รผber den Grund der Verhรถre leider nichts Konkreteres zu erfahren.
Es verwundert, daร in den Redaktionen, die sich sonst soviel auf ihre Recherchearbeit zugute halten, bislang niemand auf die Idee gekommen ist, der Frage nachzugehen: Wo bleibt angesichts der ihren Glaubensbrรผdern seit mehreren Jahren zugefรผgten Ungeheuerlichkeiten der Aufschrei der muslimischen Welt? Was sagt die 1962 gegrรผndete Islamische Weltliga, was die Organisation fรผr Islamische Zusammenarbeit, der 56 Staaten angehรถren? Wo bleibt die Empรถrung der Tรผrkei, der Golf-Emirate und Saudi-Arabiens als Wรคchter der heiligen Stรคtten, wo die Abberufung des chinesischen Botschafters aus Indonesien, das weltweit die meisten muslimischen Einwohner hat?
Weder รgyptens Prรคsident Abdel Fattah al-Sisi noch die Kronprinzen aus Riad und aus Abu Dhabi haben ein Wort der Kritik geรคuรert โ im Gegenteil: die drei nahmen an der Erรถffnungsfeier teil und wurden von Staats- und Parteichef Xi Jinping empfangen.
Wer hat Interesse an den Uiguren?
Ob sie alle von Peking bestochen sind? Zumindest hinsichtlich des pakistanischen Regierungschefs Imran Khan legt die SZ diese Annahme ihren Lesern nahe: Der Premier, der ebenfalls in Peking weilte, hatte dem Blatt zufolge noch daheim einige chinesische Journalisten zum Interview empfangen.
Darin habe er gesagt, die westlichen Vorwรผrfe bezรผglich der Uiguren seien falsch. Pakistans Botschafter habe sich davon selbst bei einer Reise รผberzeugt. โWarum Khan das macht?“ fragt der SZ-Korrespondent stellvertretend fรผr seine irritierten Leser und gibt die Antwort, die zugleich beruhigen und empรถren soll: โEr setzt auf Peking, um seinen Staat vor dem Finanzkollaps zu retten.โ Die รberschrift des Artikels lautete daher: โImran Khan โ Pakistans Premier, Anwalt aller Muslime auรer den Uiguren“.
In Wahrheit dรผrfte das Schweigen zu den Vorgรคngen in Xinjiang leicht zu erklรคren sein: Es ist der islamistische Terrorismus, der nicht nur im Nahen Osten und in Afrika, sondern auch in Zentralasien seit Jahren Furcht und Schrecken verbreitet. So soll es nach chinesischen Angaben von 1990 bis Ende 2016 in Xinjiang mehrere tausend Anschlรคge gegeben haben โ verรผbt von Separatisten und religiรถsen Fundamentalisten, die in der Region einen โGottesstaatโ errichten wollen. Allein zwischen 1997 und 2015 gab es auch in China selbst mehr als 430 Terrortote.
Ende 2020 hatte die autonome Provinz 25,85 Millionen Einwohner, davon 11,6 Millionen Uiguren (44,9%), 10,9 Millionen Han-Chinesen (42,2%) sowie 3,3 Millionen Angehรถrige anderer ethnischer Gruppen (12,8%). Ob es in Xinjiang Zwangsarbeit und Straflager gibt, oder ob es sich, wie Peking behauptet, um Gebรคudekomplexe handelt, die der Berufsausbildung dienen, um islamistischen Extremismus auszumerzen, ist kaum nachprรผfbar.
Die in westlichen Medien prรคsentierten Kronzeugen sind wenig glaubwรผrdig. So soll Adrian Zenz, ein deutscher Anthropologe, Peking zufolge nie zu Forschungszwecken in Xinjiang gewesen sein. Zenz, der sich als โwiedergeborener Christโ bekennt, lebt in den USA und arbeitet als China-Experte fรผr den rechtsradikalen Think-Tank โVictims of Communism Memorial Foundation“.
2012 verfaรte er mit seinem Schwiegervater ein Buch รผber die โEndzeit“ in der Bibel. Gegenรผber dem Wall Street Journal gab Zenz 2019 an, die Motivation, sich fรผr religiรถse Minderheiten auch in China einzusetzen, schรถpfe er aus dem christlichen Glauben; er fรผhle sich dabei โvon Gott geleitet“.
2019 verรถffentlichte Zenz eine Studie, in der es heiรt, seit Ende 2016 seien rund eine Million Uiguren interniert worden. In einer weiteren Studie behauptet er, die chinesische Regierung habe ein Programm zur gewaltsamen Geburtenkontrolle mit erzwungenen Abtreibungen eingefรผhrt. Dafรผr soll er Peking zufolge nur acht uigurische Frauen interviewt haben, die im amerikanischen Exil leben.
Einstimmung auf zukรผnftige Konflikte
Im Fall Hongkong wird in den Medien gern unterschlagen, daร die vornehmlich von jungen Menschen aus der Mittelschicht getragene Demokratie-Bewegung keineswegs den Anspruch erheben konnte, fรผr die Mehrheit der Bevรถlkerung zu sprechen. Rund drei Millionen Einwohner unterzeichneten im Mai 2020 eine Petition zur Unterstรผtzung eines vom chinesischen Volkskongreร beschlossenen Sicherheitsgesetzes.
Als es immer hรคufiger zu blutigen Straรenkรคmpfen mit der Polizei kam und Rufe nach der Unabhรคngigkeit der ehemaligen Kolonie laut wurden, setzte Peking das Sicherheitsgesetz in Kraft, das โSeparatimus, Subversion, Terrorismus und Verschwรถrung mit auslรคndischen Krรคftenโ unter Strafe stellt.
Am 25. Januar druckten mehrere Zeitungen, so auch die Sรผddeutsche, eine dpa-Meldung ab, derzufolge wieder einmal chinesische Flugzeuge in den taiwanesischen Luftraum eingedrungen seien. Der vorletzte Satz lautete: โPeking sieht das demokratische Taiwan, das sich 1949 vom Festland abspaltete, als abtrรผnnige Provinz und nicht als unabhรคngigen Staat an.“
Alles falsch. 1949 gab es kein demokratisches Taiwan, vielmehr war die Insel eine Provinz der Republik China, der Rechtsnachfolgerin des 1911 gestรผrzten Kaiserreichs. 1949 floh der im Bรผrgerkrieg den kommunistischen Truppen unterlegene Staatsprรคsident Tschiang Kai-schek nach Taiwan, erklรคrte die Insel zur โRepublik Chinaโ und hoffte, mit Unterstรผtzung der USA bald das Festland zurรผckerobern zu kรถnnen. Alle Staaten, die diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik unterhalten, erkennen seit deren Aufnahme in die UNO (1971) nur sie als das einzig rechtmรครige China an, zu dem auch Taiwan gehรถrt.
Arrogante Haltung
Und was ist mit dem รberwachungsstaat? Die Mehrheit der Chinesen hat gegen das als โSozialkreditsystem“ bekanntgewordene Projekt offensichtlich nichts einzuwenden. Die meisten begrรผรen es, weil es schlechtes Verhalten bestraft und positives belohnt. Auf diese Weise lassen sich die jedem zugeteilten 1.000 Punkte im Laufe der Zeit erhรถhen, oder sie werden minimiert. Da es Peking nach Angaben der Weltbank gelungen ist, 850 Millionen Menschen aus der Armut zu holen und mittlerweile mehr als 400 Millionen zur Mittelschicht gehรถren, genieรt Chinas Regierung hohe Zustimmungsraten.
Aus den jรผngsten Daten des โTrust Barometers“ der amerikanischen Firma Edelman, eines fรผhrenden Beratungsunternehmens fรผr รffentlichkeitsarbeit, geht fรผr 2022 hervor, daร 91 Prozent der befragten Chinesen Xi Jinping und seinen Gefolgsleuten das Vertrauen aussprechen โ im Gegensatz zu nur 39 Prozent der US-Bรผrger, die ihrer Regierung vertrauen.
Vielleicht hat der Kommentator Tucker Carlson recht. Im US-Sender Fox News erklรคrte er am 31. Januar: โIst Ihnen schon einmal aufgefallen, daร die Staats- und Regierungschefs fast aller Lรคnder der westlichen Welt alle irgendwie gleich wirken? Sie sind alle schwach und รคngstlich. Doch wenn man sie reden hรถrt, kรถnnte man meinen, sie seien allmรคchtig. หWir werden den globalen Klimawandel rรผckgรคngig machen. Wir werden die Welt impfen. Wir werden die Demokratie in den ungebildeten Nationen mit Waffen verbreiten, und sie werden uns dafรผr lieben…ยด Nun, meistens sind es mickrige Leute. Aber wenn sie sprechen, klingen sie wie Cรคsar, der in purpurroten Gewรคndern auf dem Forum steht und die ganze Welt beherrscht.โ
Mehr zu China und seinem Verhรคltnis zum Westen gibt es hier.

