Gibt es etwas Erbรคrmlicheres als eine Ex-Verteidigungsministerin โ bloร die zweite von nunmehr drei aufeinanderfolgenden Armee-Matriarchinnen โ, die รผber fehlende Vorbereitung herumjammert und unter der unsere Streitkrรคfte seinerzeit munter weiter degenerierten? Was, auรer aktive Wehrkraftzersetzung, haben denn von der Leyen, AKK und Mrs. Doubtfire geleistet? Aber das alles hatten wir schon. In Europa โ nein, nicht in Europa โ in der Ukraine herrscht jetzt richtiger Krieg. Mit richtigen Armeen und richtigen Opfern. Man kann nur hoffen, dass er schnell vorbei ist. Aber wenn der gestrige Tag eins gezeigt hat, dann, dass es kein leichter und schneller Durchmarsch wird.Ich bin so wรผtend auf uns, weil wir historisch versagt haben. Wir haben nach Georgien, Krim und Donbass nichts vorbereitet haben, was Putin wirklich abgeschreckt hรคtte.
— A. Kramp-Karrenbauer (@akk) February 24, 2022
Ukrainekrieg: D+1
Jetzt hat Putin seine Drohung also wahr gemacht. In der Nacht vom 23. auf den 24. Februar bombardierte die russische Armee ukrainische Stรผtzpunkte und stieร anschlieรend von Sรผden, Osten und Norden auf ukrainisches Staatsgebiet vor. Der gesamte gestrige Tag war beherrscht von der Live-Berichterstattung รผber einen Krieg, der in seiner Brisanz seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs beispiellos fรผr Europa ist.
Ja, es knallte in den 90ern auf dem Balkan โ aber wer diese Zeit nicht bewusst miterlebte, der kennt das Ganze nur noch als Farbbeutelwurf auf Joschka Fischer, der verbindet mit dem โKosovokriegโ allerhรถchstens Nachrichtenbilder von rollenden Bundeswehrkonvois, auf deren Flanken die weiรen Lettern โKFORโ prangten.
Dass der Ukrainekrieg in medialer Hinsicht eine ganz andere Hausnummer ist, zeigte sich bereits 2014. รber Netzseiten wie โLiveLeakโ konnte man seinerzeit die Schlacht um den Donezker Flughafen beinahe in Echtzeit mitverfolgen. Die Soldaten sowohl auf west- als auch auf ostukrainischer Seite schraubten sich Gopros an die Helme und lieรen das anarchistische Chaos wie einen irren Ritt durch โCall of Dutyโ wirken. Das war gestern anders.
Am Beginn des zweiten Tages, dem D+1 der russischen Invasion, kristallisiert sich aus der unรผbersichtlichen Gemengelage allenfalls heraus, dass der Vorstoร wohl nicht ganz nach Plan lief. Der Flughafen nahe Kiew, den russische Luftlandetruppen zeitweise besetzten, ist wohl von ukrainischen Streitkrรคften zurรผckerobert worden. Es gibt Bilder und Videos von abgeschossenen Jets und Hubschraubern der Russen โ auch wenn wir bei Zahlenangaben extrem vorsichtig sein sollten, zeigt sich: Eine rasche Enthauptung der ukrainischen Zivil- und Militรคrfรผhrung gelang am ersten Tag nicht. Die Opfer bisher, angeblich: Etwa 130 ukrainische Soldaten, etwa 800 russische Soldaten, eine unbekannte Zahl an Zivilisten, vermeldet die Ukraine. Ob das stimmt, kann derzeit keiner sagen.
รberhaupt fรคllt die Beurteilung der Lage aus mehreren Grรผnden schwer: Beide Seiten setzen zum erheblichen Teil sowjetisches Kriegsmaterial ein. Ob das verwackelte Handyvideo also einen brennenden Panzer der Russen oder einen der Ukrainer zeigt, ist zunรคchst unklar. Dann wรคre da die Flut an Informationen. Tausende oft nur wenige Sekunden andauernde Videoschnipsel, auf denen irgendwas brennt oder explodiert. Und dann, nicht zu verachten, die Tatsache, dass in der Ukraine seit 2014 Krieg herrscht: Wer sagt, ob das ein oder andere Bildmaterial nicht schon ein paar Jรคhrchen auf dem Buckel hat?
Krieg ist zunรคchst einmal immer Chaos. Im 21. Jahrhundert bedeutet das: Informationschaos. Was sich allerdings sicher zeigt, ist das โDavid-gegen-Goliathโ-Narrativ. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die Ukraine ist Russland in allen relevanten Bereichen unterlegen. Dass sie von ihren westlichen Verbรผndeten, auรer ein paar warmen Worten, nichts zu erwarten braucht, ist klar. Wer oder was also zu dem Konflikt gefรผhrt hat, der bereits acht Jahre tobt und erst seit gestern offen ausgetragen wird, interessiert niemanden mehr.
Welche Rรผckschlรผsse lassen sich daraus fรผr die deutsche Rechte ziehen? Als โstarker Mannโ genoss Putin รผber Jahre hohe, stellenweise infantil-dรผmmliche Sympathien. Seit gestern Morgen ist diese Position nur noch schwer zu verteidigen, denn egal, wie man zur geopolitischen Lage steht โ man empfindet automatisch Sympathie mit den ukrainischen Soldaten, die ihr Heimatland verteidigen. Und Mitleid mit der Zivilbevรถlkerung, die zusammengepfercht in den Metro-Tunneln kauert. Auรerdem: Der Westen ist schwach. Er ist so schwach, so jรคmmerlich, so verkรผmmert. Gibt es etwas Erniedrigenderes, als den Vertretern der matriarchalen Wohlstandstechnokratien den ganzen Tag dabei zuhรถren zu mรผssen, wie โentsetztโ und โerschรผttertโ sie sind? Welches โtiefe Mitgefรผhlโ, welche โSolidaritรคtโ sie mit der Ukraine verspรผren โ mit einem Land, das sie seit nunmehr acht Jahren gegen Russland aufgebaut haben.

