Ich hรถre gerade mit dem Trinken und dem Rauchen auf. Mit dem Rauchen nur so halb, ich vape placebomรครig etwas und, na ja, rauche weiter, nur halt weniger. Mit dem Trinken alltagstechnisch vollstรคndig. Bislang war mein Modus operandi, mich nach getaner Arbeit mit ein paar Bierchen zu belohnen; in guten Zeiten mit drei bis vier, in schlechten mit fรผnf bis sechs. Dieser Routine folge ich seit meiner Jugend, vor einigen Jahren phasenweise auch noch wesentlich ausschweifender als gerade beschrieben. Vor wenigen Wochen habe ich einen Schlussstrich darunter gezogen, sehr zum Leidwesen meines Feierabendvergnรผgens.
Das grรถรte Problem daran: Ich arbeite im absoluten Exzess. Und dementsprechend will mein Hirn auch anschlieรend in Botenstoffen bezahlt werden. Ich arbeite Nรคchte durch, pumpe mich mit Kaffee voll und sitze 24 Stunden an etwas. Es gibt so etwas รhnliches wie ein โRunnerโs Highโ beim Durcharbeiten, die Erschรถpfung weicht irgendwann in der Nacht einem Energie- und Motivationsschub, der fรผr ein paar Stunden anhรคlt. Wenn dieser verblasst, kickt der Ehrgeiz โ und natรผrlich die Aussicht auf eine dicke, fette Belohnung. Wahrscheinlich so ziemlich die ungesรผndeste Art, zu leben, ohne zu Crystal Meth zu greifen oder eine Homo-Ehe mit Tadzio Mรผller einzugehen, aber fรผr mich lange Zeit alternativlos, schon vor meinen Internet-Machenschaften war das mein Lebensstil. Was heiรt โlange Zeitโ, die Alternative habe ich bisher noch nicht wirklich gefunden.
Das Schlafproblem, also das Wegfallen von Alkohol als Regulator in Ermangelung eines funktionierenden Tagesrythmus, lรคsst sich ganz gut mit Sport lรถsen. Die Belohnung nach exzessiver Arbeit ist tatsรคchlich eine hรคrtere Nuss. Videospiele? Na ja. Videospiele und Bier wรคre besser. Film gucken? Film gucken und Bier wรคre besser. In die Leere starren und langsam in den Wahnsinn gleiten? In die Leere starren und langsam in den Wahnsinn gleiten und Bier wรคre besser und einfacher. Die andere Option wรคre natรผrlich, einfach dem Exzess abzuschwรถren, ein bisschen anstrengen, ein bisschen belohnen. Halbe Stunde schneiden/rendern/hochladen, ein zuckerfreies Kaugummi mit Pfefferminzgeschmack. Ach, das ist doch homo, ruft da eine Stimme in mir. Gib mir die 30-Stunden-Schicht und reich mir die Crackpfeife.
Ich wรคre ein guter Moslem, glaube ich. Mรคrtyrertod fรผr 72 Jungfrauen, so wird doch ein Schuh draus, oder eine Ledersocke. Wunderbar on edge, diese Religion, keine halben Sachen. Aber wir leben leider in einer Welt der halben Sachen. Ganze Sachen, oder was ich darunter verstehe, ficken Leber, Lunge und Hirn. Ungefรคhr seit ich 20 bin, wachsen mir vereinzelt graue Haare. Unterhalb der Schรคdeldecke bin ich gefรผhlt auch etwas langsamer, als ich es mal war, Dauerstress und drei Liter Nervengift als Entschรคdigung dafรผr auf Alltagsbasis kรถnnten damit zu tun haben. Halbe Sachen fรผhren zu Stabilitรคt, Gesundheit und in die Langeweile, ganze Sachen in ein frรผhes Grab.
Vielleicht bringtโs ein neues Hobby ja wieder ins Lot. Topflappen hรคkeln oder so. Wรคr doch auch guter Stoff fรผr eine neue Kolumne oder einen โHรคkeln gegen linksโ-Themenabend. Irgendwas, was man kaum in schรคdlichem Ausmaร รผbertreiben kann halt. Jetzt habe ich mir aber erst mal einen Kaugummi verdient, vielleicht sogar einen mit Waldbeergeschmack, und ein paar krรคftige Zรผge aus dem Vaper. Bitte erschieรt mich.

