Nicht ohne Grund findet die Bezeichnung โRรคuberbandeโ fรผr den Staat Verwendung. Erstmalig wurde dieser Begriff in diesem Zusammenhang von Augustinus von Hippo (354-430) genutzt: โNimm das Recht weg โ was ist dann ein Staat noch anderes als eine groรe Rรคuberbande.โ Augustinus hatte leider noch nicht begriffen โ beziehungsweise war es in seiner Zeit noch nicht offenbar โ, dass der Staat frei รผber das Recht entscheiden kann. Die Bedingung โRechtโ ist in diesem Sinne kein qualifizierendes Merkmal fรผr staatliches Raubrittertum oder sonstige Vergehen, wie die โlegalenโ Diktaturen des 20. Jahrhunderts eigentlich jedem vor Augen gefรผhrt haben.
Weiter gedacht wurde die Idee vom Staat als Bandit vom US-amerikanischen รkonomen Mancur Olson, der erstmals von einem โstationรคren Banditentumโ sprach. Warlords und Rรคuberbanden entwickelten sich รผber die Jahrhunderte zu einer ortsansรคssigen Macht, da es schlicht und ergreifend ineffizient sei, von Dorf zu Dorf zu ziehen und Terror zu verbreiten. Der Bandit richtet sich als Herrschaftskaste vortrefflich ein und lรคsst den โUnterdrรผcktenโ gewisse Freiheiten, da er selbst von รถkonomischem Wohlstand und zufriedenen Bรผrgern profitiert. Schnell entstehen Institutionen, die Herrschaft ausรผben und festigen.
Demnach ist es auch sinnig, dass die Rรคuberbande รผber die Zeit eine soziale Durchlรคssigkeit entwickelt und es den eigentlich Unterdrรผckten ermรถglicht, Mitglieder in ihren Reihen zu werden. Aufgrund wachsender Aufgaben entsteht ein Interesse der Rรคuberbande, mehr und mehr Mitglieder zu finden โ gleichzeitig werden die Dorfbewohner durch hรถhere Gehรคlter und Privilegien gelockt. Die zum Staat gewordene Rรคuberbande hat Anreize, sich weiter auszudehnen, was Friedrich August von Hayek wohl als Erster thematisierte.
Schutz vor dem Staat?
Es gibt zwei Optionen: Entweder man stattet Dรถrfer, Gemeinden, Nationen wehrhaft aus, so dass sie sich vor einer aufziehenden Staatskaste schรผtzen kรถnnen โ von innen wie von auรen. Unter diesem Stern wurden auch die Freiheitsrechte der USA besonders stark ausgestattet. Spoiler-Alarm: Der heraufziehende Sozialismus in den USA zeigt, dass es selbst im ursprรผnglich freiesten Staat der Erde nicht mรถglich war, den Staat dauerhaft einzudรคmmen.
Die zweite Option ist so unspektakulรคr wie logisch: Anstatt zum Korpus der Wirtstiere zu gehรถren, wechseln Menschen auf die Seite des Staates. Sie betreiben individuelles โRent-seekingโ, nutzen also den Staat, um grรถรtmรถglichen Profit davonzutragen. โAber in der freien Wirtschaft verdient man viel mehrโ, ist der typische Einwand gegen diese Theorie. Ja, fรคhige Leute sicherlich, aber nach meiner Schรคtzung sind รผber 90 Prozent der Deutschen nicht in der Lage, auf dem freien Markt mehr Einkommen zu erzielen als innerhalb des Staatsapparats. Im mittleren Dienst beispielsweise verdient man (Besoldungsgruppe A8) knapp 2.700 Euro netto โ mit Hauptschulabschluss oder Mittlerer Reife โ, was eklatant รผber dem Durchschnittseinkommen der Personen mit vergleichbaren Schulabschlรผssen liegt.
Der funktionierende Staat schwindet
Da gerade der deutsche Staat in vielerlei Hinsicht รผber Jahrzehnte einen ziemlich guten Job gemacht hat, fiel kaum jemandem das Wirt-Parasiten-Verhรคltnis auf. Kein Wunder also, dass der Libertarismus in der zweiten Hรคlfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland nicht existierte und erst รผber den Umweg USA im 21. Jahrhundert erneut aufkam. Die Betonung liegt auf โerneutโ โ denn entgegen zahlreichen Darstellungen vom Deutschen als dem geborenen Untertanen in einem Zwangssystem gab es zahlreiche freie Epochen in unserer Geschichte. Allein die Existenz des โZehntenโ, also von Abgaben in Hรถhe von zehn Prozent des Einkommens, weisen auf einen รผber Jahrhunderte existierenden Minimalstaat mit โFlat Taxโ hin, der โFlickenteppichโ Deutschlands kann im Kontrast zum รผbergriffigen Flรคchenstaat moderner Prรคgung als Oase der Freiheit angesehen werden, und selbst das Deutsche Kaiserreich, als militaristischer Pickelhaubenstaat verhohnepiepelt, toppte in puncto รถkonomischer Freiheit alle heutigen Staaten des Westens um Lรคngen.
Hoffen wir, dass der รผbergriffige moderne Staat mehr und mehr die Daumenschrauben anzieht und seine Fratze zeigt, um sich in einer niedergehenden Wirtschaft am Leben zu erhalten. Dann wird auch der einfache Bรผrger merken, dass es nie um Sicherheit, Gesellschaft, Volk oder Nation gegangen ist, sondern lediglich um den Selbsterhalt der Unproduktiven: โKalt lรผgt es auch; und diese Lรผge kriecht aus seinem Munde: โIch, der Staat, bin das Volkโโ, schreibt Nietzsche in โAlso sprach Zarathustraโ.
Und weiter: โAber der Staat lรผgt in allen Zungen der Guten und Bรถsen; und was er auch redet, er lรผgt โ und was er auch hat, gestohlen hat erโs. Viel zu viele werden geboren: fรผr die รberflรผssigen ward der Staat erfunden! Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Viel-zu-Vielen! Wie er sie schlingt und kaut und wiederkรคut! โAuf der Erde ist nichts Grรถรeres als ich: der ordnende Finger bin ich Gottesโ โ also brรผllt das Untier.โ
Die unheimliche Prophezeiung Nietzsches zeigt gerade in den letzten Jahren ihre Prรคgnanz: Das โUntier Staatโ konnte zwar schon im frรผhen 20. Jahrhundert beobachtet werden โ aber das Problem der โViel-zu-Vielenโ hat sich erst in den letzten Jahren deutlich offenbart. Der Staat ist nicht mehr scharf, brutal und hart, sondern breit, feist und schwammig. Beim Gang รผber den Campus oder zum Amt spรผrt man, wie recht Nietzsche doch hatte. Der Staat lockt die รberflรผssigen, und die geben sich mehr und mehr Macht.
