Gestern fand wieder eine Wahl statt, diesmal fรผr den Landtag in Nordrhein-Westfalen. Mit gerade einmal 55,5 Prozent Wahlbeteiligung brachte das grรถรte deutsche Bundesland einen Rekord hervor, nรคmlich jenen fรผr die schlechteste Wahlbeteiligung in der Landesgeschichte von NRW.ย
Die SPD erzielte gestern in ihrem einst starken Bundesland mit 26,7 Prozent ihren grรถรten Wahlmisserfolg auf Landesebene.ย Die FDP verlor im Vergleich zur Landtagswahl 2017 mehr als die Hรคlfte ihrer Wรคhlerstimmen und rutschte auf 5,9 Prozent ab. Die AfD kam auf 5,4 Prozent. Sie verlor zwei Prozentpunkte, konnte sich aber immerhin mit zwรถlf Sitzen (vorher 16) im Landtag von Dรผsseldorf halten.ย
Als Wahlsieger gingen eindeutig die CDU mit 35,7 Prozent der Wรคhlerstimmen und die Grรผnen mit 18,2 Prozent hervor. Letztere konnten ihr Ergebnis im Vergleich zur Landtagswahl im Jahr 2017 sogar verdreifachen.ย Das Signal ist ganz klar: Hendrik Wรผst von der CDU ist der prรคferierte Ministerprรคsident. Die Grรผnen ersetzen womรถglich die FDP als Koalitionsjuniorpartner. Das Ergebnis lautet: Weiter so fรผr die Altparteien.ย
Nicht einmal in den Kreisen, die von der Flutkatastrophe im Juli 2021 besonders betroffen waren, wurden die Verantwortlichen fรผr ihre Fehler abgestraft. Und das, obwohl erst kรผrzlich einige Details zur ehemaligen Landesumweltministerin Heinen-Esser (CDU) ans Licht kamen, die diese zum Rรผcktritt sechs Wochen vor der Wahl bewegten. Unmittelbar nach der Flut feierte sie lieber den Geburtstag ihres Mannes auf Mallorca, anstatt sich ihren politischen Pflichten zu widmen.
Bei der blauen Wahlparty im Landtag wurde viel gejubelt. Dennoch sollte klar sein: Wie auch in der Woche zuvor wurde die AfD abgestraft. Anders als in Schleswig-Holstein konnte sie sich wenigstens im Landtag halten, bangte aber รคhnlich wie die FDP bis zuletzt um den Einzug. Nun muss innerparteilich aufgerรคumt und aufgearbeitet werden.
Neben ein paar alteingesessenen Landtagsabgeordneten zogen auch einige neue Gesichter ein. So zum Beispiel der Bundessprecher der Jungen Alternative, Carlo Clemens. Obwohl er sich รผber den Wรคhlerschwund der FDP freute, analysierte er folgerichtig, dass die AfD nicht vom โAbsturz der FDPโ profitiere. 20.000 Wรคhler wanderten zwar von der FDP zur AfD ab. Dafรผr machte die Alternative etwa 150.000 ihrer Wรคhler von 2017 zu Nichtwรคhlern.
Neben Carlo Clemens zog auch die Gelsenkirchenerin Enxhi Seli-Zacharias zum ersten Mal in den Landtag ein. Sie nimmt das Wahlergebnis der AfD als Herausforderung an, โbesser zu werden, aktiver in Ideengestaltung und mehr zu wagenโ. Gerade als gebรผrtige Albanerin sieht sie ihren Themenbereich in der kommenden Fraktion beim politischen Islam liegen. Sie wird als einzige Frau in der neuen AfD-Fraktion sitzen und die weiblichen Wรคhler vertreten. Der Dรผrener Klaus Esser konnte ebenfalls als โNeuerโ ein Mandat ergattern. Auch er ist nicht sonderlich zufrieden mit seiner Partei. Dennoch ermรถgliche ihr dieses Ergebnis, die bestehenden Strukturen aufrechtzuerhalten und auch das Vorfeld zu stรผtzen.
Selbstverstรคndlich bringt das gestrige Wahlergebnis der AfD einiges an Unbehagen mit sich. Anstatt jedoch mit dem Finger auf andere Landesverbรคnde, bevorzugt im Osten, zu zeigen, sollten nun konkrete Lรถsungsansรคtze her. Wie kann die AfD es schaffen, ihrem Status als Oppositionspartei gerecht zu werden?
In NRW sollte klar sein, dass dieses Bundesland keine FDP 2.0 oder eine etwas konservativere CDU braucht. 20 Prozent der Arbeiter haben die AfD gewรคhlt. Dies sollte als deutliches Zeichen gewertet werden. NRW ist das grรถรte deutsche Bundesland und birgt auch die grรถรten politischen Probleme. Im Bereich der Migration gilt es hier, einiges zu wagen.
Um den Ansprรผchen der Wรคhler gerecht zu werden, muss die Partei zwangslรคufig waghalsiger, mutiger und auch jรผnger werden. Der spieรbรผrgerliche Kurs der Anbiederung hat die Partei etliche Stimmen gekostet. Die Alternative muss eine Alternative bleiben.

