Der 10. August 1792 markiert das Ende der ersten Phase der Franzรถsischen Revolution, fรผr welche exemplarisch der 14. Juli 1789 steht. Diesen Tag kennt jedes Schulkind: Da stรผrmte der Pariser Mob das stรคdtische Gefรคngnis, die Bastille, und befreite unter groรem Tamtam sieben Taugenichtse, darunter, so munkelt man, den Marquis de Sade. Diese erste Phase der Revolution wird gemeinhin als so etwas wie ein europรคisches Woodstock dargestellt, das unter der Parole „Libertรฉ, รgalitรฉ, Fraternitรฉ“ den roten Teppich fรผr Menschenrechte und Demokratie ausrollte. In Wirklichkeit zeigte bereits dieser 14. Juli 1789, was passiert, wenn die Verhรคltnisse von den Fรผรen auf den Kopf gedreht werden, wenn also die Unteren an die Stelle der Oberen treten. Der johlende Mob schnitt an diesem Tag dem Kommandanten der Bastille, Bernard-Renรฉ Jordan de Launay, einem unbekannten Wachsoldaten und dem stรคdtischen Vogt, Jacques de Flesselles, die Kรถpfe ab, spieรte diese auf und trug sie durch die Straรen der franzรถsischen Hauptstadt.
Drei Jahre lang befand sich Frankreich im politischen Schwebezustand und wusste nicht so recht, wie es mit dem Kรถnig einerseits und den demokratischen Versprechungen andererseits umgehen sollte. Als รsterreich und Preuรen schlieรlich drohten, wieder fรผr Ordnung zu sorgen, entlud sich die latent gewaltรคtige Stimmung des revoltierenden Mobs. Die Stunde der Einpeitscher hatte geschlagen, unter ihnen der Prophet des modernen Staatsterrorismus, Maximilien de Robespierre.
Im Tuilerienpalast, der provisorischen Residenz der Kรถnigsfamilie, war man sich bewusst, was nun blรผhen wรผrde: Eilig versuchte man die dort stationierte Schweizer Garde zu verstรคrken. Diese blickte auf eine lange und traditionsreiche Dienstzeit als Eliteeinheit zurรผck und galt, im Gegensatz zu der ebenfalls in den Tuilerien stationierten Nationalgarde, als politisch zuverlรคssig. Der Eindruck musste sich verstรคrken, als die Revolutionรคre am Morgen des 10. August den Kommandaten der Nationalgarde zum Hรดtel de Ville lockten und feige ermordeten. Sein Posten wurde umgehend von einem Jakobiner รผbernommen.
Wรคhrenddessen strรถmte der Pariser Mob zum Tuilerienpalast. Es war eine apokalyptische Szene fรผr die Verteidiger, denen jetzt gewahr wurde, dass es in den folgenden Stunden um alles gehen wรผrde. Die Kรถnigsfamilie zeigte sich ihren Soldaten, die Schweizer Garde schmetterte darauf hin ein „Vive le Roi!“, was von den wankenden Einheiten der Nationalgarde mit einem „Vive la Nation!“ beantwortet wurde. Diese Szene im Hof des Palastes mรผssen wir uns genau vor Augen fรผhren, denn genau hier, zwischen dem Kรถnig und seiner Garde einerseits und der Nationalgarde andererseits, รถffnete sich in diesem Moment die ideologische Kluft zwischen der rechten, reaktionรคren und aristokratischen Alten Ordnung einerseits und der linken, revolutionรคren und egalitรคren Moderne andererseits. Nationalismus im modernen Sinne – und mit der franzรถsischen Revolution beginnt diese Moderne – ist nicht rechts. Nationalismus im modernen Sinne ist links. Mehr dazu in unserer kommenden Ausgabe…
Jedenfalls war fรผr die Verteidiger nun endgรผltig klar, dass auf die Nationalgarde kein Verlass sein wรผrde. Bis auf eine Einheit Grenadiere liefen sie zum stetig wachsenden Mob vor den Toren des Palastes รผber. Unterhรคndler versuchten zu vermitteln und konnten schlieรlich erreichen, dass die Kรถnigsfamilie im Schutze von 150 Schweizer Gardisten den Tuilerienpalast verlassen konnte. Wir stellen uns bildlich vor, wie diese Eskorte an der schreienden Menge vorbei ins ungewisse zog. Kรถnigin Marie-Antoinette hatte ihren Mann zuvor bekniet zu bleiben. Beide endeten auf dem Schafott – der Kรถnig am 21. Januar 1793, die Kรถnigin am 16. Oktober desselben Jahres.
Nach dem Abzug der Kรถnigsfamilie befanden sich im Tuilerienpalast noch knapp eintausend Verteidiger. Zwischen den roten Uniformrรถcken der Schweizer Gardisten stachen etwa 200 Adlige hervor, die sich dem Schutz den Kรถnigs verschrieben hatten. Der Mob, mittlerweile auf zwanzig- bis dreiรigtausend Bรผrger angeschwollen, setzte nun mit Unterstรผtzung der verrรคterischen Nationalgarde zum Sturm an. In den Vorgรคrten und im Inneren des Palastes entbrannte ein Gemetzel, bei dem kein Pardon gegeben wurde. Beiรender Pulverdampf lag in der Luft, Glassplitter und zertrรผmmerte Wandvertรคfelungen sรคumten den Boden. Die Verteidiger hielten sich tapfer und konnten den unorganisierten Angreifern schwere Verluste zufรผgen, aber sie wurden im stundenlangen Kampf zerdrรผckt. Seit den lang vergangenen Tagen des Hundertjรคhrigen Krieges hatten franzรถsische Adlige nicht mehr ein so heroisches Bild abgegeben, wie an diesem 10. August. Ihre weiรen Perrรผcken und Seidenmรคntel wurden versengt und zerfetzt, und doch hielten sie im Angesicht ihres sicheren Todes den Nimbus ihres Standes aufrecht.
Jaja, man kann รผber die Verschwendungssucht und politische Blindheit der franzรถsischen Aristokratie viele schlechte Worte verlieren, aber dieser 10. August gereicht ihnen zur Ehre, dieser heroische Untergang im Tuilerienpalast ist eine opernreife Inszenierung. An ihrem Untergang sollt ihr sie bewerten! Wir wissen, wie dieser Tag ausging und vielleicht kรถnnen wir uns vorstellen, welches grausame Bild der Palast am Abend des 10. August abgegeben hat. Als ob er seine Boshaftigkeit ein weiteres mal unter Beweis stellen wollte, machte sich der Mob nun daran, die Leichern der tapferen Verteidiger zu schรคnden. Ein deutscher Augenzeuge, der Chronist Konrad Engelbert Oelsner, beschrieb die Szenerie wie folgt:
โDie Weiber sind es, welche in allen stรผrmischen Auftritten der Revolution immer zuerst Entsetzlichkeiten ersannen und ausรผbten oder Mรคnner zu frischen Qualen und Mordtaten aufmunterten. In der auf den schrecklichen Tag folgenden Nacht sollen sie sich auf den Leichnamen preisgegeben, die Glieder der Getรถteten gebraten und den Vorschlag, sie zu fressen, gemacht haben. Noch am Morgen des elften habe ich Weiber in den Leichnamen wรผhlen und die leblosen Teile verstรผmmeln sehen. Diesen Hang zur Ausschweifung bemerkt man selbst in der gebildeten Klasse des Geschlechts.โ
Noch jemand wohnt diesem Ereignis bei, wahrscheinlich nicht so unmittelbar wie Oelsner. Ein junger franzรถsischer Offizier wird sich rรผckblickend erinnern: „Ich habe an diesem Tag gesehen, was Barbaren sind.“ Dieser Offizier wird einige Jahre spรคter die Revolution beenden und sich selbst zum Kaiser krรถnen.

