Man sagt ja immer, dass die hรถchste Auszeichnung fรผr Journalisten Selbstmord durch zwei Kugeln in den Hinterkopf durch die Hรคnde eines CIA-Agenten sei. Der Pulitzer-Preis-Gewinner Seymour Hersh, โjener legendรคre amerikanische Enthรผllungsjournalist, der 1969 weltbekannt wurde, weil er das Massaker von US-Soldaten in dem vietnamesischen Dorf My Lai aufdeckteโ, ist heute vor einer Woche in Ungnade gefallen, weil er den Hass รผber die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines gesagt hat.
Nun ist er laut dem โSpiegelโ ein โumstrittene(r) US-Journalistโ, der โin einem schwach belegten Blogbeitragโ schreibt, die Amerikaner hรคtten Nord Stream gesprengt. Auch auf Wikipedia schreibt man fleiรig die Historie des Mannes um. Unmittelbar nach seinem Artikel fรผgte man in die Kopfzeile seines Wikipedia-Eintrags den Satz hinzu:
โSeine jรผngeren Verรถffentlichungen, u. a. zur Tรถtung von Osama bin Laden und zu Giftgasangriffen in Syrien, wurden mit Verweis darauf kritisiert, dass sie weitgehend auf wenigen anonymen Quellen basieren.โ
Dieser Satz war bis zu seiner Ketzerei am vergangenen Mittwoch nicht zu sehen, wie man in der archivierten Version erkennen kann.
Die Anonymitรคt seiner Quellen war der Hauptangriffspunkt bei seinen neuesten Enthรผllungen; vielleicht ist das auch der Grund, warum der โThe New Yorkerโ-Redakteur David Remnick behauptet, er wรผrde die Identitรคt aller ungenannten Quellen Hershs kennen. Er erklรคrte gegenรผber der โColumbia Journalism Reviewโ:
โIch kenne jede einzelne Quelle in seinen Arbeiten [โฆ] Jeden pensionierten Geheimdienstmitarbeiter, jeden General mit Grund, ihn zu kennen, [โฆ] Ich frage [Hersh]: โWer ist das? Was ist sein Interesse?โ Und wir sprechen es durch.โ
Im Wikipedia-Artikel รผber Seymour Hersh verdient diese Aussage รผber dessen Integritรคt keine eigene รberschrift, stattdessen wird sie bloร an die Kritik รผber derartige Intransparenz rangepappt.

Nichtsdestotrotz war es sehr interessant, was der einst von der Presse so frenetisch gefeierte Investigativjournalist zu erzรคhlen hatte: Laut einer (laut ihm) mit der Operation vertrauten Quelle liefen die Vorbereitungen auf den Anschlag schon seit Dezember 2021, unmittelbar bevor Biden Anfang letzten Jahres bei einem gemeinsamen Auftritt mit Scholz damit prahlte, im Falle eines russischen Einmarsches in die Ukraine die Nord-Stream-Pipelines zerstรถren zu kรถnnen.
Laut Hersh hatte die CIA die Regierung informiert, einen Plan gefasst zu haben. Nach langen Diskussionen รผber U-Boote oder aus der Luft abgeworfene Bomben mit Zeitzรผnder war man zu dem Schluss gekommen, die besten Karten bei der groรen NATO-รbung im Juni zu haben. Dort wollte man Kampftaucher im Rahmen einer Minenรผbung vor der Kรผste von Bornholm, wo die beiden Pipelines in vergleichsweise seichtem Wasser zusammenlaufen, Sprengstoff platzieren lassen, welcher zunรคchst mit einem Zeitzรผnder nach 48 Stunden hochgehen sollte.
Die Norweger waren direkt in den Anschlag involviert, dรคnische und schwedische Behรถrden lediglich darin eingeweiht, dass โeine Operationโ stattfinden wรผrde, ohne dass sie wussten, was fรผr eine und zu welchem Zweck. Den Plan mit dem Zeitzรผnder รคnderte man, so Hersh, in recht buchstรคblich der letzten Minute. Der US-Regierung schien es zu auffรคllig, die Pipelines direkt nach der รbung hochzujagen, weshalb sie sich fรผr die Zรผndung auf Befehl entschied. Eine solche ist aber offenbar sogar fรผr das teuerste Militรคr der Welt recht knifflig: Am 26. September letzten Jahres musste eine Sonarboje รผber den Bomben abgeworfen werden, um diese zu aktivieren.
Kรผrzlich wurde die erste stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung gefragt, ob man es uns denn รผberhaupt sagen wรผrde, sollte sich herausstellen, dass unsere Freunde jenseits des Groรen Teichs fรผr die Zerstรถrung unserer zivilen Infrastruktur verantwortlich waren.
Das darauf folgende Herumdrucksen โ โso eine hypothetische Frageโ โ โso viele Konjunktive in diesem Satz, dass ich das gar nicht entwirren kannโ โ sprach Bรคnde. Wenn ich Geld setzen muss, dann war die Untersuchung nicht nur unserer Behรถrden, sondern des kollektiven Westens zu diesem Fall, auf dem wahrscheinlich der grรถรte Ermittlungsdruck in der Menschheitsgeschichte gelegen haben dรผrfte, nun, nach einem halben Jahr, nicht ergebnislos. Das Ergebnis gefรคllt ihnen vermutlich nicht. Teile des Ergebnisses kรถnnten die Bevรถlkerung verunsichern und die โFrieren fรผr die Freiheitโ-Moral brechen.

