Idealistisch wie ich bin, habe ich meine letzte Kolumne รผber den Podcast โNach Redaktionsschlussโ an die dafรผr Verantwortlichen gesendet. Und siehe da: Frau Annika Schneider antwortete mir tatsรคchlich. Kurz und bรผndig dankte sie mir fรผr die Zuschrift und bat um Verstรคndnis, dass sie zeitlich nicht auf alle Punkte eingehen kรถnne. Anschlieรend wies sie darauf hin, dass sich der im Podcast vorgefรผhrte Rentner nicht vorgefรผhrt vorkam und dass man โqueerโ eventuell tatsรคchlich hรคtte besser definieren mรผssen. Sie schloss mit dem Satz:
โ(…) mich wรผrde aber interessieren, was Sie fรผr den โeigentlichen Diskursโ halten, den wir Ihrer Meinung nach nicht abgebildet haben.โ
Insgeheim, dachte ich mir, will sie nun wahrscheinlich irgendetwas Plumpes hรถren, um sich in ihrem Weltbild bestรคtigt zu sehen. Ich aber setzte mich an die folgende Antwort.
Es herrscht, wie zu allen Zeiten, in der Politik und der Gesellschaft ein Kulturkrieg. Viele unterschiedliche Gruppen wollen ihre Vision, wie eine Gesellschaft auszusehen hat, durchsetzen.
Sie alle sind soziologisch erkennbar, haben eigene Denk- und Verhaltensweisen und streben nach Relevanz und Deutungshoheit. Im Gegensatz zur Partei wollen sie ihre Forderungen und Wรผnsche nicht politisch durchsetzen, sondern metapolitisch. Das bedeutet nichts anderes, als Positionen gesellschaftlich zu normalisieren โ รผber die Medien, auf der Straรe oder auf Social Media. Was im Rahmen des Sagbaren liegt, was als akzeptabel, radikal oder allgemein vรถllig angenommen gilt, wird nach Joseph P. Overton das โOverton-Fensterโ genannt.
In den letzten Jahren haben wir einen Siegeszug der โqueerenโ Themen erlebt: Medien, Unis und groรe Firmen unterstรผtzen vieles, was unter der Regenbogen- und Transflagge gefordert wird. Was vor 20 Jahren noch undenkbar war (zum Beispiel die Homoehe oder der Genderstern), wird inzwischen selbst von der CDU bemรผht.
Parteien sind in dieser Hinsicht reaktiv: Sie wittern gesellschaftliche Stimmungen und wollen Stimmen erzielen, indem sie Themen, die das Overton-Fenster hergibt, politisch umsetzen.
Der metapolitische Kampf um Begriffe und gesellschaftliche Wahrnehmung wird von denen, die als โqueerโ wahrgenommen werden wollen, also besonders erfolgreich gefรผhrt. Ich stelle das erst einmal vรถllig ohne Wertung fest.
รltere Semester wie Herr Landshut sind mit diesem Wandel รผberfordert: In ein bis zwei Generationen wurde das Overton-Fenster sehr weit verschoben. Genderstern, Pride-Parade und das Berichten รผber โqueereโ Themen sind รผberall. Auch die Deutungshoheit haben diejenigen, denen diese Themen am Herzen liegen. Ihr Bemรผhen wird mit einem der einleuchtendsten und nobelsten Argumente begrรผndet: weil man einer schรผtzenswerten Gruppe Menschen das selbstbestimmte Leben ermรถglichen will.
Selbstverstรคndlich lรคsst sich dagegen nicht wirklich argumentieren, ohne sich des Hasses verdรคchtig zu machen. Gleichzeitig kann eine soziale Gruppe mit Argumenten wie diesen noch viel mehr fordern. Warum nicht Mann/Frau komplett aus dem Personalausweis streichen? Warum keine genderneutralen Toiletten รผberall? Warum darf man mit dem Selbstbestimmungsgesetz sein Geschlecht nur einmal im Jahr รคndern lassen, wenn man doch โgenderfluideโ ist? Warum keine biologischen Mรคnner in Frauensaunen, wenn sie sich als Frau definieren?

Kalifat BRD
Wir sind ein Printmagazin. Unsere Hefte, attraktive Abonnements, Bekleidung, Bรผcher und vieles mehr findest Du in unserem Netzladen!
Kritisiert man bestimmte Auswรผchse dieses Diskurses, wie Herr Landshut dies tat (Feministinnen werden aus dem Diskurs gedrรคngt, wenn sie Transfrauen nicht als Frauen wahrnehmen), dann wird er verdรคchtigt, gegen die Rechte von Schwulen zu sein. Dieses Argument nennt man das โMotte-and-Bailey-Argumentโ (Burghofargument). Es werden kontroverse Forderungen und Behauptungen getรคtigt, um sich bei Kritik in den sicheren Hafen zu begeben und eine sehr abgeschwรคchte Version des Arguments zu verteidigen. โQueerโ (es gibt unendlich viele โ also keine Geschlechter) ist auch deshalb (rein argumentativ) sehr wohl von schwul, lesbisch, bisexuell oder transsexuell zu unterscheiden.
Denn nun endlich zu Ihrer eigentlichen Frage: Was ist der eigentliche Diskurs?
Grundsรคtzlich ist die wesentliche Unterscheidung der Diskursteilnehmer bei allen derartigen Gesprรคchen meiner Meinung nach:
(politisch): konservativ โ linksliberal.
(philosophisch): Strukturalismus โ Poststrukturalismus.
(psychologisch): Identitรคt โ Auflรถsen von Identitรคten.
(gesellschaftlich): Kontinuitรคt โ Aufbrechen von Kontinuitรคten.
Jemand Linksliberales ist mit groรer Wahrscheinlichkeit fรผr das Aufbrechen der Geschlechterrollen und fรผr die Reprรคsentanz von LGBTQI-Personen in den Medien und beruft sich damit wahrscheinlich unwissend auf Philosophen wie Michel Foucault oder Judith Butler. Ein Gegner des Genderns oder jemand, der der Meinung ist, es werde zu viel รผber LGBT-Themen berichtet, ist in einigen Ansichten wahrscheinlich konservativ und hรคlt die derzeitige Verschiebung des Overton-Fensters fรผr einen negativen Trend der heutigen Zeit, die sich von der ansonsten โnormalโ entwickelten Gesellschaft entfremdet hat.
Herr Landshut hรคtte nicht die oberflรคchlichen Aufreger-Themen kritisieren dรผrfen, er hรคtte den Linksliberalismus an sich, den Poststrukturalismus als philosophische Disziplin, das Auflรถsen von (nationalen/Geschlechts-) Identitรคten im Allgemeinen oder das Zerstรถren von Kontinuitรคten kritisieren mรผssen. Denn all das schreitet in beรคngstigender Schnelligkeit voran und zerstรถrt รผber Jahrhunderte gewachsene Strukturen unserer Kultur.
Indem er keine dieser Debatten gefรผhrt hat und nur an der Oberflรคche kratzte, wurde er โ ob er es so wahrnimmt oder nicht โ mit den erlernten Floskeln einer den gesellschaftlichen Diskurs absolut dominierenden Argumentationsweise โ vorgefรผhrt. Weil viele leider (vor allem im Studium) an die Denk- und Argumentationsweise der โLinksliberalenโ, โwokenโ, โPoststrukturalistenโ, oder wie auch immer man sie nennen mag, gewรถhnt werden, hatte Herr Landshut nicht den Hauch einer Chance.
Beste Grรผรe!
Auf die Formalitรคten der E-Mail habe ich in der Kolumne verzichtet. Seid Euch sicher: Es wird nicht an meiner Hรถflichkeit gelegen haben, falls keine erneute Antwort mehr kommen wird! Falls doch, halte ich Euch auf dem Laufendenโฆ
