Die Europรคer, zumindest die 27 Mitglieder der EU, sind hochgeschreckt. Endlich dรคmmert es ihnen, daร erstmals seit dem Mauerfall (1989) und dem Untergang der Sowjetunion (1991) ihre Existenz bedroht ist โ diesmal sowohl von innen als auch von auรen: Von innen wegen der nicht nur in Deutschland andauernden Massenmigration. Diese sei, so warnt Polens Regierungschef Donald Tusk, eine Frage des รberlebens der westlichen Zivilisation:
โWir mรผssen aufwachen und verstehen, daร wir unsere Grenzen schรผtzen mรผssen. Wenn wir offen fรผr alle Formen der Migration sind, wird unsere Welt zusammenbrechen“
Die Bedrohung von auรen ist nicht nur bedingt durch Ruรlands vรถlkerrechtswidrigen รberfall der Ukraine, sondern auch durch die allmรคhliche Umorientierung der USA weg vom Atlantik hin zum Pazifik, nicht zuletzt aber durch Donald Trumps Aussage, im Fall seiner Wiederwahl werde er Verbรผndete, die zu wenig fรผr ihre Sicherheit zahlten, nicht vor Ruรland schรผtzen.
Was also tun? Auf dem letzten Treffen der Nato-Verteidigungsminister am 14. und 15. Februar in Brรผssel konnte Generalsekretรคr Jens Stoltenberg verkรผnden, in diesem Jahr wรผrden 18 der 31 Bรผndnispartner erstmals das Ziel erreichen, zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) fรผr Verteidigung auszugeben; das seien sechsmal so viele wie 2014, als jene Marke verbindlich festgeschrieben wurde. Daร indes nach Adam Riese 13 Partner bei Trump in Ungnade fallen wรผrden, verschwieg der Generalsekretรคr wohlweislich.
Und wo reiht sich Deutschland ein? Der Ukrainekrieg hat auch Berlin wachgerรผttelt. Erstmals seit drei Jahrzehnten hat es der Nato wieder geplante Verteidigungsausgaben in Hรถhe der vereinbarten zwei Prozent gemeldet. Umgerechnet in Vergleichszahlen des Bรผndnisses wรคre dies eine Summe von 73,41 Milliarden Dollar und entsprรคche einer BIP-Quote von 2,01 Prozent โ so hoch war Deutschlands Anteil zuletzt 1992. Allerdings wird das 2022 als Reaktion auf den Krieg in der Nachbarschaft beschlossene Sondervermรถgen von 100 Milliarden Euro fรผr die Bundeswehr spรคtestens 2027 aufgebraucht sein. Um weiterhin das Zwei-Prozent-Ziel einzuhalten, muร es dann entweder aufgestockt oder der Verteidigungsetat, der 2024 knapp 52 Milliarden Euro betrรคgt, entsprechend erhรถht werden.
Doch selbst eine stรคndige Erfรผllung jener ominรถsen zwei Prozent kann die in EU und/oder Nato eingebundenen Europรคer nicht beruhigen. Seit Trumps ruppiger Aussage und seinen abfรคlligen Bemerkungen รผber das Bรผndnis ist die Aufregung groร und wird es wohl fรผr lange Zeit bleiben. โWird Deutschland Atommacht?“ fragte die โSรผddeutsche Zeitung“ zum Auftakt der Mรผnchner Sicherheitskonferenz und brachte das Dilemma auf den Punkt:
โFalls Donald Trump ins Weiรe Haus zurรผckkehrt, kรถnnte er Europa den nuklearen US-Schutzschild entziehen. Wer soll dann Sicherheit garantieren? Frankreichs und Groรbritanniens Mรถglichkeiten sind begrenzt.“
Stoltenberg und Scholz machen es sich leicht, indem sie die entscheidende Frage von sich weisen. So erklรคrt der Generalsekretรคr auf der Brรผsseler Bรผndniskonferenz im Brustton der รberzeugung:
โWir haben die nukleare Abschreckung der Nato, und diese bietet den Verbรผndeten seit Jahrzehnten die ultimativen Sicherheitsgarantien.“
Es gelte, dafรผr zu sorgen, daร das funktionierende System sicher und zuverlรคssig bleibe. Auch der deutsche Kanzler beschwรถrt das Prinzip Hoffnung und setzt wie seit Beginn des Ukrainekriegs voll auf die Stรคrke der USA und den Verbleib Prรคsident Bidens im Amt รผber das Jahr 2025 hinaus.
Was bleibt den beiden auch รผbrig? Eine realistische Alternative zu den Vereinigten Staaten ist nicht in Sicht. Frankreichs Atomarsenal ist relativ klein. Im รผbrigen ist schwer vorstellbar, daร Paris die Verfรผgungsgewalt รผber seine Waffen mit jemandem teilen wรผrde. Schlieรlich handelt es sich um eine Frage der nationalen Souverรคnitรคt. So schrieb Marine Le Pen, die gute Aussichten hat, 2027 die Prรคsidentschaftswahl zu gewinnen, auf der Plattform X: โUnsere Atomwaffen zu europรคisieren, wรคre verrรผckt“ โ ganz abzusehen davon, daร es noch nicht einmal eine europรคische Armee gibt. Noch weniger als Frankreich, das als einziges EU-Land Nuklearwaffen besitzt, kรคme Groรbritannien in Betracht, denn die Briten sind aus der EU ausgetreten, um ihre Unabhรคngigkeit zurรผckzugewinnen. Auรerdem verfรผgt London รผber keine taktischen, sondern nur รผber strategische Atomwaffen auf U-Booten.
Das Fazit ist ernรผchternd. Am 15. Februar konstatiert Sรถnke Neitzel, Militรคrhistoriker an der Universitรคt Potsdam, im Gesprรคch mit der SZ:
โDie Europรคer kรถnnen nicht einen Nuklearschirm aufbauen, der dem der USA entspricht. Das ist meines Erachtens vรถllig unrealistisch.“
Was allerdings in der sicherheitspolitischen Szene schon diskutiert werde, sei die Frage, ob nicht Lรคnder wie Deutschland, Polen oder Italien sich ein Nuklearwaffenpotenzial wie Israel zulegen sollten. โAber das“, so Neitzel, โwรคre natรผrlich politisch eine echte Zeitenwende, weil ja Deutschland 1990 noch mal den Sperrvertrag unterschrieben hat. Und die Frage ist: Wollen die Amerikaner das รผberhaupt?“ Bis heute ist die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen, wie sie im Sperrvertrag von 1970 geregelt ist, quasi deutsche Staatsdoktrin, die sich, wie die SZ anmerkt, sogar im SPD-Wahlprogramm von 2021 wiederfindet:
โEine Welt ohne Atomwaffen ist und bleibt das Ziel sozialdemokratischer Auรenpolitik.“
Auรer Frankreich und England, beide nuklear bewaffnet und neben USA, Ruรland und China Mitglieder des Weltsicherheitsrats, stehen die Europรคer somit verteidigungsmรครig plรถtzlich ohne Hemd da โ allen voran Deutschland, einst fรผhrende Wirtschaftsmacht, heute abgerutscht auf einen Abstiegsplatz. Weltpolitisch hat EU-Europa entgegen den Hymnen ihrer Kommissionsprรคsidentin von der Leyen immer mehr an Einfluร verloren โ aus eigener Schuld: Die einstigen Kolonialmรคchte haben Afrikaner, Asiaten und Lateinamerikaner mit penetranter Moralbelehrung und dem Predigen โwestlicher Werteโ vergrault und werden hรคufig der Doppelmoral bezichtigt. Deutschland wiederum hat nie aus seiner Rolle als Vasall der USA herausgefunden und muร jetzt sogar gegenรผber der Ukraine den Zahlmeister spielen, wenn Uncle Sam durch innere Blockaden ausfรคllt. Ruรland, grรถรtes und bevรถlkerungsstรคrkstes Land des Kontinents, ist nicht zuletzt auch durch die Politik der USA zum Hauptgegner von EU und Nato geworden, obwohl eine friedliche Koexistenz im Interesse besonders aller Europรคer lรคge.
Doch im stets enger werdenden Verbund der EU zรคhlen keine nationalen Interessen. Vorrang hat die transatlantische โSolidaritรคt der Demokratien“, die sich dem zunehmenden Einfluร der โAutokratien“ โ sprich: Moskau und Peking โ entgegenstellen mรผssen, weil deren Herrscher die von den USA nach 1945 geschmiedete Weltordnung aushebeln wollen. Da Washington mit seinen militรคrischen Interventionen in Afghanistan sowie im Nahen und Mittleren Osten Schiffbruch erlitten hat, setzt es jetzt auf die Reaktivierung alter Bรผndnisse im pazifischen Raum. Sowohl Bidens Demokraten als auch Trumps Republikaner haben nรคmlich lรคngst erkannt, daร nur das aufstrebende China Amerikas globale Machtstellung gefรคhrden kann. Europa, darin sind sich die Politiker beider Parteien einig, mรผsse jetzt erwachsen werden und endlich auf eigenen Fรผรen stehen.
Umgekehrt jedoch sollten die Europรคer aus ihrer jรผngsten Geschichte lernen und sich nicht noch einmal in ein zweites Ukraine-Dilemma manรถvrieren lassen: Nur durch die jahrzehntelange Einmischung der USA in den chinesischen Bรผrgerkrieg ist das Taiwan-Problem entstanden, das jederzeit einen Weltenbrand auslรถsen kann. Blinde Solidaritรคt wรผrde daher den eigenen Untergang herbeifรผhren.

