Vielleicht, lieber Leser, kennen Sie diese Art von Artikel, die sich eingangs an der Duden-Definition eines bestimmten Wortes aufhรคngt, das in der Regel keiner Erklรคrung bedarf. Man tut dem Autor in den meisten Fรคllen nicht unrecht, wenn man ihn deswegen fรผr eine gewisse Einfallslosigkeit schilt. In diesem Sinne gestehe ich, dass das Thema meiner heutigen Kolumne auch so etwas wie einen einfallslosen Aufhรคnger hat, nรคmlich: Interesse. Der Netz-Duden bietet fรผr das Substantiv drei lakonische Bedeutungen an: 1. geistige Anteilnahme, Aufmerksamkeit; 2. Neigung, Vorliebe; 3. Nutzen, Vorteil.
Unserem Ruf als reaktionรคrstes Meinungsmagazin der spรคten Bundesrepublik werden wir natรผrlich nicht gerecht, wenn wir dieser lieblosen, modernen Duden-Definition nicht eine ausfรผhrliche Erรถrterung aus Meyers Konversations-Lexikon von 1890 gegenรผberstellen. Unsere Ururgroรvรคter hรคtten also auf die Frage hin, was โInteresseโ eigentlich bedeutet, Folgendes nachlesen kรถnnen:
โInteresse (lat.), der Anteil, welchen man an etwas nimmt; der Wert und die Bedeutung, welche einer Sache beigelegt werden, oder die sie fรผr uns hat. Man nimmt I., man โinteressiertโ sich fรผr eine Person, eine Sache, eine Handlung, welche uns nicht gleichgรผltig sind, und das I. ist je nach dem Grade des Anteils, welchen wir an dem fraglichen Gegenstand nehmen, ein mehr oder minder groรes oder hervorragendes. Je nach dem Bildungsgrad des einzelnen, nach seiner individuellen Anschauungsweise und Veranlagung ist der Interessenkreis der Menschen ein verschiedener. (…)โ
Ich belasse es mal bei diesem Ausschnitt, Sie merken so langsam, worauf ich hinauswill. Jeder von uns hat Interessen. Manche sind populรคr, und sie kรถnnen sehr nรผtzlich sein, um zum Beispiel so etwas wie lockeren Smalltalk zu fรผhren. Andere hingegen sind exotisch, helfen dafรผr aber, den lockeren Smalltalk schnell zu beenden. Ich fรผr meinen Teil bin froh, รผber beides zu verfรผgen. Ich lasse mich leicht begeistern. Aber auch ich verfรผge รผber so etwas wie Desinteresse. Mein allgemeines Interesse รผbersteigt zwar mein Desinteresse, dafรผr ist Letzteres schรคrfer umrissen. Mich interessiert zum Beispiel nicht, welche Bedeutung die Tattoos von โEinfach mal chillnโ-Elisa haben. Auch lรคsst mich die Aufzรคhlung anstehender Festival-Besuche von Metalhead-Marvin kalt. Es interessiert mich nicht. Und nicht nur das: Ich vernehme beim Lauschen solcher Erzรคhlungen zwar Gerรคusche, aber keine Botschaft. Es geht hier rein und da raus.
Tattoos, Konzerte โ was sonst? Ach ja, die Haltung so ziemlich jeder Person zum Nahost-Konflikt. Die interessiert mich noch weniger als der eigentliche Konflikt selbst. Warum? Weil die geografisch verortete Levante weit weg ist und ihre am wenigsten ersprieรlichen Botschafter in deutschen Gefilden genug Probleme abseits des Nahost-Konflikts produzieren โ mir reicht das vollkommen. Ich muss in meiner Freizeit nicht noch die Daumen fรผr Team Baklava oder Team Matze drรผcken โ denn genau das ist ja letztendlich die Art, wie Kriege heute fernab der eigentlichen Front aufgenommen werden. Es sind (zumindest in erster Linie) keine historischen Umwรคlzungen mehr, denen man als Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer beiwohnt, es sind Sportveranstaltungen oder besser noch: Gaming-Shows. Bist du fรผr Team Grรผn oder Team Blau? Hasst du Palรคstinenser oder Zionisten? Erschรผttern dich die Toten der einen Seite mehr oder der anderen Seite?
Der geneigte Leser weiร, dass ich mich mit dem Ukraine-Krieg zumindest sporadisch beschรคftige. Ich verfolge ihn mal mehr, mal weniger intensiv. Warum? Weil er mittelbar auch das Schicksal meiner Heimat, meines Landes, โmeines Teamsโ beeinflusst. Wenn unsere Energieversorgung auf dem Spiel steht, wenn unsere Armee auf Kosten einer anderen abgerรผstet wird, aber โwirโ wegen dieses Krieges wieder โkriegstauglichโ werden mรผssen, dann geht mich das als Deutschen etwas an. Und dafรผr muss ich weder fรผr die Ukraine noch fรผr Russland LARPen. Ich sehe das Leid, das รผber jene hereinbricht, die von diesem Krieg verschlungen werden. Aber ich entkleide mich nicht emotional fรผr ein Land, das nicht meines ist. Meine Mannschaft steht am Rand und guckt zu. Das ist vielleicht noch das Beste, was man im Moment รผber Deutschland sagen kann.
Aber der Nahost-Konflikt? Ich kann verstehen, warum sich dumme deutsche Linke auf die Seiten der Palรคstinenser, Libanesen oder Iraner schlagen, und ich kann verstehen, warum dumme deutsche Liberal-Konservative den Israelis oder Amerikanern die Daumen drรผcken. Sie tun das, weil man ihnen ihre eigentliche Identitรคt genommen hat. Weil sie fest davon รผberzeugt sind, nicht ihr Land, nรคmlich Deutschland, anfeuern zu dรผrfen, solidarisieren sie sich mit dem arabischen Mob…
… oder freuen sich diebisch รผber den akribisch ausgefรผhrten Anschlag des Mossads.
Ja, der ewige Krieg in der Levante wird jetzt โ Masseneinwanderung sei Dank โ auch zunehmend auf deutschen Straรen ausgetragen. Es ist schon ein absurdes Schauspiel: Die alternde Elite in Medien, Kultur und Politik hรคlt zu Israel, weil โwir als Deutsche das so machen mรผssenโ. Ihre Zรถglinge wollen Palรคstina befreien, weil sie die vergiftete Schulderzรคhlung ihrer Eltern aufgesogen haben. Die Bilder, die beide Seiten produzieren, sind an โKnirschigkeitโ kaum zu รผberbieten: Ob mager besuchte Soli-Demos der einen Seite…
… oder die Phรคnotypen der anderen Seite.
All das macht unterm Strich nur Krach, schlechte Laune, und beansprucht ein Ausmaร von Aufmerksamkeit, das gerade in Deutschland mal besser auf andere Probleme gelenkt werden wรผrde. โDarf es mich nicht interessieren?โ, will ich also einen bekannten deutschen YouTuber paraphrasieren. Mit oder ohne Meyers Konversations-Lexikon kann ich mir die Frage selbst beantworten. Ja.


Was mich betrifft, ich hab kein Bock auf eine Million neue ,,Mitbรผrger“ aus der Levante und wenn dort so weiter gemacht wird, ist eine Million untertrieben.
@Enzo Die neuen Menschen bekommen wir so oder so geschenkt, ob in Nahost nun Krieg herrscht oder nicht. Mir ist es im Endeffekt egal was dort passiert, der Gaza streifen wรผrde aber trotzdem einen guten Parkplatz abgeben
@AP & Enzo: Richtig. Dennoch ist jeder abgewehrte Vorwand besser als noch mehr Vollรผberfremdung. Wenn die Indianervernichter aus รbersee den Nahost unbedingt brennen sehen wollen dann sollen sie auch die Folgen tragen, und nicht wie zuletzt beim Ostukrainestellvertreterkrieg wieder auf die Brรผssel-Vasallen abwรคlzen.