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Kein Bedarf an einer Ersatzidentität

16. Juni 2025
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„Ersatz“, das ist eines dieser schönen deutschen Wörter, die schon beim Aussprechen wie eine Peitsche knallen. ER-SATZ! Aber auch die Bedeutung hat es in sich und übersteigt bei Weitem das bloße Substituieren, also das Austauschen einer Sache gegen eine andere unter Beibehaltung der grundlegenden Funktionen.

Im spezifisch deutschen Kontext kommt dem Wort „Ersatz“ das erste Mal während des Ersten Weltkriegs eine ganz besondere Bedeutung zu: Weil das perfide Albion mit seiner völkerrechtswidrigen Seeblockade das Kaiserreich auszuhungern trachtete und die deutsche Marine trotz der verteufelten Flottenaufrüstung vor dem Krieg viel zu schwach war, um die Handelsrouten in den Atlantik freizukämpfen, verknappte sich bald so ziemlich alles, was in Friedenszeiten noch in Hülle und Fülle vorhanden war. Ersatzstoffe traten an die Stelle knapper Ressourcen. Statt auf Gummireifen fuhren die Fahrzeuge nun auf Stahlreifen. Anstelle von Kaffeebohnen brühte man sich das Heißgetränk aus gerösteten Eicheln. Knappes Brotmehl streckte man zunächst mit Kartoffeln, später mit Steckrüben- und sogar Sägemehl.

Die Nationalsozialisten forcierten in Vorbereitung auf den kommenden Krieg die Forschung und Entwicklung der Ersatzstoffwirtschaft. Ihr Vorhaben, trotz der Ressourcenarmut die Autarkie zu stärken, führte schon vor dem Zweiten Weltkrieg zu Engpässen und Versorgungsproblemen. Selbst die synthetische Treibstoffgewinnung, die bereits in der Weimarer Republik aufgenommen wurde und unter der nationalsozialistischen Diktatur zum regelrechten Prestigeprojekt der Ersatzstoffwirtschaft avancierte, konnte ihr Versprechen nicht halten. Die Ausbeute blieb trotz gewaltiger Investitionen zu gering, die Qualität ließ zu wünschen übrig.

Am Ersatz und dessen Wahrnehmung trennten sich die Geister: Sprach der Staat oder eine seiner vielen Behörden von Ersatz, dann suggerierte das die erfolgreiche Behebung eines Mangelzustands. Im Volksmund hingegen war der Ersatz das Synonym für minderwertigen Dreck. Das Benzin aus Kohle oder die Textilien aus Brennnesselfasern behoben nicht den Mangel, sie streckten ihn ins Unerträgliche. Nicht ohne Grund warben Markenhersteller nach dem Krieg mit „Friedensqualität“.

Nach diesem historisch-semantischen Exkurs wollen wir jetzt aber zum Kern vorstoßen, nämlich der Ersatzidentität. Die begegnet uns in Deutschland gerade dieser Tage in vielen Formen und Farben, etwa wenn Linke sich vorbehaltlos mit der muslimischen Welt gemein machen oder Liberale die uneingeschränkte Solidarität mit Israel fordern.

Der Ukrainekrieg ist ein weiteres prominentes Beispiel, das im Gegensatz zum Nahostkonflikt die deutsche Rechte wesentlich stärker involviert. Russen oder Ukrainer, der Osten gegen den Westen, die aufstrebende Achse Moskau-Peking gegen die etablierte NATO. Wie auch immer man die Erzählung dreht und wendet, die Zuschreibungen und Interpretationen sind letztendlich genauso Projektionen der eigenen Wünsche wie im Falle des Gazakrieges: Die unterdrückte „Dritte Welt“ wehrt sich mit Guerilla-Methoden gegen eine irgendwie weiße, irgendwie westliche Militärtechnokratie.

Kein Mensch mit einem normalen, gesunden und selbstbewussten Verhältnis zur eigenen Kultur und Geschichte käme auf die Idee, sich derart für fremde Angelegenheiten zu erwärmen. Das Bedürfnis nach Ersatz – einer Ersatznation, einer Ersatzmannschaft, einer Ersatzerzählung – ist gerade in Deutschland so eklatant, dass man sich mit jeder, wirklich jeder fremden Sache gemein macht, und sei sie noch so abwegig.

Diese Neurose hat nichts mit Parteipräferenzen zu tun, im Gegenteil: Je rechter, also „nationalistischer“, eine Partei gilt, desto ostentativer stellen deren entsprechenden Funktionäre ihre Ersatzidentität zur Schau. Im Falle des gerade auflodernden Krieges zwischen Israel und dem Iran mag man das noch als Kalkül einordnen.

Fahrlässig wird es hingegen bei der bereitwilligen Übernahme von historischen Narrativen.

Die Vehemenz der entsprechenden Propagandisten mag das zunächst überdecken, aber Ersatz kann und darf niemals ein dauerhafter Zustand sein.

3 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Ein sachlicher, besonnener Artikel, der nicht spaltet! So sollte das – eigentlich – sein! Danke! Schade, dass es so derart viele indoktrinierte Einfaltspinsel gibt, die für alles andere, jedoch nicht für eine Verbesserung der momentanen Lage sorgen!

  2. Zugenommen hat auch die Wucht, mit der Ersatz-Identitäten deklamiert werden. Ersatz-Religion, Ersatz-Patriotismus und Ersatz-Symbole dulden keinen Widerspruch, selbst vorsichtiges Hinterfragen ist verdächtig. Wie sich davon lösen?

    Neben den allgemeinen Verfallserscheinungen in der westlichen Kultur ist speziell in Deutschland das Verhältnis zu gewachsenen Identitäten fragil bis zerrüttet. Mehr als „Ersatz“ ist hier gar nicht mehr zu bekommen. Der Kraftaufwand, diese Entwicklung umzukehren, wird m.E. unter Konservativen unterschätzt. Wenn es denn überhaupt noch realistisch ist.

  3. Interessante Fassung dieses Phänomens, ich möchte aber auch ein Beispiel für ein älteres Beispiel nennen, in einer deutlich weniger atomisierten Gesellschaft: das Ansehen der Indianer als edle Wilde insbesondere durch Autoren wie Karl May.

    Wie passt dies hier rein?
    Patriotismus und/oder das Bekenntnis zu eigenen Werten war zu dieser Zeit eher nicht verpönt wie heute!

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