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Meine Vaterschaft

17. Juni 2025
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Ein Kind groรŸzuziehen gehรถrt zu den Dingen, die wohl den ergiebigsten Stoff fรผr Kolumnen wie diese bereithalten. Insofern war es immer schade, aus Persรถnlichkeitsschutzgrรผnden nicht darรผber schreiben zu kรถnnen โ€“ bis die Staatsgewalt mich mit dem brutalen รœberfall vor den Augen meines Kindes und der anschlieรŸenden gut neunmonatigen Geiselhaft im Grunde dazu zwang, die Katze aus dem Sack zu lassen.

Die ersten vielleicht zweieinhalb Monate im Leben eines Kindes sind nichts Romantisches. Dieses Wesen scheint grรถรŸtenteils blind und taub, es schreit oder schreit nicht. Der erste individuelle Wesenszug, den man bei meinem Sohn beobachten konnte, war, dass er stets auf uns liegen oder getragen werden wollte. Das Tragen ist ohnehin so eine Sache: Das Kind wird immer grรถรŸer, aber das Tragen leichter. Man merkt, dass es richtig ist, dass wir beide dafรผr gebaut sind. Er klammerte sich meist pro forma an meinem Hemd fest, natรผrlich ohne die Kraft, die es brรคuchte, um sich eigenstรคndig zu halten. AuรŸerdem machte er etwas, das wir โ€žBallifizierenโ€œ tauften: Er rollte sich zu einer Art optimal tragbarer Halbkugel zusammen. Irgendwann konnte ich ihn ohne Mรผhe fรผr Stunden tragen.

Nach anderthalb Monaten endete der Mutterschutz meiner Frau, und sie musste wieder arbeiten. Von da an war ich von morgens bis frรผh abends grรถรŸtenteils alleine fรผr ihn zustรคndig. In diesem frรผhen, noch recht larvenartigen Stadium hieรŸ das bei seiner Nรคhebedรผrftigkeit: ein menschliches Bett sein. Wachte er auf und schrie, trug ich ihn, wobei er hรคufig wieder einschlief. Er mochte schon damals Gesang. โ€žBruder Jakobโ€œ und โ€žAuf einem Baum ein Kuckuckโ€œ gehรถrten zum Standard-Repertoire.

Als Nรคchstes begann er zu lachen. Er lachte etwa darรผber, dass man seinen bunten Gitterball รผber seinem Kopf in die Luft warf und wieder auffing, oder รผber die Katzen. Er lรคchelte einen an, insbesondere zur BegrรผรŸung. Er experimentierte mit Vokalen, aber noch ohne Bezug zur tatsรคchlichen Sprache. Er konnte nun Dinge greifen, was zur Erfindung der sogenannten โ€žBabyattackeโ€œ fรผhrte: Dabei packte er einen, wรคhrend man ihn รผber sein Gesicht hielt, an Haaren oder Ohren, zog sich dicht heran und biss uns unter spielerischem Kampfgeschrei in die Nase. Das macht er immer noch manchmal.

Als Nรคchstes wurde er รผber seine Arme und Hรคnde hinaus beweglich, konnte sich rollen. Auf diese Weise vermochte er recht plรถtzlich, wenn auch wenig zielgerichtet, den Raum zu durchqueren. Krabbeln konnte er erst Monate spรคter. Besonders im Bett rollte er sich gerne in Trittweite der Wand und trampelte glucksend dagegen. Inzwischen experimentierte er auch zielgerichteter mit dem Klang bestimmter Silben, etwa โ€žga!โ€œ, โ€ždickadickaโ€œ, oder auch schon โ€žmamamamamaโ€œ und โ€žpapapapapaโ€œ, aber noch ohne klar erkennbare Bedeutung dahinter.

Zu laufen begann er mit meinen Zeigefingern als Stรผtzrรคdern. Im Sommer 2024 verbrachten wir jeden Tag Stunden damit, zusammen zweibeinig das Wohnzimmer zu erkunden. Er lief immer noch nur mit mir als Gehhilfe, als ich am 13.08. vor ihm gekidnappt wurde. Eigenstรคndig laufen lernte er dann in den ersten Monaten meiner Abwesenheit, wobei er bei den Besuchen trotzdem gerne wieder an meinen Fingern lief โ€“ wohl โ€žum der alten Zeiten willenโ€œ.

Er lernte nun auch reden, angefangen mit dem Wort โ€žEiโ€œ. โ€žPapaโ€œ sagte er erst spรคt und mit einer gewissen Bedeutungsunschรคrfe. Es hatte schon etwas mit mir zu tun, aber er nannte mich nicht direkt so. Die Zugfahrt zur JVA nannte er โ€žPapaโ€œ. Wenn das Telefon klingelte, sagte er โ€žPapaโ€œ. Aber er sagte es nicht, wenn wir uns dann sahen. Das tut er erst, seit ich wieder zu Hause bin. Ab dann dauerte es aber keine drei Tage.

Er spielt gerade am liebsten Gespenst, wirft sich also ein Laken รผber den Kopf und rennt durch die Gegend wie ein kleiner, kopfloser Geist. AuรŸerdem bekommt er fรผr sein Leben gern vorgelesen. Er fordert das richtig ein, schnappt sich mehrmals am Tag ein Buch und setzt sich bei uns auf den SchoรŸ. Sein Lieblingsbuch ist โ€žAlarm im Kasperletheaterโ€œ, oder in seiner Sprache (die eigentlich schon deutlich weiter gediehen ist, aber er hรคlt bei diesem Buch wohl aus emotionaler Verbundenheit damit an seiner allerersten Kauderwelsch-Bezeichnung dafรผr fest): โ€žAscheteteโ€œ.

Nach den ersten drei Wochen, die wir wiedervereint verbracht haben, kristallisierte sich heraus, dass er, durch die Erfahrung meiner Entfรผhrung, gravierende Verlustรคngste entwickelt hat. Er beginnt, heftig zu weinen, wenn ich den Raum verlasse, um zu arbeiten. Er weint sogar oft, wenn ich ihn einfach nur meiner Frau in den Arm drรผcke, ohne wegzugehen. Er will im Grunde genommen am liebsten den GroรŸteil des Tages von mir getragen werden, wie frรผher. Ich hoffe, die Zeit wird das heilen. Was sie ihm angetan haben, ist unverzeihlich. Und der einzige Grund, aus dem ich jetzt รผberhaupt wieder bei ihm sein kann, ist die vรถllig รผberraschende Entscheidung des Oberlandesgerichts, meiner Beschwerde gegen die Ablehnung jeder vorzeitigen Entlassung seitens einer Potsdamer Richterin, in deren Augen das โ€žSicherheitsinteresse der Allgemeinheitโ€œ, vor โ€žRucka Rucka Aliโ€œ-Einspielern geschรผtzt zu werden, รผberwog, stattzugeben.

3 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Ich hatte die leise Hoffnung, dass es fรผr Shlomos Sohn „nicht so schlimm“ sein kรถnnte, aufgrund des doch noch sehr jungen Alters bei seiner Entfรผhrung. Dass dem nicht so ist, ist zweifelsohne unverzeihlich. Mรถgen diejenigen, die diese Untaten zu verantworten haben, eines Tages vor Gericht gestellt und fรผr ihre abscheuliche Unmenschlichkeit verurteilt werden.

  2. Das hast du sehr gut beschrieben.

    In vielem davon habe ich meinen eigenen Sohn wiedererkannt. Und sein Verhalten, als der Staat uns beide fรผr fast zwei Jahre getrennt hatte.
    Aber jetzt geht es wieder voran. Ich wรผnsch euch alles Gute!

  3. Als Vater von zwei Sรถhnen mag ich nicht ermessen, was fรผr ein Gefรผhl in Dir erwachsen ist, als sie Dich damals mitgenommen haben. Dieses Unrecht darf niemals vergessen werden. Mein Vater hat mir schon frรผh beigebracht, dass dem Staat nicht zu trauen ist. Ich werde dies, auch aus eigener Erfahrung, an meine Kinder weitergeben.

    Alles Gute fรผr Dich und Deine Familie.

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