Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hatte als von den Bürgern finanzierter Berichterstatter eigentlich mal den Auftrag der Objektivität. Dass Neutralität oder gar Unparteilichkeit in der medialen Darstellung und Themenwahl beim ÖRR vermutlich nie sonderlich großgeschrieben wurden, ist kein ganz neues Phänomen. Und trotzdem zeigten die letzten Wochen nochmals, wie sehr das Framing und die Diffamierungen um sich schlagen und wie wenig selbstkritisch der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist, wenn er entlarvt wird. Nach Böhmermann und Reschke folgte nun der nächste große Beitrag beim SWR.
„Plötzlich Hassobjekt“ heißt die etwa 30 Minuten lange „investigative Recherche“ von Vollbild, die es vergangenen Dienstag in die Primetime schaffte. Der Film widmet sich in erster Linie dem YouTuber Tim Kellner sowie der freien Journalistin Katharina Schmieder, die unter ihrem Pseudonym „Critical Cat“ bekannt ist, ebenfalls einen YouTube-Kanal betreibt und auf X postet.
Sie arbeitete einst beim SWR, hat es sich aber in den letzten Jahren mehr und mehr zur Aufgabe gemacht, Politiker, Amtsträger und Rundfunkmitarbeiter zu enttarnen, die als sogenannte „besorgte Bürger“ oder „politisch interessierte Menschen“ interviewt oder in politischen Talkshows platziert wurden. Innerhalb von drei Jahren deckte Critical Cat rund 700 Fälle auf, bei denen ebensolche Personen in Talkshows zu Wort kamen, an Straßenumfragen teilnahmen oder gar als Experten befragt wurden. Bei den Politikern handelte es sich in erster Linie um Parteimitglieder der SPD, Grünen oder Linken. In allen Fällen tauchten sie ohne explizite Kennzeichnung und damit gegen den Grundsatz der neutralen Berichterstattung auf.
Im Januar machte Critical Cat publik, dass bei einer „Maischberger“-Talkshow, in der Sahra Wagenknecht und Alice Weidel im Zuge der Bundestagswahlen auftraten, ein Grüner im Publikum hinter der AfD-Chefin platziert wurde, der immer wieder verächtliche Grimassen zog. Dabei handelte es sich nicht um irgendwen, sondern um den Sprecher der Grünen Jugend Osnabrück.
Weil ebendieser Grüne seit seiner Nennung durch Schmieder ein paar „Hassnachrichten“ bekommen hatte, nahmen die couragierten Journalisten im Namen des SWR die Verfolgung auf und entdeckten dabei allerhand Kuriositäten, zum Beispiel, dass Tim Kellner Schmieder auf X folgt und sie ihm und dass nach langer, teurer Auswertung auch ganz klar ist, dass beide eng miteinander verstrickt sind, weil sie ganz viele gleiche Follower haben.
Neben dem Grünen-Politiker war es auch eine der Journalistinnen selbst sowie die vermeintliche „Komikerin“ Maria Clara Groppler, ja, die mit dem Napalm auf Sachsen, die sich als selbsternannte „Hassobjekte“ rechter Internet-User inszenierten. Und wie geht man als Person des öffentlichen Lebens damit um, dass man ab und an mal einen fiesen Kommentar erntet?
Richtig, man nutzt seine Ressourcen, sprich einen Haufen Geld, der durch Zwangsgebühren eingetrieben wird, um einen Rachefeldzug zu starten gegen Menschen, die mit den verfassten Kommentaren rein gar nichts zu tun haben und einfach nur berechtigte Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk äußerten, wie es Schmieder korrekterweise getan hat.
Und was ist das Ende vom Lied? Ein Beitrag, der Sachen problematisiert und miteinander verknüpft, die nicht zusammenhängen, der eine Frau, die ihre journalistische Aufklärungsarbeit ernst nimmt, ins Visier nimmt, der sich rein gar nicht der berechtigten Kritik am eigenen journalistischen Auftrag stellt und damit nach „Clownswelt“ Critical Cat und vielen weiteren kritischen Stimmen Tausende neue Abonnenten beschert. Die Menschen haben keine Lust mehr auf pseudoinvestigative Propaganda.

