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Mediterrane Wanderschaften

21. August 2025
in 4 min lesen

Sommerzeit ist Reisezeit. Dank des nie vorher dagewesenen Wohlstands der allgemeinen Bevรถlkerung seit der Nachkriegszeit, von dem wir noch immer zehren und nรคhren kรถnnen, besaรŸen auch noch nie so viele Menschen in der Geschichte die Mรถglichkeit, aus SpaรŸ und Zeitvertreib das traute Heim hinter sich zu lassen und zu reisen. Und natรผrlich lieรŸ auch ich die Mรถglichkeit nicht verstreichen, die Sachen zu packen und selbst loszugehen: Ende Juli ging es nach Italien, genauer gesagt in die Marken im Nordosten der Apenninenhalbinsel und anschlieรŸend nach Bologna; letzte Woche war ich in Carcassonne im Sรผden Frankreichs. Wรคhrend Frankreich tatsรคchlich ein reiner Urlaub der Entspannung wegen war, gab es in Italien musikalische Verpflichtungen โ€“ wobei die auf ihre Weise selbstverstรคndlich ebenfalls entspannend waren. Beide Reisen erinnerten mich einmal an meinen Hass auf den modernen Massentourismus, auch wenn man zwangslรคufig Teil desselben ist. Immerhin besteht der ehrliche Versuch meinerseits, sich vom Massentouristen abzugrenzen, indem man tatsรคchlich ein ehrliches Interesse an seinem Gastland/โ€‘region zeigt und sich mehr als nur oberflรคchlich mit Kultur und Gepflogenheiten auseinandersetzt.

Oder indem man komplett ReiรŸaus aus den Touri-Orten nimmt: Einen Tag unternahm ich in Italien kurzentschlossen eine Wanderung durch die Hรผgellandschaft zwischen Apenninen und Adriakรผste: Von Urbino aus โ€“ einer sehenswerten Festungsstadt, die unter einem ambitionierten Renaissancefรผrsten zu einer kleinen Perle in den Marken ausgebaut wurde โ€“ ging es nach Sรผden, รผber Fermignano zur Gola di Furlo (Furlo-Schlucht), dann nach Calmazzo und von dort aus mit dem Bus zurรผck nach Urbino. โ€žKurzentschlossenโ€œ heiรŸt รผbrigens โ€žeher unvorbereitetโ€œ: Mein Schuhwerk war alles andere als geeignet, die Route wurde am Abend kurz vor Bettruhe auf Komoot eingerichtet, ohne zu wissen, durch welche Landschaft ich schreiten wรผrde, und sonst hatte ich lediglich genug Wasser (also sechs Liter) dabei.

Um 8:00 Uhr machte ich mich dann los, รผber geteerte LandstraรŸen und einen kleinen Umweg an einer Kapelle aus dem 18. Jahrhundert vorbei erreichte ich gegen 10:30 Uhr Fermignano, eine kleine Stadt an den Ufern des Metauro. Eine Steinbrรผcke aus Rรถmerzeiten fรผhrt unterm Schatten eines mittelalterlichen Wachtturms รผber den Fluss, in dessen Fluten sich die Weltgeschichte einst ergoss: Etwas flussabwรคrts von Fermignano wurde 207 vor Christus Hasdrubal Barkas, Bruder des Hannibal, samt seiner Armee von den Rรถmern erschlagen, was die Niederlage der Karthager im Zweiten Punischen Krieg endgรผltig besiegelte. Welch Heldenblut damals gen Adria strรถmte?

Nachdem ich einen Caffรจ getrunken und eine Toscanello geschmaucht hatte, ging es weiter โ€“ nun begann die eigentliche Herausforderung. Die unbarmherzige mediterrane Sonne, deren Strahlen die Luft um mich herum auf 34 Grad Celsius erwรคrmen sollten, stieg ihrem Zenit entgegen, als ich mich anschickte, circa 600 Hรถhenmeter zu รผberwinden und den Monte Pietralata (889 Meter) zu erklimmen. Von โ€žGemรผtlichkeitโ€œ war hier keine Rede mehr โ€“ aber das war ja auch der Sinn der Sache โ€“, die Landschaft bot kaum Deckung vor dem, was die Rรถmer kurz vor der Christianisierung als โ€žSol invictusโ€œ verehrt hatten, und gegen Mittag zwang mich mein Kreislauf, unter einem Pinienhain zu verweilen.

Und welch ein Anblick sich mir darbot! Die ganze Landschaft der Marken erstreckte sich vor mir, in der Ferne erblickte ich die Festungsmauern Urbinos, und vielleicht hรคtte ich mit einem Fernglas und bei gutem Wetter bis nach San Marino blicken kรถnnen. Eine Dreiviertelstunde verbrachte ich hier in vรถlliger Einsamkeit, ehe ich mich weiter auf den Weg machte. Das Gipfelplateau des Monte Pietralata war noch lange nicht erreicht. Wรคhrenddessen wurde die Hitze immer schlimmer, der Aufstieg dank der steilen Hรคnge (teilweise knapp 30 Prozent Steigung) und des Schotters nicht viel einfacher. Irgendwann war ich dann oben, nur um festzustellen, dass der Gipfel selbst die Mรผhe nicht wert war: Bis auf Gras war da oben nichts โ€“ auch kein Schatten, der zum Verweilen einladen konnte. Umso mehr war es der Blick รผber das Land, der sich nun im Osten bis zur Adria erstreckte.

Nun musste ich noch vom Berg runterkommen: Der Abstieg in die Furlo-Schlucht begann. Der Fluss, der sich diesen Canyon geschaffen hat, liegt etwa 600 Meter unterhalb des Gipfels. Ich erreichte gegen 15:00 Uhr die Terrazze del Furlo, von denen sich ein รœberblick รผber die Schlucht ausbreitete. Auf der anderen Seite erhoben sich Steilwรคnde von bestimmt 300 Metern Hรถhe. Wรคhrend des weiteren Abstiegs verabschiedete sich der Handy-Akku und damit mit Komoot auch meine einzige Karte. Aber immerhin wusste ich, wie ich nach Calmazzo und damit zum Bus zurรผck nach Urbino komme. SchlieรŸlich begegnete ich das erste Mal seit Stunden wieder Menschen; bis dahin, von Fermignano bis zur Schlucht, war ich komplett allein gewesen.

Nach einem mรผhevollen Abstieg, der sich durch meine schlechten Schuhe noch mรผhevoller gestaltete, erreichte ich endlich den Grund der Gola di Furlo, die schon zu Rรถmerzeiten eine wichtige Verkehrsachse war: Kaiser Vespasian lieรŸ hier einen Tunnel in den Berg schlagen, um die Truppen leichter durch die Schlucht bewegen zu kรถnnen. Spรคter bereisten schillernde Renaissancefiguren wie Lucrezia Borgia und Papst Julius II. diese StraรŸe, und wรคhrend des Faschismus lieรŸ Mussolini sein Konterfei in die Felswand hauen, das dann durch Partisanen gesprengt wurde. Auf der StraรŸe nach Calmazzo traf ich auf Eric, einen Einwohner des Dorfes, der aufgrund einer Autopanne ebenfalls zu FuรŸ dorthin musste โ€“ und so bestritt ich die letzte Etappe meiner Wanderschaft noch in angenehmer Gesellschaft. Calmazzo รผbrigens war Schauplatz einer Schlacht im Jahre 1502, in der Cesare Borgia, Hauptfigur in Machiavellis โ€žDer Fรผrstโ€œ, eine Niederlage erlitt โ€“ kurz zuvor hatte er das Herzogtum Urbino usurpiert. Es gibt wohl keinen Ort in Italien, an dem nicht ein Ereignis dieser Art irgendwann mal stattfand.

Eric brachte mich zur Bushaltestelle, wir verabschiedeten uns voneinander, und ich kam mit dem Bus gegen 18:00 Uhr wieder in Urbino an. Ein Tag war vorรผber, wie ich ihn so schnell nicht wieder erleben werde. Aber genau richtig war er. Abstand von der Moderne bot er, wie ihn der Mensch im Alltag zu selten hat. Und ein wenig Abenteuer war auch drin โ€“ immerhin! Eine Reise in das Halbunbekannte, das einen hรถchstens erahnen lรคsst, was auf einen zukommt. โ€žEs gibt eine Zeit, in der dem Herzen das Geheimnisvolle nur rรคumlich, nur auf den weiรŸen Flecken der Landkarte erreichbar scheint und in der alles Dunkle und Unbekannte eine mรคchtige Anziehung รผbtโ€œ, so beschrieb Ernst Jรผnger diesen Drang in seinen โ€žAfrikanischen Spielenโ€œ. Ob ich mich nรคchsten Sommer auch mal der Fremdenlegion anschlieรŸe?

2 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. So geht Reisen. Schรถn daรŸ man mit derart erkundungsfreudigem Urlaubsverhalten nicht alleine ist, auch wenn ich im Gelรคnde klassisches Kartenmaterial bevorzuge.

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