Sommerzeit ist Reisezeit. Dank des nie vorher dagewesenen Wohlstands der allgemeinen Bevölkerung seit der Nachkriegszeit, von dem wir noch immer zehren und nähren können, besaßen auch noch nie so viele Menschen in der Geschichte die Möglichkeit, aus Spaß und Zeitvertreib das traute Heim hinter sich zu lassen und zu reisen. Und natürlich ließ auch ich die Möglichkeit nicht verstreichen, die Sachen zu packen und selbst loszugehen: Ende Juli ging es nach Italien, genauer gesagt in die Marken im Nordosten der Apenninenhalbinsel und anschließend nach Bologna; letzte Woche war ich in Carcassonne im Süden Frankreichs. Während Frankreich tatsächlich ein reiner Urlaub der Entspannung wegen war, gab es in Italien musikalische Verpflichtungen – wobei die auf ihre Weise selbstverständlich ebenfalls entspannend waren. Beide Reisen erinnerten mich einmal an meinen Hass auf den modernen Massentourismus, auch wenn man zwangsläufig Teil desselben ist. Immerhin besteht der ehrliche Versuch meinerseits, sich vom Massentouristen abzugrenzen, indem man tatsächlich ein ehrliches Interesse an seinem Gastland/‑region zeigt und sich mehr als nur oberflächlich mit Kultur und Gepflogenheiten auseinandersetzt.
Oder indem man komplett Reißaus aus den Touri-Orten nimmt: Einen Tag unternahm ich in Italien kurzentschlossen eine Wanderung durch die Hügellandschaft zwischen Apenninen und Adriaküste: Von Urbino aus – einer sehenswerten Festungsstadt, die unter einem ambitionierten Renaissancefürsten zu einer kleinen Perle in den Marken ausgebaut wurde – ging es nach Süden, über Fermignano zur Gola di Furlo (Furlo-Schlucht), dann nach Calmazzo und von dort aus mit dem Bus zurück nach Urbino. „Kurzentschlossen“ heißt übrigens „eher unvorbereitet“: Mein Schuhwerk war alles andere als geeignet, die Route wurde am Abend kurz vor Bettruhe auf Komoot eingerichtet, ohne zu wissen, durch welche Landschaft ich schreiten würde, und sonst hatte ich lediglich genug Wasser (also sechs Liter) dabei.
Um 8:00 Uhr machte ich mich dann los, über geteerte Landstraßen und einen kleinen Umweg an einer Kapelle aus dem 18. Jahrhundert vorbei erreichte ich gegen 10:30 Uhr Fermignano, eine kleine Stadt an den Ufern des Metauro. Eine Steinbrücke aus Römerzeiten führt unterm Schatten eines mittelalterlichen Wachtturms über den Fluss, in dessen Fluten sich die Weltgeschichte einst ergoss: Etwas flussabwärts von Fermignano wurde 207 vor Christus Hasdrubal Barkas, Bruder des Hannibal, samt seiner Armee von den Römern erschlagen, was die Niederlage der Karthager im Zweiten Punischen Krieg endgültig besiegelte. Welch Heldenblut damals gen Adria strömte?
Nachdem ich einen Caffè getrunken und eine Toscanello geschmaucht hatte, ging es weiter – nun begann die eigentliche Herausforderung. Die unbarmherzige mediterrane Sonne, deren Strahlen die Luft um mich herum auf 34 Grad Celsius erwärmen sollten, stieg ihrem Zenit entgegen, als ich mich anschickte, circa 600 Höhenmeter zu überwinden und den Monte Pietralata (889 Meter) zu erklimmen. Von „Gemütlichkeit“ war hier keine Rede mehr – aber das war ja auch der Sinn der Sache –, die Landschaft bot kaum Deckung vor dem, was die Römer kurz vor der Christianisierung als „Sol invictus“ verehrt hatten, und gegen Mittag zwang mich mein Kreislauf, unter einem Pinienhain zu verweilen.
Und welch ein Anblick sich mir darbot! Die ganze Landschaft der Marken erstreckte sich vor mir, in der Ferne erblickte ich die Festungsmauern Urbinos, und vielleicht hätte ich mit einem Fernglas und bei gutem Wetter bis nach San Marino blicken können. Eine Dreiviertelstunde verbrachte ich hier in völliger Einsamkeit, ehe ich mich weiter auf den Weg machte. Das Gipfelplateau des Monte Pietralata war noch lange nicht erreicht. Währenddessen wurde die Hitze immer schlimmer, der Aufstieg dank der steilen Hänge (teilweise knapp 30 Prozent Steigung) und des Schotters nicht viel einfacher. Irgendwann war ich dann oben, nur um festzustellen, dass der Gipfel selbst die Mühe nicht wert war: Bis auf Gras war da oben nichts – auch kein Schatten, der zum Verweilen einladen konnte. Umso mehr war es der Blick über das Land, der sich nun im Osten bis zur Adria erstreckte.
Nun musste ich noch vom Berg runterkommen: Der Abstieg in die Furlo-Schlucht begann. Der Fluss, der sich diesen Canyon geschaffen hat, liegt etwa 600 Meter unterhalb des Gipfels. Ich erreichte gegen 15:00 Uhr die Terrazze del Furlo, von denen sich ein Überblick über die Schlucht ausbreitete. Auf der anderen Seite erhoben sich Steilwände von bestimmt 300 Metern Höhe. Während des weiteren Abstiegs verabschiedete sich der Handy-Akku und damit mit Komoot auch meine einzige Karte. Aber immerhin wusste ich, wie ich nach Calmazzo und damit zum Bus zurück nach Urbino komme. Schließlich begegnete ich das erste Mal seit Stunden wieder Menschen; bis dahin, von Fermignano bis zur Schlucht, war ich komplett allein gewesen.
Nach einem mühevollen Abstieg, der sich durch meine schlechten Schuhe noch mühevoller gestaltete, erreichte ich endlich den Grund der Gola di Furlo, die schon zu Römerzeiten eine wichtige Verkehrsachse war: Kaiser Vespasian ließ hier einen Tunnel in den Berg schlagen, um die Truppen leichter durch die Schlucht bewegen zu können. Später bereisten schillernde Renaissancefiguren wie Lucrezia Borgia und Papst Julius II. diese Straße, und während des Faschismus ließ Mussolini sein Konterfei in die Felswand hauen, das dann durch Partisanen gesprengt wurde. Auf der Straße nach Calmazzo traf ich auf Eric, einen Einwohner des Dorfes, der aufgrund einer Autopanne ebenfalls zu Fuß dorthin musste – und so bestritt ich die letzte Etappe meiner Wanderschaft noch in angenehmer Gesellschaft. Calmazzo übrigens war Schauplatz einer Schlacht im Jahre 1502, in der Cesare Borgia, Hauptfigur in Machiavellis „Der Fürst“, eine Niederlage erlitt – kurz zuvor hatte er das Herzogtum Urbino usurpiert. Es gibt wohl keinen Ort in Italien, an dem nicht ein Ereignis dieser Art irgendwann mal stattfand.
Eric brachte mich zur Bushaltestelle, wir verabschiedeten uns voneinander, und ich kam mit dem Bus gegen 18:00 Uhr wieder in Urbino an. Ein Tag war vorüber, wie ich ihn so schnell nicht wieder erleben werde. Aber genau richtig war er. Abstand von der Moderne bot er, wie ihn der Mensch im Alltag zu selten hat. Und ein wenig Abenteuer war auch drin – immerhin! Eine Reise in das Halbunbekannte, das einen höchstens erahnen lässt, was auf einen zukommt. „Es gibt eine Zeit, in der dem Herzen das Geheimnisvolle nur räumlich, nur auf den weißen Flecken der Landkarte erreichbar scheint und in der alles Dunkle und Unbekannte eine mächtige Anziehung übt“, so beschrieb Ernst Jünger diesen Drang in seinen „Afrikanischen Spielen“. Ob ich mich nächsten Sommer auch mal der Fremdenlegion anschließe?


schön geschrieben. Man wünscht sich richtig, auch dabei gewesen zu sein.
So geht Reisen. Schön daß man mit derart erkundungsfreudigem Urlaubsverhalten nicht alleine ist, auch wenn ich im Gelände klassisches Kartenmaterial bevorzuge.