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Schlacht von Sedan – „Welch eine Wendung durch Gottes Fügung“

3. September 2025
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Gestern vor 155 Jahren, am 2. September 1870, streckte der französische Kaiser bei Sedan, im Nordosten Frankreichs, seinen Säbel. Tags zuvor hatten die deutschen Truppen unter preußischer Führung die französische Rheinarmee in eine ausweglose Lage gebracht. In dem im Folgejahr gegründeten deutschen Kaiserreich galt der Sedantag fortan als Gedenktag, in der Öffentlichkeit nahm er den Rang eines Feiertags an. Was war geschehen?

In der Frage der spanischen Thronfolge gab es Ende der 1860er Jahre mehrere Kandidaten. Einer war der deutsche Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen, verwandt mit der preußischen Königsfamilie. Frankreich wollte einen deutschen Herrscher im Westen der eigenen Grenzen um jeden Preis verhindern. Deshalb schickte der französische Kaiser Napoleon III. einen Diplomaten zu Wilhelm I., zum damals noch preußischen König. Von diesem forderte er die verbindliche Erklärung, dass niemals ein Hohenzoller, also ein Mitglied der preußischen Königsfamilie, den spanischen Thron besteigen werde. Wilhelm, der derzeit in Bad Ems zur Kur weilte, war nicht bereit, diese Erklärung auf Ewigkeit zu geben. Ohnehin hatte der deutsche Bewerber Leopold seine Kandidatur zurückgezogen und sich damit dem internationalen Druck, insbesondere Frankreichs, gebeugt.

Diese Ablehnung Wilhelms I. war für Frankreich nicht ideal, aber noch kein Affront. Erst als Bismarck, damals preußischer Ministerpräsident, die Mitteilung über das Gespräch zwischen dem König und dem französischen Gesandten kürzte und überarbeitete, wurde die Notiz zur Provokation. Jetzt wiederum wirkte es so, als hätte sich der Diplomat ungebührlich verhalten, was der französische Kaiser nicht auf sich sitzen lassen konnte. In Reaktion auf die sogenannte „Emser Depesche“ erklärte Napoleon III. am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg. Aufgrund von Bündnissystemen hatte dies aber nicht nur die Mobilisierung Preußens, sondern weiter Teile aller deutschen Länder zufolge, die sich später im Kaiserreich vereinigten.

Etwas über einen Monat danach näherte sich der Krieg vor Sedan seiner Entscheidung. Am Abend des 1. Septembers waren über 100.000 französische Soldaten in einem Tal eingekesselt, die umgebenden Höhen von deutscher Artillerie besetzt. Alle Ausbruchsversuche scheiterten.

Napoleon III. kapitulierte und bemerkte, nachdem es ihm nicht vergönnt gewesen sei, an der Spitze seiner Soldaten zu fallen, bliebe ihm nichts anderes übrig, als seinen Säbel in die Hände seiner Majestät, dem König von Preußen, zu geben. Dieser nahm die Kapitulation mit den Worten an: „Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!“ Am 2. September begab sich der französische Kaiser in Kriegsgefangenschaft und wurde nach Kassel-Wilhelmshöhe verbracht. Seine über 100.000 Soldaten folgten ihrem Kaiser in Gefangenschaft. Das französische Kaisertum ging zu Ende. Am 4. September riefen die Pariser die Republik aus.

Gemeinhin heißt es, mit diesem wichtigen Schlachtensieg und dem wertvollen Gefangenen sei der deutsch-französische Krieg von 1870/71 entschieden gewesen. Zum nationalen Gedenktag wurde das Datum, weil es einen wichtigen Meilenstein nicht nur im Sieg über den „Erbfeind“ Frankreich darstellte, sondern auch auf dem Weg der Reichsgründung von 1871. Jedes Jahr bis 1919 wurden fortan Paraden abgehalten, die Straßen mit Flaggen geschmückt und Kriegerdenkmäler eingeweiht. Der Sedantag erreichte fast den Rang eines (nicht existenten) Nationalfeiertages.

Dabei war der Krieg mit dem Sieg bei Sedan noch nicht gewonnen. Der Stichtag markiert indes einen politischen Umbruch. Bis dahin lieferten sich die deutschen Länder und Frankreich einen Krieg zwischen Staaten. Der Übertritt Napoleons III. in die Gefangenschaft, in welcher er korrekt und ehrenvoll behandelt wurde, ist der Moment, in dem sich eine staatliche Konfliktpartei geschlagen gab. Die neue republikanische Regierung in Paris sah das freilich anders. Sie proklamierte den „Volkskrieg“, der „bis zum Äußersten“ geführt werden solle.

Statt sich auf Augenhöhe begegnender Armeen war nun das gesamte französische Volk zum Kampf gegen die preußisch-deutsche Armee aufgerufen. Ein Ausdruck dieser Entwicklung waren die sogenannten „Franktireurs“ – eine frühe Art von Partisanenkämpfern: bewaffnete Zivilisten, die die reguläre Armee Frankreichs unterstützen sollten. Was den Eindruck einer nationalen Erhebung gegen ein fremdes (deutsches) Heer erwecken mag, erwies sich aus militärischer Sicht als fatal. Die Unterscheidung zwischen Soldat und Zivilist verschwamm. Die Freischärler wurden, wo man sie identifizieren konnte, standrechtlich erschossen. Das schürte den Hass der Franzosen weiter. Nicht mehr die Armeen, sondern gleich die ganzen Völker wurden fortan gegenseitig als feindlich wahrgenommen. Aus dem Staatenkrieg wuchs die Völkerfeindschaft.

Die instabile politische Lage nach der Belagerung von Paris schuf den Nährboden für die frühe sozialistisch-revolutionäre Pariser Kommune im Frühjahr 1871. Dass die junge französische Republik ihre ausweglose Lage nicht einsehen wollte, verlängerte den Krieg vergebens. Am 18. Januar 1871 erfolgte mit der Proklamation Wilhelms I. zum Kaiser die Reichsgründung im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles.

Der Jahrestag der Reichsgründung ist in Deutschland heute noch weithin geläufiger als der Sedantag. Die Höhepunkte der eigenen Geschichte wiederzuentdecken, ist jedoch ein wichtiger Bestandteil eines normalen nationalen Selbstbewusstseins. Auch wenn heute niemand mehr ernstlich die ehemalige „Erbfeindschaft“ zu Frankreich pflegt (was ja auch gut so ist), schadet es nicht, Anfang September dem großen Erfolg bei Sedan zu gedenken. Für wen ist denn etwa „Moltke“ noch mehr als ein Straßenname?

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