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Wir brauchen ein Kriegsministerium

18. September 2025
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US-Prรคsident Trump hat das Verteidigungsministerium in Kriegsministerium umbenannt, oder besser gesagt, den Namen zurรผckgesetzt, auf die Bezeichnung, wie das Verteidigungsministerium von der Grรผndung der Vereinigten Staaten bis 1947 hieรŸ. Tatsรคchlich war diese Bezeichnung in den meisten Staaten noch bis weit ins 20. Jahrhundert รผblich. Nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitete sich weltweit die Praktik, es in Verteidigungsministerium umzubenennen.

Der Gedanke dahinter ist offensichtlich, anschlieรŸend jenes brutalen Konfliktes empfand man es fรผr unzeitgemรครŸ, ein Ministerium zu haben, dessen vorgebliche Absicht es wรคre, Krieg zu fรผhren. Man wollte ja Krieg nicht mehr als ein politisches Mittel verfolgen, sondern bloรŸ aus Notwehr, zur Verteidigung. Entsprechend ist diese Umbenennung in den USA fรผr die Mainstream-Medien ein gefundenes Fressen: Trump, der brutale mรถchtegern-Diktator, der rรผpelhafte Macho, will Krieg als Methode normalisieren, seine Macht durch Waffengewalt ausweiten.

Es ist erneut diese Vorstellung, dass Worte Wahrheit schaffen; dass, wenn man gewisse Bezeichnungen verwendet, folglich das Verhalten der Menschen und die Realitรคt selbst formen wird. Man kennt es schon vom sogenannten โ€žGendernโ€œ, welches unter der Behauptung kolportiert wird, die verbale Gleichstellung der Geschlechter sei ein notwendiger Schritt, um tatsรคchliche Gleichheit zu erlangen.

Diese Idee hat gleichwohl einen Bezug zur menschlichen Psyche. So wirkt sich etwa der positive Ansporn auf eine Leistung sicherlich besser aus, als stรคndige Abwertung. Die Meisten werden durch ein โ€ždu schaffst das!โ€œ eher motiviert sein als durch ein โ€žgib auf, du Versagerโ€œ. Doch diese Wirkung hat nichtsdestotrotz ihre Grenzen, und man fรคllt sehr schnell in das andere Extrem, nรคmlich wenn man mit unverdientem Lob und Ruhm zugeschรผttet wird, und dies als Anlass sieht, keine weitere Anstrengung zu unternehmen. Und genau hier liegt das Problem solcher euphemistischen Bezeichnungen, wie eben die des Verteidigungsministeriums.

Die andere Seite jener Vorstellung, dass Worte Wahrheit schaffen, ist, dass Worte die Wahrheit ausblenden. Nennt man das Kriegsministerium nunmehr Verteidigungsministerium, verschwindet auch das Bewusstsein darรผber, dass es letztlich halt doch dazu da ist, Kriege zu fรผhren. Die Kriege sind dann ja nur โ€žVerteidigungโ€œ, also geht es in Ordnung und man muss sich keine Gedanken darรผber machen, ob man sich zu sehr in die Kriegslust hineinsteigert. Der Effekt ist also tatsรคchlich genau das Gegenteil von dem, was man sich erhoffte: da das eigentlich Negative (wenn auch in gewisser Hinsicht Notwendige oder Unvermeidbare) nicht beim Namen genannt wird, breitet es sich viel weiter aus, weil es eben unerkannt bleibt, verborgen hinter den wohltรถnenden Floskeln.

GemรครŸ dem klassischen Sender-Empfรคnger-Modell dient die Sprache als Trรคger einer Information, welche vom Sender kodifiziert und vom Empfรคnger dekodiert wird. Hierbei mรผssen sich Sender und Empfรคnger zuvor darauf geeinigt haben, was die Kodierung bedeutet. In der Praxis bedeutet das, die Sprache dient vornehmlich zur Beschreibung von Sachverhalten, Objekten, Ideen, usw.; sie ist Konsequenz der Realitรคt und nicht Ursache. Sie kรถnnte gar nicht Ursache sein, weil eine Sprache nur existieren kann, wenn sie in Funktion eines Bedรผrfnisses zur Kommunikation durch Beschreibung entsteht. Woher soll man sonst wissen, was ein Stuhl ist, wenn man das Wort nicht erst in Funktion eines existierenden Gegenstandes erdenkt?

Diese Art von Euphemismen sind an sich nichts Neues, schon seit eh und je werden zumal beschรถnigende Begriffe verwendet, vor allem, wenn es sich um ein unangenehmes Konzept handelt: โ€žBehinderterโ€œ statt โ€žKrรผppelโ€œ, โ€žSeniorenzentrumโ€œ statt โ€žAltersheimโ€œ, โ€žSonderschuleโ€œ statt โ€žIdiotenschuleโ€œ. Was jedoch neu ist, ist die bewusste und zielgerichtete Entfremdung der Sprache, nicht, weil man etwas Unbequemes umschweifen will, sondern weil man durch den Sprachgebrauch eine erwรผnschte Realitรคt heraufbeschwรถren will. Postmoderne Wort-Hexerei, sozusagen. Die Sprache ist nicht mehr ein Spiegel der Realitรคt, sondern sie schafft ihre eigene Realitรคt, eine imaginรคre Welt, in der Probleme gelรถst sind, ohne dass man sie รผberhaupt angehen mรผsse.

Diese Flucht vor der Realitรคt zieht sich als abstruse Konstante durch den westlichen Kulturraum und ist inzwischen so verwurzelt, dass ein Zuwiderhandeln, wie mit diesem โ€žKriegsministeriumโ€œ, zu einer aggressiven Reaktion fรผhrt โ€“ eine Reaktion, die voll und ganz darauf besessen ist, was dieses Wort hervorrufen wird, als wรคre es ein Zauberspruch von schwarzer statt weiรŸer Magie. Man kann hier in Echtzeit bestaunen, wie ein neuer Aberglaube entstanden ist.

Trumps โ€žKriegsministeriumโ€œ ist ein ikonoklastischer Schock an diesem Aberglauben, der von jedem Erkenntnistheoretiker als frischer Wind der ehrlichen Kommunikation begrรผsst werden sollte. Es braucht mehr Wahrheit in der Sprache, auch wenn die Wahrheit zumal unangenehm ist. Es braucht mehr Kriegsministerien. Nicht um mehr Krieg zu fรผhren, sondern weil gerade wenn man den Krieg eben nicht hinter dem banalisierenden Begriff der โ€žVerteidigungโ€œ verstecken kann, man sich eher dafรผr schรคmen wird und es sich vielleicht genauer รผberlegt, bevor man damit anfรคngt.

A. M. Berger ist schriftsteller. Folgen sie ihm auf Twitter/X!

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