US-Präsident Trump hat das Verteidigungsministerium in Kriegsministerium umbenannt, oder besser gesagt, den Namen zurückgesetzt, auf die Bezeichnung, wie das Verteidigungsministerium von der Gründung der Vereinigten Staaten bis 1947 hieß. Tatsächlich war diese Bezeichnung in den meisten Staaten noch bis weit ins 20. Jahrhundert üblich. Nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitete sich weltweit die Praktik, es in Verteidigungsministerium umzubenennen.
Der Gedanke dahinter ist offensichtlich, anschließend jenes brutalen Konfliktes empfand man es für unzeitgemäß, ein Ministerium zu haben, dessen vorgebliche Absicht es wäre, Krieg zu führen. Man wollte ja Krieg nicht mehr als ein politisches Mittel verfolgen, sondern bloß aus Notwehr, zur Verteidigung. Entsprechend ist diese Umbenennung in den USA für die Mainstream-Medien ein gefundenes Fressen: Trump, der brutale möchtegern-Diktator, der rüpelhafte Macho, will Krieg als Methode normalisieren, seine Macht durch Waffengewalt ausweiten.
Es ist erneut diese Vorstellung, dass Worte Wahrheit schaffen; dass, wenn man gewisse Bezeichnungen verwendet, folglich das Verhalten der Menschen und die Realität selbst formen wird. Man kennt es schon vom sogenannten „Gendern“, welches unter der Behauptung kolportiert wird, die verbale Gleichstellung der Geschlechter sei ein notwendiger Schritt, um tatsächliche Gleichheit zu erlangen.
Diese Idee hat gleichwohl einen Bezug zur menschlichen Psyche. So wirkt sich etwa der positive Ansporn auf eine Leistung sicherlich besser aus, als ständige Abwertung. Die Meisten werden durch ein „du schaffst das!“ eher motiviert sein als durch ein „gib auf, du Versager“. Doch diese Wirkung hat nichtsdestotrotz ihre Grenzen, und man fällt sehr schnell in das andere Extrem, nämlich wenn man mit unverdientem Lob und Ruhm zugeschüttet wird, und dies als Anlass sieht, keine weitere Anstrengung zu unternehmen. Und genau hier liegt das Problem solcher euphemistischen Bezeichnungen, wie eben die des Verteidigungsministeriums.
Die andere Seite jener Vorstellung, dass Worte Wahrheit schaffen, ist, dass Worte die Wahrheit ausblenden. Nennt man das Kriegsministerium nunmehr Verteidigungsministerium, verschwindet auch das Bewusstsein darüber, dass es letztlich halt doch dazu da ist, Kriege zu führen. Die Kriege sind dann ja nur „Verteidigung“, also geht es in Ordnung und man muss sich keine Gedanken darüber machen, ob man sich zu sehr in die Kriegslust hineinsteigert. Der Effekt ist also tatsächlich genau das Gegenteil von dem, was man sich erhoffte: da das eigentlich Negative (wenn auch in gewisser Hinsicht Notwendige oder Unvermeidbare) nicht beim Namen genannt wird, breitet es sich viel weiter aus, weil es eben unerkannt bleibt, verborgen hinter den wohltönenden Floskeln.
Gemäß dem klassischen Sender-Empfänger-Modell dient die Sprache als Träger einer Information, welche vom Sender kodifiziert und vom Empfänger dekodiert wird. Hierbei müssen sich Sender und Empfänger zuvor darauf geeinigt haben, was die Kodierung bedeutet. In der Praxis bedeutet das, die Sprache dient vornehmlich zur Beschreibung von Sachverhalten, Objekten, Ideen, usw.; sie ist Konsequenz der Realität und nicht Ursache. Sie könnte gar nicht Ursache sein, weil eine Sprache nur existieren kann, wenn sie in Funktion eines Bedürfnisses zur Kommunikation durch Beschreibung entsteht. Woher soll man sonst wissen, was ein Stuhl ist, wenn man das Wort nicht erst in Funktion eines existierenden Gegenstandes erdenkt?
Diese Art von Euphemismen sind an sich nichts Neues, schon seit eh und je werden zumal beschönigende Begriffe verwendet, vor allem, wenn es sich um ein unangenehmes Konzept handelt: „Behinderter“ statt „Krüppel“, „Seniorenzentrum“ statt „Altersheim“, „Sonderschule“ statt „Idiotenschule“. Was jedoch neu ist, ist die bewusste und zielgerichtete Entfremdung der Sprache, nicht, weil man etwas Unbequemes umschweifen will, sondern weil man durch den Sprachgebrauch eine erwünschte Realität heraufbeschwören will. Postmoderne Wort-Hexerei, sozusagen. Die Sprache ist nicht mehr ein Spiegel der Realität, sondern sie schafft ihre eigene Realität, eine imaginäre Welt, in der Probleme gelöst sind, ohne dass man sie überhaupt angehen müsse.
Diese Flucht vor der Realität zieht sich als abstruse Konstante durch den westlichen Kulturraum und ist inzwischen so verwurzelt, dass ein Zuwiderhandeln, wie mit diesem „Kriegsministerium“, zu einer aggressiven Reaktion führt – eine Reaktion, die voll und ganz darauf besessen ist, was dieses Wort hervorrufen wird, als wäre es ein Zauberspruch von schwarzer statt weißer Magie. Man kann hier in Echtzeit bestaunen, wie ein neuer Aberglaube entstanden ist.
Trumps „Kriegsministerium“ ist ein ikonoklastischer Schock an diesem Aberglauben, der von jedem Erkenntnistheoretiker als frischer Wind der ehrlichen Kommunikation begrüsst werden sollte. Es braucht mehr Wahrheit in der Sprache, auch wenn die Wahrheit zumal unangenehm ist. Es braucht mehr Kriegsministerien. Nicht um mehr Krieg zu führen, sondern weil gerade wenn man den Krieg eben nicht hinter dem banalisierenden Begriff der „Verteidigung“ verstecken kann, man sich eher dafür schämen wird und es sich vielleicht genauer überlegt, bevor man damit anfängt.
A. M. Berger ist schriftsteller. Folgen sie ihm auf Twitter/X!


Genau so ist es
Was für ein intelligenter Kommentar!