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Raus mit Ruhs – Wenigstens auf die Linken ist Verlass

23. September 2025
in 3 min lesen

Seit der letzten Kolumne, in der ich meinen Standpunkt ausführte, dass es im Interesse des rechten Lagers liegt, dass die Woken sowohl zu fanatisch bleiben, um eine Kurskorrektur des Mainstreams hin zur Vorbereitung einer kontrollierten Eingliederung der AfD zuzulassen, als auch mächtig genug, um neokonservativen Medien wie Axel Springer einen solchen Strategiewechsel verbieten zu können, hat sich etwas ereignet, das mich im Hinblick darauf wieder besser schlafen lässt: die Cancelung von Julia Ruhs.

Julia Ruhs machte erstmals 2023 auf sich aufmerksam, und zwar mit einem Kommentar in der „Tagesschau“, in dem sie eine Verschärfung der Migrationspolitik der damaligen Ampelregierung begrüßte und noch drastischere Maßnahmen forderte. Im Frühling des laufenden Jahres bekam sie mit „Klar“ dann eine eigene Sendung. Nach Versöhnung lechzende Halbrechte bekamen vorzeitig ihren Eisprung, andere witterten das, was die Öffentlich-Rechtlichen gerade während des inzwischen seit Jahren andauernden Sinkflugs des Ansehens ihrer woken Weltanschauung sowie ihrer Glaubwürdigkeit so nötig hatten wie nie zuvor: ein Feigenblatt.

Was das ist, bringt sie selbst in einem Artikel für den „Focus“, der ihr Format im Nachgang ihrer Absetzung beim NDR rechtfertigen sollte, ziemlich prägnant auf den Punkt:

„Ich war deshalb so überzeugt von ‚Klar‘, weil für mich (…) immer offensichtlicher wurde: Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen will, braucht es eine neue Idee.

Die Sender können noch und nöcher (…) von Meinungsvielfalt reden. Mit Verlaub: Das ändert am Ruf des ÖRR gar nichts. Wir Reporter würden auf der Straße immer noch angefeindet.

Ich könnte mir im Bekanntenkreis immer noch anhören, wie linksversifft oder Mainstream wir seien, dass sie keinen Bock hätten, für so etwas Zwangsgebühren zu zahlen. Es musste also endlich etwas geschehen!“

Sie war also mitnichten davon überzeugt, dass es ein tatsächlich wirkmächtiges Gegengewicht zu schätzungsweise 70 woken Politformaten im ÖR-Fernsehen geben müsse, um auch Mainstream-Zuschauern ein realistischeres Bild von den Zuständen in diesem Land zu vermitteln. Wovon sie überzeugt war, das war das Aufpolieren des Rufes ihres Arbeitgebers und der alternativen Medienkonkurrenz die Luft rauszulassen. Das Diabolische daran ist: Ein einziges liberalkonservatives Format kann mit dieser Zielsetzung tatsächlich immense Wirkung entfalten. „Der ÖRR? Den ÖRR gibt es nicht, die haben doch auch Formate wie ‚Klar‘!“

Dass sie besagte alternative Medienlandschaft als feindlich betrachtet, breitete sie in einer neuen Folge des „Ungeskriptet“-Podcasts recht unverblümt aus: Als Ben, der Host der Show, sich eingangs selbst als alternatives Medium einstufte, sprach sie ihn mit einer Gönnerhaftigkeit davon frei, die suggerierte, es handle sich bei der Bezeichnung um ein vernichtendes Urteil.

Was folgte war eine (wie sie betonte „medienwissenschaftliche“) Feinddefinition, die sie auf „kämpferisches Rumhacken auf den Etablierten, Aktivismus mit journalistischem Anstrich und Vorgaukeln, man hätte die Wahrheit“ herunterkochte. Merkmale also, die ihr eigener Arbeitgeber (im Falle des ersten Punktes mit umgekehrter Schlagrichtung) die vergangenen Jahre drastischer und folgenschwerer zur Schau gestellt hat, als man das von der populistischsten Pöbelseite auf Facebook behaupten könnte. Mit ihrem Format wolle sie „Leute, die der ÖRR schon lange verloren hat, wieder zurückholen.

Alles, was diese Frau jemals in unsere Richtung gesagt hat, läuft darauf hinaus, dass sie dazu beitragen will, uns in die Irrelevanz zu drängen: Unser Publikum (beziehungsweise realistischer wohl vor allem zukünftiges Zuschauerpotenzial) mit einem dem System ungefährlichen Substitut ruhigstellen und nach Jahrzehnten grotesker Lügen, Dämonisierung der rechten Szene und Glorifizierung linksextremer Gewalt seitens ihres Arbeitgebers dessen Ansehen aus dem Morast ziehen, indem sie ohnehin kaum mehr Abstreitbares in Themenfeldern wie Migration anerkennt. Leute wie sie gehören zu den gefährlichsten Gegnern, die wir überhaupt haben.

Und auf wen war mal wieder Verlass, während Teile der Gegenöffentlichkeit diese Angriffe auf ihre eigene Monopolstellung in Sachen Auffangen vom Mainstream Abgeschreckter bejubelten? Auf Reschke und Böhmermann, die Ruhs’ Sendung „Rechtsextremismus“ und „Faschismus“ unterstellten. Auf 250 NDR-Mitarbeiter, die sich anlässlich der Pilotfolge in einer geheimen Signal-Chatgruppe namens „Unklar“ gegen sie verschworen und einen Protestbrief unterzeichneten. Und auf die NDR-Führung, die schließlich vor dem Sturmlaufen der eigenen Angestelltenbasis einknickte und sie samt ihrer Redaktion absetzte.

Das Format wird nun gespalten: Bei den vom BR produzierten Folgen behält Ruhs die Moderation. Die undankbare Aufgabe, liberalkonservativen Grillboomern aus der Seele zu reden, ohne Anja Reschkes Zorn auf sich zu ziehen, fällt beim NDR künftig Tanit Koch, der Ex-Chefredakteurin von Bild und RTL, in den Schoß. Bei der Bundestagswahl 2021 leitete sie Laschets Wahlkampfteam, mit heiklen Situationen sollte sie nach dessen Ahrtal-Lachanfall also schon etwas Erfahrung gesammelt haben.

Regel Nummer vier aus Saul Alinskys „Rules For Radicals“ lautet: „Zwinge den Gegner dazu, sich an sein eigenes Regelwerk zu halten“ – am besten sklavisch und an eine maximal puritanische Auslegung dessen. Verringere also seinen Handlungsspielraum, mache ihn unflexibel und unfähig, wenn nötig einen taktischen Rückzug anzutreten. Julia Ruhs’ Format stellte einen solchen taktischen Rückzug dar. Und der Typus Böhmermann/Reschke, der jeden freiwillig aufgegebenen Millimeter als Vorstufe zum Faschismus wertet, forciert ein solches Zusammenschrumpfen des feindlichen Handlungsspielraums effektiver, als wir das von außen je könnten.

7 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Eine vergleichbare Rolle würde ich Nius und Reichelt, trotz einiger guter Aktionen, wie etwa die Brosius-Gersdorf-Geschichte, ebenfalls unterstellen. Manchmal irritieren mich zwar ein wenig die Anklagen und Prozesse, die das Format zu bewältigen hat, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass das zum perfekten Bild gehört und die Kosten dafür klammheimlich von den Zwangsgebühren bestritten werden. Ich kann auch einfach nur ein Neurotiker sein und überall Verrat wittern, aber wie Reichelt damals bei der Bild war, kann ich einfach nicht mit dem jetzigen Reichelt übereinander bringen. Leider ist der Mann wirklich gut, er versteht was von seinem Fach und deshalb halte ich ihn für gefährlicher als die kackdummen Brüllaffen, die nicht mehr als Nazi-Getröte auf der Kette haben.

    • Im Gegensatz zu Julia Ruhs haben Julian Reichelt und sein millionenschwerer Finanzier allerdings eine politische Agenda, die erkennbar ist: einen Politikwechsel mit einer konservativeren CDU und – weil das allein nicht reicht – mit einer gefälligeren AfD als Juniorpartner. Je mehr die Union hier bislang enttäuscht hat, desto wohlwollender wurde Reichelt gegenüber der AfD, die voraussichtlich irgendwann mal gebraucht wird.

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