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Terroranschlag von Magdeburg – Die Justiz laviert beim Motiv

14. Oktober 2025
in 3 min lesen

Wie der Generalbundesanwalt kürzlich festgestellt hat, gab es vergangenes Jahr überhaupt keinen Terroranschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt. Es gab lediglich einen diffusen Gewaltakt „ohne politischen Hintergrund“, der „aus persönlicher Enttäuschung, Unzufriedenheit, Frustration und narzisstischer Kränkung heraus geschah.

Zwar habe Taleb al-Abdulmohsen, der am 20. Dezember 2024 in den speziell für Kinder gedachten Märchenwald des Weihnachtsmarktes raste und dabei sechs Deutsche tötete, „durchaus Drohungen gegen die deutsche Bevölkerung und den deutschen Staat ausgesprochen. Diese seien laut den Behörden „aber nicht als politisch motiviert, sondern Ausdruck einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur zu werten. Motiv des Anschlags war es, so machte Taleb A. in einer Vielzahl von Social-Media-Posts vorab deutlich, die Deutschen für den mangelnden Import sowie eine schlechte Behandlung saudi-arabischer Asylbewerber zu bestrafen.

Der gespiegelte Fall sähe also so aus, dass ein Deutscher sich durch die disproportionale Verwendung seiner Sozialabgaben für die Alimentierung von Migranten sowie deren höhere Kriminalität rächen wollte, indem er ein Auto gezielt in eine migrantische Menschenmenge fährt – etwa vor einem Asylheim oder einer Moschee nach dem Freitagsgebet. Hier würde das Thema Migration als Motiv natürlich als inhärent politisch gewertet, anstatt wortreich die Gefühlslage des Täters auszubreiten. Dass psychische Störungen keine Rolle spielen würden, ist spätestens seit Hanau Gewissheit.

Tobias Rathjen, der dort im Februar 2020 zwei Shishabars zusammenschoss, tat dies laut Manifest, um Aufmerksamkeit auf einen Gedankengeheimdienst zu lenken, der ihm von Geburt an Ideen aus seinen Träumen, Gesprächen und Überlegungen stehle. Etwa die Aufstellung der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2006 oder der zweite Teil von „Basic Instinct“ seien so zustande gekommen, aber auch weltpolitische Ereignisse würden nach dem Vorbild magisch aus seinem Kopf entwendeter Einfälle gesteuert. Eine Umnachtung also, die narzisstische Tendenzen vom Schweregrad her um Größenordnungen übersteigt.

Hinzu kommt, dass es starke Indizien dafür gibt, dass er die nur beiläufig im Bekennerschreiben erwähnte rassistische Motivation für die Auswahl seiner Ziele fingierte, um maximale Aufmerksamkeit auf seine Tat und damit besagte Geheimorganisation zu lenken. Die Besessenheit der Medien von Ausländerfeindlichkeit sollte dafür als Sprungbrett dienen. Zu diesem Schluss kam auch das BKA in einem vorab von der Presse geleakten Abschlussbericht.

Man stützte sich darauf, dass den Behörden eine ansonsten wortgleiche Version des Manifestes vorlag, in dem die Passage darüber, welche Völker alle vom Erdball verschwinden sollten, fehlte – sie war erst kurz vor der Tat eingefügt worden. Im Zusammenspiel damit, dass er in einem migrantisch geprägten Fußballclub spielte, mit einem schwarzen Nachbarn Freundschaft pflegte und seinem Umfeld nie eine abschätzige Äußerung über Migranten von ihm zu Ohren gekommen war, hielt man also fest: Die plausibelste Erklärung für diese kurzfristige Ergänzung lag in dem Kalkül, die mediale Reichweite des Falls zu erhöhen.

Mit der vorzeitigen Veröffentlichung dieses Berichts verfolgte die Presse das Ziel, Druck zu erzeugen, damit das BKA seine Bewertung aus politischen Gründen änderte und somit kein Fragezeichen hinter der rechtsextremen Motivlage zurückbliebe – was die Behörde auch tat. Im allgemeinen Bewusstsein gilt der Amoklauf nun als Paradebeispiel für den Rechtsextremismus als größte Gefahr Deutschlands; kaum eine öffentlich-rechtliche Doku über AfD und Vorfeld kommt ohne eine Rückblende zu ihm aus.

In Magdeburg wiederum beruft man sich auf psychische Instabilität – wie sie bei annähernd jedem politisch motivierten Massenmörder gegeben sein wird – und betreibt Wortklauberei, um den Anschlag rückwirkend ungeschehen zu machen. „Unzufriedenheit, Frustration, Kränkung“: Man rückt Gefühle in den Vorder- und das, woraus sie sich (wie der Täter selbst klar ausformulierte) speisten, in den Hintergrund. Ähnlich könnte man auch Christchurch entpolitisieren und Brenton Tarrant vermenschlichen: War er wirklich „getrieben von rassistischem Hass“, oder war er nicht vielleicht doch eher „enttäuscht und frustriert“ davon, wie Einheimische in puncto Migrations- und Sozialpolitik aus seiner Sicht auf der Strecke blieben? War der Mörder von Walter Lübcke von extremistischem Zorn geleitet oder lediglich von dessen Aufforderung an Gegner der Einwanderungspolitik, sie sollten Deutschland doch einfach verlassen, „gekränkt“? Es ist rhetorische Kosmetik.

Psychische Erkrankung spielt für die Wertung einer Tat als politisch oder unpolitisch nur dann eine Rolle, wenn sie die Motivlage ändert, wie es in Hanau der Fall war. Sein gedankenstehlender und konkret auf ihn persönlich zugeschnittener Geheimdienst entsprang den Ideen keiner relevanten politischen Strömung, sondern paranoider Schizophrenie. Verstärkt eine Geisteskrankheit aber lediglich das Hineinsteigern in eine tatsächliche Ideologie und senkt sie die Hemmschwelle, auf der Grundlage dieser eine Bluttat zu verüben, bleibt die Tat trotzdem politisch motiviert.

Dieses Prinzip aufzuweichen und stattdessen je nach Schweregrad des Dachschadens im Einzelfall zu entscheiden, ob der Stempel „politisch“ draufkommt, öffnet gezielter Beeinflussung der Öffentlichkeit Tür und Tor, und das ist der Zweck des Ganzen. Passt die Tat nicht ins Narrativ, war sie nicht politisch und ist ergo „nicht so wirklich geschehen“. Ein Trick, der bei Messermassakern wie 2021 in Würzburg ja inzwischen gängig ist. Dort schrie der Somalier bei der Tat „Allahu akbar“, verkündete im Anschluss stolz, „seinen persönlichen Dschihad verwirklicht“ zu haben, man fand ISIS-Propagandamaterial bei ihm, aber: psychischer Knacks, unpolitisch.

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  1. Wie die Presse Druck auf das BKA ausübt, in dem es dessen Berichte – in denen steht, dass die rechtsextremen Stellen erst später Eingang fanden – veröffentlicht, lässt bei mir ein Fragezeichen zurück.

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