In diesem Jahr jรคhrte sich der 125. Todestag eines der grรถรten deutschen Denker. Am 25. August 1900 starb Friedrich Wilhelm Nietzsche in Weimar. Kein Nietzsche-Jahr wurde ausgerufen. Zwar wurde sein literarischer Nachlass im April ins UNESCO-Weltdokumenterbe aufgenommen, doch der groรe Denker wurde auf groรer Bรผhne so gut wie gar nicht gewรผrdigt.
125 Jahre nach seinem Tod bleibt der Philosoph eine der kontroversesten und zugleich missverstandensten Figuren der Geistesgeschichte. Seine radikalen Gedanken รผber Moral, Macht und menschliche Grรถรe fordern uns heraus, รผber unsere Zeit nachzudenken. Doch wie wรผrde Nietzsche selbst im Lichte seiner Ansรคtze die heutige Welt sehen?
Seine berรผhmte Kritik der โSklavenmoral“, die allzu oft bewusst missinterpretiert wurde, zielte auf eine Umkehrung der Werte, die er im Christentum und in demokratischen Gleichheitsidealen erkannte. Die Starken, so seine provokante These, wรผrden durch moralische Systeme gezรคhmt, die Schwรคche zu einer Tugend erklรคrten: Mitleid, Demut, Gleichheit. In unserer Gegenwart hรคtte Nietzsche vermutlich einen Triumph dieser โSklavenmoral“ diagnostiziert. Die westlichen Gesellschaften haben eine Kultur der Viktimisierung geschaffen, in der Schwรคche belohnt und Stรคrke verdรคchtig gemacht wird. Leistung gilt als Privileg, Durchsetzungskraft als toxisch, Wettbewerb als ungerecht. Die egalitรคren Ideologien, die Nietzsche bereits in seiner Zeit bekรคmpfte, haben sich zu einem moralischen Absolutismus entwickelt, der jede Hierarchie, jede Exzellenz, jede natรผrliche Ungleichheit als ungerecht brandmarkt.
Nietzsches Konzept der โblonden Bestie“ โ mindestens genauso oft missverstanden als rassistische Metapher โ meinte ursprรผnglich das ungezรคhmte, vormoralische Raubtier im Menschen, gleich welcher Herkunft. Es symbolisierte rohe Lebenskraft jenseits moralischer Fesseln. Der moderne Mensch aber ist domestiziert bis zur Selbstverleugnung. Regulierungen durchdringen jeden Lebensbereich, die Risikobereitschaft ist geschwunden, der Wille zur Macht wurde ersetzt durch den Wunsch nach Sicherheit, Komfort und mรถglichst unauffรคlligem Verhalten im โbesten Deutschland aller Zeiten“. Die vitalen Krรคfte, die Kulturen einst groร machten โ Wagemut, Eroberungsgeist, das Streben nach รberlegenheit โ gelten heute als gefรคhrlich oder gar verwerflich. Was bleibt, ist ein zahmer, risikoaverser Konsument, der sein Leben zwischen Vorschriften und Verboten einrichtet.
Der รbermensch schlieรlich, Nietzsches Ideal des Menschen, der sich selbst รผberwindet und eigene Werte schafft, erscheint in unserer Zeit als ferne Utopie. Statt eigenstรคndiger Wertsetzung herrscht moralischer Konformismus wie in dunkelsten, totalitรคren Zeiten. Die vermeintliche Masse bestimmt durch soziale Medien und รถffentliche รchtung, was denk- und sagbar ist. Der Einzelne fรผgt sich ein, statt sich zu erheben. Nietzsches Vision eines Menschen, der ohne metaphysische Stรผtzen leben und sich selbst zum Maรstab nehmen kann, bleibt unerfรผllt. Stattdessen haben neue Dogmen die alten ersetzt: politische Korrektheit statt religiรถser Gebote, identitรคtspolitische Dogmen statt christlicher Moral โ die Struktur der Unterwerfung bleibt dieselbe.
Die dunkelste Ironie in Nietzsches Rezeptionsgeschichte bleibt seine Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus. Seine Schwester Elisabeth, antisemitisch und vรถlkisch gesinnt, verfรคlschte seinen Nachlass und stellte den Philosophen des Individuums in den Dienst eines Kollektivs. Dabei war Nietzsches Denken zutiefst anti-kollektivistisch: Der รbermensch ist eine einzelne Persรถnlichkeit, keine Rasse oder Nation. Nietzsches Verachtung galt dem Herdentrieb, der Masse, dem Mitlaufen seiner Zeit. Seine Philosophie war ein Ruf zur individuellen Verantwortung und Selbsterschaffung โ das genaue Gegenteil totalitรคrer Gleichschaltung jeder Form. Die Nationalsozialisten missbrauchten seine Begriffe fรผr ihre Rassenideologie, wรคhrend sie das Wesentliche ignorierten: die Feier des Einzelnen gegen jede Form von Massenideologie.
Nietzsche hatte eine ausgeprรคgte Aversion gegen das Mitmachen und forderte eine ins literarische Extrem รผberhรถhte Entwicklung des Individuums. Seine radikale Aufgeklรคrtheit setzte sich vor allem zum Ziel, alte und fรผr die Welt des 19. Jahrhunderts offenbar nicht mehr wirksame religiรถse Dogmen infrage zu stellen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass er als radikaler Aufklรคrer im Grunde dazu beitrug, dass die Aufklรคrung als geistesgesellschaftliche Strรถmung sich ihrem Abgesang nรคherte. Das Abschaffen der alten Werte, der Moralvorstellungen des mittelalterlichen und frรผhneuzeitlichen Christentums, fรผhrte schlieรlich dazu, dass die Menschen ein Vakuum in ihren Seelen entwickelten, welches seit dem 20. Jahrhundert mit immer wechselnden Ideologien angefรผllt wird. Diese Ideologien haben sich stets in zerstรถrerische und anti-aufgeklรคrte Sphรคren aufgeschwungen โ nicht durch die โblonde Bestie“, sondern durch eine fanatische Steigerung des Extremismus, durch den uns die โSklavenmoral“ wรถlfisch anblickt.
125 Jahre nach seinem Tod zeigt sich: Die Welt, die Nietzsche fรผrchtete โ eine Welt des โletzten Menschen“, der nur noch Behaglichkeit sucht und in der Masse untergeht โ, ist weitgehend Wirklichkeit geworden. Er wรคre definitiv enttรคuscht von der heutigen Welt, von den neuen Dogmen des Wokismus und des Klimawahns, von der gleichzeitig herrschenden Gleichmacherei, welche die politischen und medialen Eliten mehr oder weniger gewaltsam durchzusetzen versuchen. Es ist dies die Quintessenz des groรen Denkers: dass sich das Individuum nur zu wirklicher Bedeutung entwickeln kann, wo es frei ist von staatlichem Totalitarismus und kleingeistigen Ideologien. Dies wรคre durchaus ein Anlass gewesen, den Naumburger Aufklรคrer gebรผhrend zu feiern. Dies wรผrde aber wohl kaum zum Deutschland des Jahres 2025 passen.


Friedrich Nietzsche eignet sich auch heute noch zur persรถnlichen Selbstreflexion (auch wenn das viele Pathos die Lektรผre anstrengend machen kann). Als Vorbild fรผr ein Gesellschaftsmodell scheint er mir weniger geeignet, weil das irgendwo zwischen Oligarchie und Recht des Stรคrkeren enden wรผrde. Dass gerade viele Rechte sich von Nietzsche angezogen fรผhlen, liegt wohl daran, dass sie sich auf dem Weg zum รbermenschen schon weit gekommen wรคhnen. Eine Selbstwahrnehmung, die mรถglicherweise noch keinem Realitรคtscheck unterzogen wurde.
Auf einer Schwundstufe findet sich Nietzscheanisches noch bei manchen Libertรคren. Dort sind als gute Startvoraussetzungen meist Ausbildung, Vermรถgen und Vernetzung vorhanden, so dass man sich durchaus in herausgehobener Ausnahmestellung sieht, deren Verdienstmรถglichkeiten und Selbstverwirklichung nicht eingeschrรคnkt sein sollte.
Nietzsche regt zur Selbstkritik an und gilt zu Recht als hervorragender Psychologe unter den Philosophen.
…dem schlieรe ich mich an,,,
Die fรผr ein Kind der Aufklรคrung unangenehmen Wahrheiten Nietzsches kommen hier zu kurz. Nietzsche war auch Anti-Aufklรคrer, da er die Sinne hรถher setzte als die Vernunft.
Auch unangenehm: Nietzsche sah den Wert zwar nicht in Kollektiven aber auch nur in wenigen Individuen, nicht im Massenmensch. In ihrem Essay soll „das Individuum“ befreit werden, doch mit dieser Freiheit kann der Pรถbel gar nichts anfangen.
„Zu wirklicher Bedeutung“ zu kommen, ist fรผr den รbermensch nicht nur in Freiheit und Zwanglosigkeit mรถglich, sondern wird vor allem durch einen Kampf bedingt, also gerade in Situationen des Zwanges, deren Spannungen Wachstum und Wandel ermรถglichen.
Ich denke nicht, dass Nietzsche sich fรผrchtete, noch wรคre er enttรคuscht, denn sein radikales intellektuelles Gewissen lieร keine Illusionen รผber den Menschen zu.
Ist Tony Blair ein รbermensch?
Danke fรผr diese Perspektive; er wรคre wohl tatsรคchlich illosionslos. Letztendlich zeigt mir persรถnlich der alte Nietzsche die eigene Zerrissenheit, beispielsweise zwischen Freiheit und der Verkรผndung des Christentum, welchem ich mich ebenfalls sehr nahe fรผhle.
Ein schlechter Pfaffensohn, der genau wie Marx das Gegenteil dessen tat, was seine Vorfahren taten.Galt vielleicht fรผr Freud auch? Die drei Verbrecher der dt. Geistesgeschichte.