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Ressortleiterin der „Welt“ will Kritik an Ukraine staatlich verfolgen

6. Januar 2026
in 3 min lesen

Seit einigen Monaten versuche ich, eine neue Gegnerpriorisierung in das dissident rechte Lager zu tragen. Meine These: Der Einfluss der Woken schwindet trotz fortwährender institutioneller Macht rapide, insofern wird die heiße Suppe mehr und mehr beim Ringen darum gekocht, wo die Reise stattdessen hingehen soll.

Viele Rechte betrachten den Neocon-Mainstream als geschmacklose Eiscreme, die sich von ihrem Gegenpart in einer Koalition inhaltlich formen lässt. Insofern sei der Sturz der Brandmauer das nächste Ziel, um anstelle der Woken zur geschmacksgebenden Soße darauf zu werden. Innenpolitisch seien sie von klassisch-liberalen Grundsätzen wie der Freiheit des Wortes, der Assoziation und des Marktes geprägt. Dementsprechend vereinbar wähnt man die wenigen Werte, die sie dogmatisch hochhalten, mit rechten Kernanliegen wie Remigration, wenn man sie nur ermuntern könnte, unterm linken Stiefel hervorzukriechen.

Meine Gegenthese: Die Mainstream-Liberalen haben einen übergeordneten Freiheitsbegriff, welcher mit dem der Woken annähernd deckungsgleich ist, aber auf weniger geisteskranker Flamme brennt und sich chauvinistisch anstatt masochistisch ausdrückt. Woke: „Wir sind so furchtbar, weil wir völkisches Denken, Geschlechterrollen und Sexualmoral nicht ausreichend überwunden haben.“ Mainstream-liberal: „Wir sind großartig, weil wir all das mehr überwunden haben als der Rest der Welt, und sollten diesen daher nach unserem Ebenbild formen, also befreien.“

Zur Bekämpfung einer Gefahr für die Vollstreckung und globale Ausbreitung dieses Freiheitsverständnisses sind sie bereit, harte Dinge zu tun – Dinge, die allen klassisch-liberalen Grundfreiheiten ins Gesicht spucken. Das zu verstehen ist strategisch wichtig, denn bei Eintritt in ein Bündnis mit ihnen unter ungefährer Kräftegleichheit an der Wahlurne werden wir feststellen, dass sie bereit sind, alle Machtmittel auszuspielen, auf die sie Zugriff haben, um uns zu spalten, unsere grundsätzlicher denkenden Teile autoritär zu bekämpfen und was übrig bleibt zurechtzubiegen. Weil sie eben doch an etwas glauben.

Für einen wichtigen Aspekt dieser These lieferte die Ressortchefin Außenpolitik der „Welt“ soeben einen Paradebeleg: Ihr oberster Freiheitsbegriff hat nichts mit Redefreiheit zu tun. Sie fordert, die „Verbreitung russischer Narrative“ unter Strafe zu stellen, nach Vorbild der EU-Sanktionen gegen den Schweizer Autor und Oberst a.D. Jacques Baud. Die Begründung, er fungiere „als Sprachrohr prorussischer Narrative, nickt sie ab und setzt solche mit Falschinformationen gleich, deren Verbreitung keinen verfassungsmäßigen Schutz genieße.

Natürlich enthält die Propaganda jeder Konfliktpartei in einem seit Jahrzehnten köchelnden geopolitischen Zwist wahre Elemente, die von der Gegenseite ausgeblendet werden. Die Außen-Chefin der „Welt“ wirbt also für autoritäres Niederschlagen der Verbreitung von Wahrheiten, die dem Kreml besser in den Kram passen als Brüssel.

Ihre Beispiele für solche „Falschaussagen“:

„Man stellt sich förmlich vor, wie (Putin) sich die Hände reibt, weil so viele Europäer seine wahrheitswidrigen Narrative verbreiten und glauben: (…) Dass Kiew den Krieg provoziert hätte.“

Hier haben wir es nicht einmal mit einer Faktenbehauptung zu tun, sondern mit einer Wertung. Welche – man betrachte etwa das Verbot der russischen Sprache in den meisten Bereichen des öffentlichen Lebens, welches offen auf die kulturelle Entrussifizierung des größtenteils von russischen Muttersprachlern bevölkerten Donbass abzielte – debattierbarerweise zutreffender ist als die Gegenbehauptung.

Nach einer scheinheiligen Passage darüber, dass wir deshalb dringend „eine Debatte darüber führen“ müssten, ob und wie man gegen derlei staatlich vorgehen sollte, fällt sie das Urteil:

„Am Ende muss die Antwort eines überzeugten Demokraten diese sein: Die Meinungen sind frei. Doch die Fakten sind es nicht: Russland hat die Ukraine überfallen. Putin will keinen Frieden. Es gibt kein Recht darauf, gefährlichen Unsinn zu verbreiten.

Auch das geistige Innenleben von Staatsoberhäuptern sollte also dem Urteil eines EU-Wahrheitsministeriums obliegen.

Es gibt einen Wert, den sie ebenfalls als Freiheit beschreiben würde, der schwerer wiegt, als über unsere Politik maßgeblich betreffende Ereignisse auch nur andere Wertungen abgeben zu dürfen als der Mainstream. Meine Frage an diejenigen, die meine ideologische Einordnung der Westextremen als chauvinistischer Flügel des progressiven Entwurzelungsprojektes zurückweisen, ist also: Welcher ist das? Was wird da in der Ukraine verteidigt oder durchgesetzt, das die „Liberalen“ davon träumen lässt, „1984“ nachzuspielen, um die Allgemeinheit auf Linie zu halten?

Noch darüber hinaus: Dieselben Leute, die ihrerseits „1984“ schreien, sobald die deutsche Geburtenarmut ohne jedwede Forderung nach autoritären Korrekturmaßnahmen als Problem thematisiert wird, schauen sich jetzt seit Jahren Videos an, auf denen Männer ihren heulenden Familien aus den Armen gerissen und gegen ihren Willen in den Tod geschleift werden, und erklären währenddessen den schüchternsten Verhandlungs-Befürworter zum Handlanger Putins.

Selbst mit dem Machtwechsel in Washington und der Kehrtwende Amerikas in dieser Frage änderte sich daran wenig, bis die Realitäten auf dem Schlachtfeld so einseitig wurden, dass ein positiver Kriegsausgang nicht mehr bloß unwahrscheinlich, sondern unmöglich erschien. Vasallentum den Staaten gegenüber kann also auch nicht der (alleinige) Grund sein.

Bezüglich was sind sie derart fanatisiert? Der „Verteidigung unserer Freiheit“? Welcher, während sie Beamtenstiefel in deiner Tür fordern, wenn du den Krieg „provoziert“ nennst? Was ist ihr übergeordneter Freiheitsbegriff, der alles aushebelt, das ein normaler Mensch so nennen würde? Ich bin für Gegenvorschläge zu meinem Konzept offen. Ich habe nur noch nie einen gehört.

4 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Interessante Frage. Ich denke, es geht nicht um „Freiheit“ oder „Werte“, sondern um Interessen (hat schon Egon Bahr betont), die natürlich nicht öffentlich benannt werden.

    Da gibts die harten finanziellen Interessen an Rüstung und Wiederaufbau, geopolitische an der Eindämmung Russlands und Spaltung des eurasischen Raums und machtpolitische an der weiteren Kompetenzverlagerung auf zentralistische EU-Institutionen.

    Dann gibt’s noch die weichen Interessen ideologischer Art, getrieben durch eine Moralpolitik, für die keine Selbstopferung zu schade wäre. Hierfür anfällig sind die meisten Medienschaffenden und -Konsumenten und die Wald-und-Wiesen-Politiker, die von der „öffentlichen Meinung“ getrieben werden. Diese Klientel singt und hört dann auch ständig das Lied von der Freiheit.

  2. Ich würde hier alles soweit unterschreiben; aber grundsätzlich irgend ein Stuss, egal wie totalitär-diktatorisch, der von irgendwelchen Andersbegabten geäußert wird, nicht beachten. Hier wird gut, intellektuell sich mit Dingen auseinandergesetzt, welche nach meiner Meinung das Niveau einer Amöbe nicht erreichen, nämlich einfach still zu sein wenn Intelligenz nicht vorhanden ist. „Didi“ H. hat sich mit „doof bleibt doof, da helfen keine Pillen“ kürzer gehalten. Trotzdem danke für den reflektierten Artikel sowie Kommantar dazu!

  3. Man sollte jegliche und insbesondere auch die propagandistische Unterstützung der Ukraine verbieten, denn die Ukraine hat 2003 als Teil der damaligen „Koalition der Willigen“ zusammen mit Dänemark, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechei, USA und anderen Aggressoren den Irak überfallen und okkupiert!

  4. Im Wertloswesten nichts Neues.
    Statt Plastikkonsumquatschexzessen ist dann halt mal wieder Krieg, und mittlerweile darf auch die besatzte Buntesreplik ein klein wenig mitspielen. Sind ja nicht unsere Leben die dafür draufgehen, die Kasse klingelt trotzdem anderswo.

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