Es hรคtte so vielversprechend beginnen kรถnnen. Als Friedrich Merz in den Bundestagswahlkampf zog, erweckte er bei vielen den Eindruck, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben und tatsรคchlich fรผr einen Politikwechsel zu stehen. Vollmundig kรผndigte er an, dass โLinks vorbei sei“, er die deutschen Bundesgrenzen per Richtlinienkompetenz des Kanzlers am ersten Amtstag fรผr illegale Zuwanderung schlieรen und keine neuen Schulden aufnehmen wรผrde. Mancher Wรคhler, der noch einen Restglauben an den konservativen Kern der sogenannten โChristlichen Union“ hegte, lieร sich tatsรคchlich dazu bewegen, nach der desastrรถsen Ampelregierung sein Kreuz bei der CDU und Friedrich Merz zu setzen. Der Deutsche vergisst schnell โ offenbar hatte die Mehrheit bereits verdrรคngt, dass viele fatale Entscheidungen der letzten Dekaden von einer CDU-Kanzlerin getroffen wurden.
Frei nach dem Bonmot Franz Mรผnteferings, wonach es unfair sei, Politiker an ihren Wahlversprechen zu messen, folgte nach der Wahl rasch die Ernรผchterung: Rekordschulden wurden aufgenommen, von einer Kehrtwende in der Asylpolitik ist weit und breit nichts zu sehen, und Friedrich Merz ist nicht nur โKanzler zweiter Wahl“, sondern vielmehr โKanzler von SPD-Gnaden“. Die angekรผndigte Zeitenwende entpuppte sich als Worthรผlse.
Gelegentlich setzt der Kanzler einen Blinker nach rechts โ wie mit seiner โStadtbild“-Aussage โ, nur um dann, sobald sich der Koalitionspartner empรถrt, schnell wieder auf Linie einzuschwenken. Diese Politik der symbolischen Gesten ohne substanzielle Konsequenzen ist zum Markenzeichen der Merz-Regierung geworden. Man bedient verbal das konservative Lager, wรคhrend die tatsรคchliche Politik den Kurs der Vorgรคngerregierungen fortsetzt und teilweise verschlimmert.
Der Bundeskanzler, der vermutlich als einer der unbeliebtesten Regenten der Bundesrepublik in die Geschichte eingehen wird, รคuรerte sich nicht zum linksradikalen Terroranschlag in Berlin, der Zehntausende Menschen tagelang ohne Licht und Wรคrme lieร. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Mann entweder keine oder ausschlieรlich ihm schlechtgesinnte Berater um sich hat. Einerseits sรคmtliche konservative Wahlversprechen brechen, andererseits immer wieder die Bevรถlkerung indirekt fรผr die Zustรคnde im Land in die Verantwortung nehmen โ eine fatale Kombination.
Kรผrzlich lieร der Bundeskanzler verlauten, die Deutschen seien mit durchschnittlich 14,8 Krankheitstagen im Jahr schlicht zu oft krank. Ein weiteres PR-Fiasko fรผr den Millionรคr an der Spitze der Nation, das erneut das lรคcherliche Narrativ bedient, der deutsche Staat verfรผge รผber zu wenig Geld โ und das, obwohl die Steuereinnahmen Rekordniveau erreichen. Dass der Hase tatsรคchlich ganz woanders im Pfeffer liegt, nรคmlich bei einem Ausgaben- statt einem Einnahmenproblem, will selbst der selbsternannte Wirtschaftsexperte Merz nicht รถffentlich kommunizieren.
Wer im Privatjet zwischen Terminen pendelt, kann offenbar nicht nachvollziehen, unter welchem Druck viele Arbeitnehmer und -geber in Deutschland stehen. Die medizinische Versorgung hat sich verschlechtert, Arzttermine sind Mangelware, und viele gehen krank zur Arbeit aus Angst um ihren Arbeitsplatz.
Da passen Meldungen wie die, dass Deutschland jรคhrlich mehr als eine halbe Milliarde Euro an Kindergeldleistungen ins Ausland รผberweist, nicht ins von der Regierung propagierte Gesamtbild. Wie soll man die Deutschen in die Pflicht nehmen, doch gefรคlligst mehr zu arbeiten โ obwohl die Mehrheit der Deutschen auch erkrankt zur Arbeit erscheint โ, wenn man gleichzeitig Unsummen des von den Bรผrgern erwirtschafteten Geldes ohne Gegenleistung an Menschen im Ausland รผberweist?
Dass ebenfalls mehr als die Hรคlfte der Bรผrgergeldempfรคnger keinen deutschen Pass besitzt, gehรถrt in denselben Kontext. Deutschland zahlt. Der naive Deutsche geht brav arbeiten, um im Zweifel diejenigen mitzufinanzieren, die seine Tรถchter in Fuรgรคngerzonen belรคstigen, wรคhrend er seiner Arbeit nachgeht. Und der Bundeskanzler mahnt die Arbeitnehmer, gefรคlligst produktiver und weniger krank zu sein. Mit groรen Schritten eilen wir einer gesellschaftlichen Dystopie entgegen.
Man hat bei Herrn Merz hรคufig den Eindruck, dass er vรถllig vergessen hat, dass er kein Monarch von irgendjemandem Gnaden ist, sondern gewรคhlter Vertreter der Wรคhler โ das Volk ist der Souverรคn, zumindest in der Theorie. Friedrich Merz reiht sich ein in eine politische Kaste, die den Bezug zur Realitรคt und zu den Lebensumstรคnden in Deutschland offenbar vรถllig verloren hat. Steuern und Sozialabgaben auf einem Niveau wie in kaum einem anderen Land, politisches Versagen, Zusammenbruch der Infrastruktur, Abwanderung von Leistungstrรคgern und Arbeitgebern, Hรถchstpreise fรผr Benzin, Wรคrme und Strom โ all das wird den Deutschen zugemutet.
Hinzu kommen Terroranschlรคge, die mรถglichst gar nicht mehr kommuniziert werden sollen, wรคhrend gleichzeitig kleinste Bagatellvorfรคlle skandalisiert werden, sofern sie sich als vermeintliche Rechtfertigung fรผr den โKampf gegen Rechts“ eignen. Und dann muss man sich von demjenigen, der per Amt all das zu verantworten hat, auch noch sagen lassen, man sei im Grunde zu faul, verstehe die hehren Ideen der politischen Kaste nicht und solle sich im besten Fall nicht nur fรผr die Ukraine das Ersparte nehmen lassen, sondern am besten auch gleich den Sohn an die Front schicken.


Wie es der franzรถsische Historiker Emmanuel Todd in seinem Werk „Der Westen im Niedergang“ feststellt: In den liberalen Oligarchien des Westens fรผhlt sich das Volk nicht mehr durch die politische Klasse vertreten, die das Volk aber auch gar nicht mehr vertreten will, weil sie anderen Ideologien folgt. Was den Aufstieg des sog. Populismus begรผnstigt hat.
Den groรen sozialpolitischen Kahlschlag kann die Union noch nicht durchsetzen. Wahrscheinlich bekommt die AfD diesen Part zugewiesen, wenn sie sich nach der letzten Runde der Billionenschulden-Party siegestrunken in Ministersessel plumpsen lรคsst.
„Es hรคtte so vielversprechend beginnen kรถnnen.“
Hรคtte hรคtte Fahrradkette. Mehr hat der aufmerksame Zuschauer von Anfang an nicht erwartet, aber immerhin halten die Blackrocker weiterhin konsequent die vom Krankkaufmann im Wahlkrampf fest versprochene Brandmauer ein.
Warum? Merz hat nicht vergessen wen er vertreten sollte, es interessiert ihn schlieรlich nicht solange der Posten sicher ist. Und immerhin da ist er in guter, jahrzehntealter Unionstradition, denn die war schon immer gut darin selbstherrlich besser zu wissen als der Wรคhler was „richtig“ ist.