Nun hat Karlsruhe also entschieden: Die AfD muss in einem Saal bleiben, in dem der einzelne Abgeordnete mit 1,66 Quadratmetern 72 Prozent des EU-weit vorgeschriebenen Platzes fรผr ein Bioschwein (2,3 Quadratmeter) genieรt. Hinzu kommt fรผr das Schwein noch ein weiterer Quadratmeter Auslauf, aber den haben die Politiker drauรen ja auch. Das Verfassungsgericht tut uns damit ironischerweise einen doppelten Gefallen: Wรคhrend ihre schnippisch formulierte, zurechtgebogene Begrรผndung fรผr das kleinliche Spielchen die politische Korrumpiertheit der deutschen Justiz entlarvt, stรคrkt so eine Benachteiligung von oberster Stelle den inneren Zusammenhalt.
Der zweitgrรถรte Saal im Bundestag, der Otto-Wels-Saal, bleibt in SPD-Hand. Ihre 120 Abgeordneten kรถnnen sich dort weiter auf knapp vier Quadratmetern pro Person ausbreiten. Karlsruhe begrรผndete das mit einer angriffslustigen Polemik: Der Saal sei nicht als eine โArt Silbermedailleโ zu verstehen, die Raumvergabe folge keiner Ranglogik, und Bundestagswahlen regelten allein den politischen Einfluss bei der Willensbildung.
Diese Unterstellung, einem Status-Spielchen zu frรถnen, ist ein Paradebeispiel fรผr Projektion: Der einzige greifbare Grund, das zusammengeschmolzene SPD-Trรผppchen in seiner geliebten Turnhalle tagen zu lassen, ist Rรผcksichtnahme auf etwaige gekrรคnkte Egos unter den Resten dieses Volksparteichens. Ob es deren Selbstbild wiederum langfristig wirklich so guttut, stรคndig in einen zur guten Hรคlfte brachliegenden Saal zu spazieren, sei dahingestellt.

Der einzige Grund, ihn der AfD zu verwehren, besteht zeitgleich darin, sie nicht aufwerten, nicht groร und stark aussehen lassen zu wollen.
Damit erreichen sie lustigerweise das Gegenteil: Stรคrker, als wenn deine 150-Mann-Truppe vom obersten Gericht in eine aus allen Nรคhten platzende Besenkammer gezwรคngt wird, weil die herrschenden Mรคchte eine scheiรende Angst vor euch haben, kann man doch kaum aussehen. Wer seine Muskeln oder seine Oberweite betonen will, der zieht sich eng an, nicht schlabbrig.
Der Entscheidung voraus ging eine Klage der AfD gegen die Saalzuweisung des รltestenrates. Darin verwies man darauf, dass die Bundestagsverwaltung als Lรถsung fรผr den Platzmangel vorgeschlagen hatte, die Tische zu verkleinern. Ein beiliegendes Gutachten attestierte zudem einen aus Verstopfungsgrรผnden mangelhaften Brandschutz, keine Fluchtwege sowie fehlende Arbeitsplรคtze.
Letzteres lรถst die Fraktion derzeit so, dass Einzeltische samt Mikrofonen von zwei Abgeordneten gleichzeitig benutzt werden. Darรผber hinaus ist die erste Reihe der Abgeordneten-Tische bis auf einige Zentimeter an die des Bundesvorstandes herangerรผckt worden, sodass man sich vorne wie bei einer Gruppenarbeit in der Schule quasi am selben Tisch gegenรผbersitzt.
Wรคhrend also kaum genug Tische und Stรผhle in den Raum passen, um 151 รrsche darauf unterzubringen, sprachen die Richter nun von โkeiner konkreten Beeintrรคchtigung fรผr die parlamentarische Arbeitโ โ und hatten damit, abseits von Gaslighting der Sorte โihr wollt doch nur aus Statusgrรผnden einen grรถรeren Saalโ, fertig argumentiert.
Natรผrlich geht in der Realitรคt beides Hand in Hand: Mehr Abgeordnete bedeuten sowohl die praktische Notwendigkeit eines grรถรeren Saales, um mit denen der anderen Fraktionen vergleichbare Arbeitsbedingungen bei den Sitzungen zu gewรคhrleisten, als auch ein logisches Anrecht auf ihn als Statussymbol. Niemand weiร gerade um letztere Funktion besser als รltestenrat und Verfassungsgericht, denn deswegen verwehren sie ihn ja.
An dem Beschluss wirkte auch Ann-Katrin Kaufhold mit, die letztes Jahr im Windschatten der deutlich mehr beachteten und letztlich gekippten SPD-Kandidatin Frauke Brosius-Gersdorf ins hรถchste Richteramt gewรคhlt worden war. Sie vertritt etwa die Ansicht, dass โunpopulรคre Klima-Maรnahmenโ an Gerichte und Zentralbanken ausgelagert werden sollten, um sie hemmender demokratischer Kontrolle zu entziehen:
โEin hรคufig thematisiertes Defizit von Parlamenten mit Blick auf Klimaschutz ist die Tatsache, dass sie auf Wiederwahl angewiesen sind. In der Folge tendieren sie wohl dazu, unpopulรคre Maรnahmen nicht zu unterstรผtzen. (…) Gerichte oder Zentralbanken, auf der anderen Seite, sind unabhรคngig. Damit eignen sie sich zunรคchst einmal besser, unpopulรคre Maรnahmen anzuordnen.โ
In Zeiten, in denen Teile des Mainstreams einen strategischen Wechsel von der Zerschlagung oder Verhinderung der AfD hin zu ihrer Eingliederung ins System durch die Stรคrkung โGemรครigterโ (also biegsamer Teile der Partei ohne eigene Weltanschauung) anstreben, sind solche Demรผtigungsversuche Gold wert โ gerade wenn sie die Gleichschaltung verschiedenster, sich der รffentlichkeit stets als unabhรคngig voneinander prรคsentierender Institutionen demonstrieren.
Solche Mรครigungs-Appelle kann man innerparteilich nรคmlich nur entweder an Schreckensszenarien oder groรen Verlockungen festgemacht verstรคrken: โRemigration aus dem Programm, sonst Verbot!โ, โDistanzierung von der IB, dann sind wir regierungsfรคhig!โ. Derartige Auswรผchse kleinteiligerer Gรคngelung wiederum unterstreichen eher den armseligen, opportunistischen Charakter der Biegsamkeits-Prediger: โHรถcke weg, dann kriegen wir den groรen Saal!โ


Fรผr Versammlungsrรคume gelten nicht dieselben Vorgaben fรผr den Mindestplatzbedarf wie fรผr Wohn- und Bรผrorรคume. Es bleibt einzig die Frage ob im Notfall die Fluchtwege ausreichen (tun sie das nun, oder nicht?)
Von daher bleibt abzuwarten ob sich die Spezialdemokraten mit ihrer infantilen „รtsch, unser Saal!“-Haltung einen Bรคrendienst erwiesen haben, denn der Kontrast zwischen deren halb verwaisten Prachtsaal und der umso vollgestopfteren Konkurrenzkammer arbeitet in der allgemeinen Wahrnehmung bestรคndig sie.
Und die Blackrockerbande sollte sich nicht zu frรผh freuen, denn ihnen kรถnnte bei der nรคchsten Wahl das Schicksal drohen daร sie heute komplizenhaft denen auf der anderen Seite der Brandmauer zumuten.