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KI-Kunst – Neues wagen und das Alte nicht aus den Augen verlieren

13. Februar 2026
in 3 min lesen

Das plötzliche Auftreten von KI-generierten Bildern und Videos in einer sich rasant entwickelnden Qualität ruft, wie bei fast allem KI-Bezogenen, starke Reaktionen hervor. Gerade in kreativen Handwerken, die als wesentlich menschlicher Ausdruck gelten, ist die Ablehnung oftmals groß. Videospiele weisen jetzt Verzichtserklärungen auf, dass sie keine KI-generierten Inhalte verwenden. In der Online-Szene spricht man von „KI-Slop“, der Flut an hirnlosen KI-Inhalten, die einzig als Interaktionsköder für jene gedacht sind, die nicht erkennen, dass es KI ist.

Es stellt sich die Frage, ob KI einzig eine logische Weiterentwicklung kreativer Werkzeuge ist oder ob sie die Überschreitung eines Rubikons darstellt, bei dem der Mensch nicht mehr der Schöpfer des Künstlerischen ist. Wie aber lässt sich diese Ansicht zum Beispiel von der Fotografie abgrenzen? Ist der Mensch, der den Prompt verfasst, nicht ebenso oder ebenso wenig Schöpfer wie der, der mit der Kamera das Bild knipst? Ist es nicht in beiden Fällen die Maschine, die das Bild erzeugt, und der Mensch der, der es bloß auswählt?

Als vor einigen Jahren die Filmindustrie vom analogen Film auf digitales Video umstellte, gehörte ich zu den wenigen, die diesen Schritt für einen Fehler hielten. Nicht aus Philistertum, weil ich mich technischen Neuerungen widersetzte, sondern weil es um eine Tradition ging, die bis in das 19. Jahrhundert und die Geburt des Films als Medium zurückreichte. Welch ein Archaismus eigentlich, dass man auf einem Filmprojektor aus dem Jahr 2000 einen Film aus dem Jahr 1900 hätte projizieren können.

Ein Film aus dem Jahr 2000 sieht natürlich nicht aus wie einer von 1900, hinzu kamen Farbe, Ton, moderne Linsen, eine andere Zahl an Bildern pro Sekunde und so weiter und ganz zuletzt sogar digitale Effekte, die entstanden, indem das Filmbild erst digitalisiert, bearbeitet und dann wieder auf den Film gedruckt wurde. Doch der Film zog sich wie ein roter Faden durch diesen ganzen Werdegang des Mediums, dem er den Namen gab. Mit dem digitalen Video ging zumindest dieser Teil der Geschichte zu Ende. Einstmals werden nur noch wenige Gelehrte wissen, warum ein Film überhaupt „Film“ heißt.

In dem Sinne war der Schritt von analogem zu digitalem Film viel einschlägiger als der Schritt zur KI, obgleich er mit unendlich größerer Gleichgültigkeit abgetan wurde (und wird). Es gibt hingegen kein klares Argument dafür, dass KI nunmehr die Überschreitung dieser roten Linie im Kunsthandwerk sei. Es handelt sich um eine rein subjektive Einschätzung, bis zu welchem Punkt der Mensch Schöpfer zu sein habe und ab welchem Punkt es die Maschine sein sollte.

Die Reaktion erinnert an die Widerstände, die es während der frühen industriellen Revolution gegen die Mechanisierung gab. Selbst die Argumente damals waren ähnlich, man sprach von der Entfremdung des Menschen sowie dem Verlust von Arbeitsplätzen. Vielleicht nicht ganz mit Unrecht, zu Beginn des Prozesses vor allem, auf lange Sicht aber bedeutete die Industrialisierung auch, dass der Durchschnittsbürger eines Industrielandes über Bequemlichkeiten verfügt, die eineinhalb Jahrhunderte zuvor den Wohlhabendsten der Gesellschaft vorbehalten waren.

Im Kunsthandwerk hätte KI das Potenzial, genauso wie die Mechanisierung, dass viel weniger Leute viel mehr machen können. Statt vieler Millionen für eine Filmproduktion würden angemessene Prompts und Fertigkeiten mit einem Schnittprogramm reichen. Und ein kleines Entwicklerteam könnte Videospiele produzieren, die großen Produktionen in kaum etwas nachstehen. Es drängt sich der Gedanke auf, dass es sich, bewusst oder unbewusst, um sogenanntes „Gatekeeping“ handelt, den bewussten Wunsch, die Medienproduktion im exklusiven Kreis einer dominanten Oligarchie zu halten.

Zudem entsteht dieses Denken aber auch aus dem Wunsch nach etwas, das man „Qualitätskontrolle“ nennen könnte. Ähnlich wie manche Leute noch immer meinen, man dürfe Nachrichten nur den „seriösen“ Medien entnehmen. Ein ähnliches Stigma lastet auch auf selbstverlegten Büchern, die von Rezensenten systematisch abgewiesen und von der Literaturwelt ignoriert werden, als würden große Verlage nicht auch Schund vertreiben.

Simpel gesagt ist KI-Slop nicht KI-Slop, weil es KI, sondern weil es Slop ist. Der Wunsch nach einer Qualitätskontrolle, die einem die Mühe nimmt, selbst darauf achten zu müssen, was man konsumiert, bedeutet nichts anderes als sich dem betreuten Denken hinzugeben. Da kann man genauso gut einfach den ÖRR einschalten.

Es sollte stattdessen höher gewichtet werden, dass man Traditionen des Kunsthandwerks erhält, wie im vorherigen Beispiel des Films. Ein vom Menschen geschriebener Text ist vielleicht nicht so einheitlich artikuliert wie von einer KI; das Foto vielleicht nicht so ideal proportioniert, doch gerade darin sollte ja der Reiz liegen – genau wie im oft imitierten „Makel“ des Filmkorns. Jetzt wollen viele diese Traditionen urplötzlich gewichten, ohne sich aber je damit auseinandergesetzt zu haben, worin das Wesen solcher Traditionen überhaupt liegt.

Es ist ironisch, dass ich, der noch immer dem Rollfilm nachtrauert, der seine Fotos analog macht, der seine Bücher und Texte selbst tippt, im Grunde ein Plädoyer für die KI im Kunsthandwerk verfasse. Doch es liegt wohl daran, dass man, wenn man Traditionen versteht und hütet, auch weniger Angst vor dem Neuen zu haben braucht.

3 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Dem Verfasser dieser Zeilen danke ich für den Erkenntnisgewinn. Seinem Fazit stimme ich hundertprozentig zu: schlimmer geht immer; dafür braucht es keine weit über- sowie zwangsbezahlten Posten & Pöstchen.

  2. Das mit der großen kreativen Entfaltungswelle, die nun über KI theoretisch möglich wäre, scheint aktuell eher immer unwahrscheinlicher zu werden. Gängige, der breiten Masse zugängliche KI-Modelle werden immer stärker reglementiert, beschnitten und zensiert. Die große wilde Phase der freien KI-Kunst dürfte damit also nicht angebrochen, sondern eher schon wieder fast vorbei sein.

    Die wirklich brauchbaren KIs bleiben hingegen einem kleinen elitären Kreis vorbehalten, der dieses Instrument primär aus macht- und wirtschaftspolitischen Interessen nutzen wird.

    Dies kann sich natürlich noch alles ändern – aber momentan zumindest deutet alles in die entgegengesetzte Richtung von freier Verfügbarkeit zugunsten neuer künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten.

  3. Als ehemaliger Drehbuchautor und Regisseur, der sich frustriert von der Branche abgewendet hat, weil er an den Gate Keepern nicht vorbei kam, setze ich eine gewisse Hoffnung auf die KI. Man möge sich das Beispiel Home Studio für Musikproduktion vergegenwärtigen. Mit ein paar 1000 € konnte man ca. ab der Jahrtausendwende von seinem Kinderzimmer aus eine Musiker-Karriere starten.
    Film hat leider das Problem, das es die teuerste Kunstform mit dem höchsten Invest-Risiko ist. Diese Markteintrittsbarrieren halten bis heute viele Talente davon ab, ihre Geschichten zu erzählen und werden durch KI massiv gesenkt werden. Das kann man nur begrüßen.
    Es ist nicht schlimm, wenn es dadurch mehr Schrott gibt – Hauptsache es gibt auch mehr Authentizität & Freshness. Die hat nicht zuletzt das deutsche Kino bitter nötig.

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